Zur Geschichte

der Familie Brunn auf der Wienbeck bei Wulfen

 

 

Verfasser:
Hubertus Brunn
Mühlenholzweg 19
33106 Paderborn

 


1. Vorbemerkung

Sich mit der Geschichte der eigenen Familie zu befassen, hat seinen besonderen Reiz. Es ist die Frage nach dem „Woher“ komme ich, es ist die Neugier, vielleicht erfahren zu können, wie mögen sie – unsere Vorfahren – wohl gewesen sein,  und: wo und wie haben sie gelebt, was haben sie wohl erlebt, wie sind sie mit ihren Lebensumständen umgegangen und auch: finde ich mich selbst in ihnen vielleicht wieder?

Offenbar hat in der Brunn’schen Familie immer ein Interesse daran bestanden, sich mit der Geschichte der Familie zu befassen. Es gibt daher aus der Brunn’schen Familie eine Reihe von  „Stammbäumen“, die vor allem in den beiden letzten Generationen erstellt wurden. Aber auch verwandte Familien haben sich im Rahmen ihrer Familiengeschichte mit der Brunn’schen Familie befasst und Daten unserer Familie in ihre Familiengeschichte eingearbeitet.

Es sind jedoch nicht nur die Daten, Geburts-, Hochzeits-, Sterbedaten, die die Geschichte einer Familie ausmachen. Wichtig scheint mir zu sein, wenigstens einen kleinen Blick zu versuchen in ihre geschichtliche Zeit, in ihre Lebensumstände und, wenn möglich, auch etwas zu erfahren zu ihrer Person: „wer waren sie?“

Dies soll im Besonderen auch das Anliegen dieser Chronik sein.

Zwei bereits vorhandene Chroniken bilden dazu die wesentliche Grundlage:

  • Die “Chronik der Herrlichkeit Lembeck“, verfasst von Franz Brunn (1806 – 1892). Sie befasst sich mit der Naturräumlichkeit und der Geschichte der „Herrlichkeit Lembeck“ von den Anfängen der Forschung bis 1875.

und

  • die Chronik „800 Jahre Gemeinde Wulfen 1173 – 1973“, zusammengestellt und bearbeitet von Josef Brunn (1896 – 1988).

Vorstehende Chroniken sind auf die Orts- und Heimatgeschichte ausgerichtet. Sie sind daher die wesentliche Grundlage für die „Zeitgeschichte“, in der die jeweilige Generation unserer Vorfahren gelebt hat.  In ihnen finden sich zudem aber auch zahlreiche Hinweise zur Familie Brunn auf der Wienbeck selbst als Teil dieser Orts- und Heimatgeschichte.

Eine ungewöhnliche und umso dankenswertere Grundlage für die unmittelbare Geschichte der Familie  sind handschriftliche Aufzeichnungen von Franz Brunn (1806 -  1892).  Sie sind bekannt in der Zusammenfassung, die Heinz Brunn (gb.1929), erstellt hat. Leider steht nur diese Zusammenfassung zur Verfügung, sie ermöglicht jedoch wesentliche und lebendige Einblicke in die Lebensverhältnisse unserer Vorfahren.

„Totenzettel“, Auszüge aus Familienstammbüchern, Fotos, Briefe und Berichte vervollständigen die Möglichkeiten, zu unseren Vorfahren Zugang zu finden. Dankenswerterweise haben Henri van Boom, Heinz Brunn, Margit Brunn und Dr. Wenzel Böckenhoff und Andere weitere Fotos zur Verfügung gestellt, Margit Brunn insbesondere auch Grundakten aus der Zeit der 7. und 8. Generation.

Das auf dem Titelblatt dargestellte Wappen wird seit Generationen in der Familie geführt. Sein Ursprung ist nicht bekannt. Die Darstellung auf dem Schild kann nach einer Auffassung ein Hinweis auf die Landwirtschaft bedeuten, nach anderer Auffassung ein Hinweis auf die Dreifaltigkeit.

Die verschiedenen Stammbäume, die uns zur Familie zur Verfügung stehen, weichen  in einigen, jedoch nicht wesentlichen Punkten, voneinander ab. Die genealogische Reihe der Vorfahren bleibt davon unberührt.

Alle Stammbäume kommen zu einer gemeinsamen Aussage:  der erste uns bekannte und nachweisbare Vorfahre war

Hans Braun.

Hans Braun verstarb am 27. 09. 1649 in Wulfen.

Die Generationen nach ihm bis heute sind geschlossen und nachhaltig recherchiert, vor allem aus den Kirchenbüchern der Kirchengemeinde Wulfen, in den Generationen ab ca. 1800 aber auch belegt durch teils Geburts- und Heiraturkunden, teils Familienstammbücher, oder auch  durch die „Ahnenpässe“, wie sie mit amtlicher Beglaubigung in der Zeit des Nationalsozialismus zu erstellen waren.

In der Chronologie sollen die Generationen aufgebaut sein mit Hans Braun als 1. Generation.

Die persönlichen Daten dieser 1. Generation, d.h. die von Hans Braun, seiner Frau und seinen Kindern sind nicht sehr umfangreich. Jedoch bereits in der Generation ihrer Kinder nehmen die Daten zu, vornehmlich die der Eheschließungen. In den weiter nachfolgenden Generationen finden sich immer weiter vervollständigte Daten bis in die heutige Zeit.

Die Frage, weshalb aus der Zeit vor 1600 (d.h. vor Hans Braun) und auch danach zunächst so wenige Daten aus Kirchenbüchern vorhanden sind, ergibt sich aus der Kirchenspaltung der Reformation des 16. Jahrhunderts. Vor der Reformation gab es nur eine Kirche, die römisch katholische. Jeder und jede waren (abgesehen von Juden und wenigen anderen)  römisch katholisch. Nach der Reformation war dies anders: es gab Katholiken und Protestanten. Daraus ergab sich die Notwendigkeit, die Religionszugehörigkeit zu unterscheiden und „amtlich“ festzuhalten. Demgemäß wurde durch  das Konzil von Trient (1545 – 1563) bestimmt, dass in Form von Kirchenbüchern Aufzeichnungen zu machen seien „bei besonderen Anlässen“ wie zunächst Hochzeiten, Geburten, Tod, um unter anderem „zuordnen“ und festhalten zu können, welche Religionszugehörigkeit eine bestimmte Person hatte. In der einen Gemeinde geschah dies früher, in anderen später. In Wulfen finden wir Kirchenbücher somit auch erst ab Mitte des 17.Jahrhunderts, nach dem Ende des 30 jährigen Krieges (1648).

Die Generationsfolge ergibt sich aus den Urkunden. Namens- „Änderungen“, wie wir sie auch in unserer Familie finden: Braun/Brun/Brunn, sind im Laufe der Jahrhunderte nicht ungewöhnlich. Sie resultieren häufig aus dem Sprachgebrauch, auch aus ungenauer (handschriftlicher) Schreibweise dessen, der die Eintragung in die Kirchenbücher vorgenommen hat.

Namen haben jedoch in der Regel einen Ursprung und eine Bedeutung, auch wenn diese heute nicht mehr immer nachzuvollziehen sind. Manche Namen haben ihren Ursprung in Flurbezeichnungen (Berghove), Berufen (Schneider, Müller), andere in den Merkmalen einer Person, in Flurbezeichnungen oder auch  ihrer ursprünglichen, frühmittelalterlichen Stammesgeschichte.

Hinsichtlich des Namens „Brunn“ finden sich nachfolgende „amtliche“ Ableitungen:

In „Altdeutsche Namenskunde“ von Max Gottschalk finden sich zum Namen Brunn folgende Erklärungen:

Brunn mit nn und n zu

  • althochdeutsch: brunja, brunna,
  • mittelhochdeutsch: brünne „Brustharnisch“

Brunn mit n zu altsächsisch: brun „braun“

In „Altdeutsches Namensbuch“, 2. Band 1983“, finden wir für die Entstehung des Namens Brunn die Erläuterung:

Brunn   Brun, Bruno

Ob sich aus der Namensableitung weitere Erkenntnisse zur Familiengeschichte ergeben können, muß sicherlich einer gesonderten späteren Untersuchung vorbehalten bleiben.

Die Vornamen sind neben den Nachnamen sicherlich auch Ausdruck der Familie. Kinder erhielten in den Zeiten unserer Vorfahren in der Regel die Namen von Eltern, Großeltern, Paten oder anderen Personen, d.h. von mit der Familie verwandtschaftlich verbundenen Personen. Vornamen sind daher ein wichtiger Hinweis auf verwandtschaftliche Verbindungen. Die Namen früh verstorbener Kinder finden sich häufig bei später nachgeborenen Kindern wieder. Vielleicht wollte man damit die Erinnerung an das früh verstorbene Kind wach halten. Die Namenswiederholung kann aber auch ein Hinweis darauf sein, dass dort, wo ein Sterbejahr des erstgeborenen Kindes fehlt, dieses erstgeborene Kind  früh verstorben ist.

Die Kinder erhielten meistens mehrere Vornamen. Bei mehrfacher Nennung ist es schwierig festzustellen, welcher der Vornamen als der  „gebräuchliche“ Vorname anzunehmen ist.

Der Umfang, in dem eine Chronik gestaltet werden kann, begrenzt sich von selbst. Von „jetzt aus“ gesehen ist sie nämlich ein Baum, der sich in einem großen Wipfelwerk verzweigt mit vielen Ästen und Zweigen.  Es können daher nicht alle Vorfahren erfasst sein und erfasst werden, die in diesen großen Baum der Familie hineingehören.

Mein Vater Alois Brunn (1894 – 1969) ist von Hans Braun aus gerechnet,  die 9. Brunn’ sche Generation.

Dies heißt zugleich, dass  – allein aus der Brunn’schen Familie – von meinem Vater  bis zu Hans Braun gerechnet 512 direkte Vorfahren als  Väter und Mütter „anzusprechen“ wären und dies in einem Zeitraum von (nur) etwa 350 bis 400 Jahren.

Die Darstellung der Generationen ist in Abschnitte gefasst. Der Wechsel der Generationen wurde nach Möglichkeit ausgerichtet an dem Jahr der Eheschließung der nachfolgenden Generation. Legt man die Daten der Eheschließungen zugrunde, wechselte die Generation durchschnittlich alle 35 – 45 Jahre. Man kann sagen: mit der Eheschließung des Hofnachfolgers auf der Wienbeck beginnt die nächste Generation. Deshalb habe ich versucht, die Darstellung der Zeitgeschichte auf die Zeiträume von der einen Eheschließung zur nächsten einzuordnen. Den Bruch geschichtlicher Zeiträume habe ich versucht zu vermeiden.

Wichtige Hinweise auf die Zeitgeschichte sind nicht nur die geschichtlichen Daten sondern m.E. auch Lieder (Kirchen- und andere), wie sie in den verschiedenen Zeiten gesungen wurden. Wichtige Hinweise sind m.E, auch die „Beichtspiegel“ als Ausdruck der geistlichen Verfassung der jeweiligen Zeit. Sich hier Beschränkungen in der Darstellung aufzuerlegen, ergibt sich aus dem zu beachtenden Umfang der Gesamtdarstellung.

Den Generationen ist jeweils eine Übersicht über die zeitlichen Abläufe in der Generation vorangestellt. Damit soll versucht werden, einen optischen Eindruck im Familiengeschehen der Generation zu vermitteln.

Zu den Lebensdaten unserer mütterlichen Vorfahren, wann sie geboren, wann sie verstorben, über ihr Leben und Wirken stehen uns wenige Daten zur Verfügung. Dies ist aus heutiger Sicht wenig verständlich und umso bedauerlicher, weil gerade sie die Familien im Besonderen getragen haben.

Diese Chronik soll sich, wie schon aus dem Titel hervorgeht, befassen mit der „Geschichte der Familie Brunn auf der Wienbeck“. Sie ist daher bezogen auf diejenigen, die auf der Wienbeck gelebt haben. Sie ist daher, da mein Vater von der Wienbeck „abgeheiratet“ ist, nur zum Teil Geschichte meiner Familie; die Chronik soll daher bewusst beschränkt sein auf die Geschichte  derer, die bis zuletzt auf der Wienbeck gelebt haben.

Mit den letzten Generationen wird immer mehr die „Jetztzeit“ erreicht, d.h. es werden die Generationen „von der Wienbeck“ angesprochen, aus denen noch Kinder oder Enkelkinder  leben. Ich habe es für ein Gebot gehalten, für diese Generationen in der Darstellung Zurückhaltung zu üben, weil Aussagen zu Eltern und Großeltern und deren Leben zuerst ihren noch lebenden Nachkommen zustehen.

Die Chronik wurde bewusst als „Loseblattsammlung“ erstellt. Jeder, der meint, sie ergänzen zu können, kann seine Ergänzungen entsprechend einfügen. Aus diesen Ergänzungen  könnte sich eine noch umfassendere Darstellung der Familie ergeben. Deshalb sind Ergänzungen – auch Korrekturen – wünschenswert und dem Verfasser herzlich willkommen.

Wie bereits angemerkt, soll es mein Bemühen sein, die vorhandenen Daten, Berichte und Nachrichten nicht nur für sich allein wiederzugeben, sondern zu versuchen, sie miteinander und mit der Zeitgeschichte so zu verbinden, dass ein möglichst lebendiges Bild unserer Vorfahren und der Zeit, in der sie gelebt haben, entsteht.

Der damit verbundenen Schwierigkeiten bin ich mir bewusst und auch dessen, dass das so gezeichnete Bild subjektiv geprägt ist, erfordert es doch die Notwendigkeit, sich in vergangene Zeitläufe und in die in ihr „handelnden Personen“, soweit überhaupt möglich, hinein zu versetzen. Dies ist naturgemäß mit Fehlern behaftet. Der Verfasser sieht sich daher umso mehr veranlasst, in jeder Weise um Nachsicht zu bitten. Auch dort, wo geschichtliche Daten genannt sind, mögen Korrekturen durchaus angebracht sein.

Die Nennung von (aus der schulischen und späteren Erinnerung) bekannten Personen/Ereignisse in der „Zeittafel“, in der Theologie, der Geschichte,  der Literatur, der Musik und Philosophie soll ebenfalls nur dazu helfen, sich in den Zeitgeist der jeweiligen Epochen umso mehr hineinversetzen zu können.

Die Chronik ist nicht endgültig. Sie ist im eigentlichen Sinne unfertig, unvollständig, wie ich bei der Bearbeitung immer mehr feststellen musste. Aber: sie mag dazu anregen zu versuchen, über unsere Vorfahren und ihre Zeit immer mehr zu erfahren.

Schließlich: Die Arbeit erhebt keinen wissenschaftlichen Anspruch. Verständlich dürfte meine Bitte sein, dass von ihr in Auszügen oder Nachdruck nur mit meiner Zustimmung bzw. Nennung Gebrauch gemacht wird.

1.1. Einführung

Die Familie, wie sie sich uns zu Beginn unserer Betrachtung darstellt, lebte und verstand sich nicht ohne Bindung an die ihr voraus gegangen Zeiten. Die ihr voraus gegangenen Zeiten waren Ursprung und Grundlage ihres eigenen Lebensverständnisses.

Verschaffen wir uns zunächst einen Überblick über die Generationen:

1.1.1    Die Generationen auf der Wienbeck im Überblick

Generation Vater Mutter
1. Ur Ur Ur Ur Ur Ur Ur Hans Braun
? - 1649
Elisabeth Badde
? - ?
2. Ur Ur Ur Ur Ur Ur Johann Heinrich Braun
? - ?
Elisabeth Bußmann
? - ?
3. Ur Ur Ur Ur Ur Alexander Braun
? - ?
Anna Gesina Schroer
? - ?
4. Ur Ur Ur Ur Maria Bernhardine Brun
1715 - ?
Bernhard Diemke/Brun
1719 - 1802
5. Ur Ur Ur Jodokus Franziskus Brunn
1751 - 1801
Clara Angela Prohs
? - 1798
6. Ur Ur Joh. Franz. Jodokus Brunn
1778 - 1857
Gertrud Duetsch
? - 1854
7. Ur Dr. med.  Heinrich Brunn
1812 - 1891
Petronella Keuller
1809 - 1877
8. Großeltern August Brunn
1846 - 1927
Franziska Böckenhoff
1854 - 1916
9. Eltern
- auf dem Hof

- in der "Villa"

Franz Brunn
1879 - 1955
Josef Brunn
1896 - 1988
Catharina Zurbonsen
1886 - 1960
Friedel Wenderoth
1901 - 1971
10. Generation
- auf dem Hof

- in der "Villa"

August Brunn
1916 - 1990
Gisela Brunn
1933 - 2010
Irmgard Möller
1920 - 2004

Von der 8. zur 9. Generation haben sich die Eigentumsverhältnisse auf der Wienbeck geteilt, so dass zu unterscheiden war in „auf dem Hof“ und „in der Villa“.

1.1.2 Die Geschichtsgebundenheit der Generationen

Wenn wir versuchen wollen, uns in das Lebensverständnis unserer ersten Generation hineinzufinden, kommen wir nicht umhin, uns auch mit der Zeit zu befassen, aus der diese Generation  gewachsen ist.

Die Generationen kommen aus der Zeit und leben in der (ihrer) Zeit. Sie sind daher geprägt durch die geschichtliche Vergangenheit und ihre geschichtliche Gegenwart. Nichts ist aus sich so, wie es ist, sondern alles ist so, wie es ist, aus dem geschichtlichen Werden. Dieses geschichtliche Werden bedeutet steten Wandel, dem sich die Generationen überlebensnotwendig immer neu anzupassen hatten, sei es in den philosophischen und religiösen,  den gesellschaftlichen, den wirtschaftlichen und technischen Entwicklungen und Erkenntnissen, den Erfindungen und Entdeckungen.

Somit war auch die erste Generation Hans Braun um 1600 in eine Gegenwart gestellt, die auf lange zurückgreifenden Entwicklungen beruht, wiederum jedoch auch nicht ohne diese denkbar ist und verständlich sein kann.

Deshalb mögen mir dazu drei kurze Exkurse erlaubt sein:

  1. über die Gedankenwelt von der Antike zum Christentum,
  2. vom Neubeginn der Zeit des Christentums bis zum Ende des Mittelalters (ca.1600)
  3. über den „gerechten Krieg“. (Der Exkurs zu 3. erscheint mir wichtig deswegen, weil die Zeiten, mit denen wir uns befassen, von Kriegen geprägt sind.)
1. Exkurs
Über den Wandel der Gedankenwelt von der Antike zum Christentum als Neubeginn:

Als das Christentum in die „Zeit“ eintrat, hatte es sich mit seiner neuen Philosophie gegen die bisher geltenden philosophischen Ideen zu bewähren und mit ihnen auseinanderzusetzen.

Voraus geht die Philosophie der „Antike“, d.h. insbesondere die Philosophien des hellenistischen Griechenlandes, beginnend mit dem Schöpfungsmythos aus der Zeit vor Homer: Am Anfang war Eurynome die Göttin aller Dinge. Weil sie nichts Festes fand, worauf sie ihre Füsse setzen konnte, trennte sie das Meer vom Himmel. Sie paarte sich mit Ophion der großen Schlange. Sie nahm die Gestalt einer Taube an, ließ sich auf den Wellen nieder und legte zu ihrer Zeit das Weltei. Auf ihr Geheiß wand sich Ophion siebenmal um dieses Ei, bis es ausgebrütet war und aufsprang. Aus ihm erwuchsen Sonne, Mond, Planeten, Sterne, die Erde mit ihren Bergen und Flüssen, ihren Bäumen, Kräutern und lebenden Wesen.

Aus dieser mythisch-religiösen Weltdeutung treten in den griechischen Kolonien des 6. Jahrhunderts in neuer begrifflich begründeter Philosophie die ersten Philosophen hervor, die das Weltverständnis über die Natur suchen (Vor-Sokratiker, so: Thales auf Milet, Pythagoras, Heraklit, u.a.).

Im 5. Jahrhundert vor Christus vollzieht sich in Griechenland mit Athen als Zentrum der Übergang zur klassischen Philosophie. Ihr Thema ist der „Mensch“(Sokrates, Platon und Aristoteles). Grundlage des Weltgedankens ist „das Gute“, das verbunden ist mit dem Wahren und Schönen. Sokrates ist überzeugt, dass gut handelt, wer das Gute weiß, Platon führt in seinen Ideen über die diesseitige materielle Welt hinaus in die Transzendenz. Aristoteles gilt als Vater der methodisch strengen, erfahrungswissenschaftlichen Forschungen, der Logik. Es geht um die Einbindung der Ideen in die tägliche Lebenspraxis. Welches Leben muß ich führen, um glücklich zu sein. Unterschiedliche Schulen geben unterschiedliche Antworten: die  Epikoreer, die Stoiker, die Skeptiker.

Ab dem 2. Jahrhundert vor Christus steht Griechenland unter der politischen Vorherrschaft Roms. Rom erkennt die geistige Leistung – Vorherrschaft – der griechischen Philosophie. Cicero bereitet ihr den Weg in das römische Imperium.

Es ergibt sich jedoch keine einheitliche, das römische Reich tragende philosophische Grundlage. Es entwickeln sich eine Vielzahl alter, abgewandelter, vermischter und neuer religiöser und philosophischer Auffassungen unter Vermischung mit orientalischen Denkweisen. Diese Strukturlosigkeit sollte letztlich das Ende des römischen Reiches bewirken, andererseits die große Chance des Christentums werden.

Wie konnte sich das Christentum gegen die „heidnischen“ Philosophien abgrenzen als „neuer Glaube“?

Die geistige Struktur der Antike war Einklang von diesseitigem, glückseligem Leben in Harmonie mit der erkannten Ordnung des Kosmos.

Dem stellte das Christentum entgegen die Jenseitigkeit in der Erlösung. Das Ziel ist jenseitige, höchste Seeligkeit nach dem Tod in der Schau Gottes.

Die christliche Religion stellt die Philosophie damit auf das Fundament des Glaubens. Fundament dies Glauben sind u.a.

  1. Die Welt ist eine Schöpfung aus dem Nichts,
  2. Gott ist die Liebe, (1. Johannesbrief 4,8),
  3. Das Reich Gottes wird kommen.

Die Überzeugung, die Welt ist eine Schöpfung aus dem Nichts, stellt einen völligen Bruch dar mit der in der antiken Philosophie vertretenen Auffassung, die Welt sei ohne Anfang (Aristoteles). Jetzt gilt: Gott hat durch einen Willensakt alles geschaffen.

Anders als in der antiken Philosophie stellt das Neue Testament besonders die Liebe Gottes heraus „denn so sehr liebte Gott die Welt, dass er seinen eingeborenen Sohn hingab, damit jeder der an ihn glaubt, nicht verloren gehe, sondern das ewige Leben habe (Johannes 3, 16).

Für die griechische Philosophie war es absurd anzunehmen, dass die Gottheit, die sich selbst genügt, sich zum Unvollkommenen, dem Menschen, hinwenden könne. Fremd war der Gedanke, dies könne  gar aus Barmherzigkeit geschehen; ein aus Liebe Mensch gewordener Sohn Gottes könne am schändlichen Kreuz für die Sünden der Welt sterben.

Anders das christliche Denken: Durch den Glauben an den Opfertod Christi wird die Liebe bestimmend für das persönliche Verhältnis des Menschen zu Gott sowie der Menschen untereinander. Und: Die Welt hat nach christlicher Auffassung nicht nur einen Anfang, sie hat auch ein Gott gewolltes Ende: das verheißene Reich Gottes.

Das Christentum war somit ein völliger Neubeginn des Denkens über Gott und die Welt.

2. Exkurs
Vom Neubeginn des Christentums bis zum Ende Mittelalters (ca.1600)

Unter Kaiser Konstantin (306 bis 337 n.Chr.) beginnt der Weg  des Christentums – bis dahin verfolgte Minderheit – zur die Welt beherrschenden Religionsgemeinschaft. Mit seinem durchaus politisch motivierten Toleranzedikt von Mailand im Jahr 313 n.Chr. hatte Konstantin die Freiheit aller religiösen Kulte garantiert.

Kaiser Theodosius erhob 380 n.Chr. das Christentum zur Staatsreligion. In der geistigen Verwirrung der Zeit benötigte er eine neue geistig und ordnungspolitisch gefestigte Struktur, die er im Christentum gewährleistet  sah.

Die Bevorzugung des Christentums führte in der Tat zu einer über Jahrhunderte fest gefügten staatlichen und geistigen Struktur; sie war andererseits aber auch von einem immer wieder aufbrechenden, schwierigen, von Spannung geprägten Verhältnis von weltlicher Macht (Kaiser) und kirchlich – religiöser Macht (Papst) geprägt.

Unter Karl dem Großen (768 bis 814 n.Chr.) verschmelzen das politische, geistige und künstlerische Erbe der Spätantike mit den frühchristlichen und germanischen Kulturen zu einer politischen und kulturellen Einheit des Abendlandes unter germanischer Führung.

Im damaligen Weltbild ist die Macht des Kaisers das Abbild der Allgewalt Gottes. Nicht der Papst, er – der Kaiser – beruft die Bischöfe und belehnt sie mit den  mit weltlicher Gewalt ausgestatteten Bischofssitzen.

Der gekreuzigte Christus wird nicht mit der erst später üblichen Dornenkrone dargestellt, sondern mit einer Königskrone, er ist nicht der Leidende, sondern der Herrschende.

Dieses Weltbild eines Kaisers als von Gott mit Herrschergewalt belehnt kommt zum Ausdruck im monumentalen Bau der Kirchen, in der Kunst und staatlichen Ordnung von Adel, Klerus und Bauern.

Theologen sind nicht nur die gelehrten Erzieher und Berater der Könige und Kaiser, sie beherrschen die Kunst der Schrift auf Pergament mit kostbaren Miniaturen und Initialen. Aber sie beherrschen auch das Kriegshandwerk und sind dazu verpflichtet.

Dem gläubigen Volk, in den Kirchen durch Lettner vom Chor der Priester getrennt, wird der Glaube durch Bilder vermittelt: Das Gute in der Darstellung Christi, der Mutter Gottes, der Heiligen, der Stifter, das Böse in der Darstellung des Teufels, der Hölle, des letzten Gerichtes, aber auch in Fratzen und Gestalten an den Portalen und Kapitellen der Kirchen.

Durch die Verbindung von weltlicher und geistlicher Macht werden die Klöster immer reicher. Nicht immer wird in den Klöstern das mönchische Ideal gelebt. Das Leben in den Klöstern verweltlicht.

Im 10. Jahrhundert bahnt sich vom französischen Kloster Cluny aus eine Änderung an mit der Forderung nach Wiederbelebung von Strenge und asketischem Maß und den alten Formen mönchischer Einfachheit. Bis zum Jahre 1200 schließen sich viele europäische Abteien und Klöster dem Geist dieser Reformen an.

Im Frühmittelalter war der Glaube gelehrt und weitergegeben worden mittels der „von den Vätern überkommenen Schrifttheologie“.

Mit dem beginnenden 12.Jahrhundert öffnet sich das Glaubensverständnis, indem auch die „Vernunft“ Eingang in die Glaubenserfahrung findet(Scholastik): Gott ist begreifbar nicht nur aus der Offenbarung der Heiligen Schrift, sondern ist vernunftmäßig auch aus der Schöpfung zu erkennen.

Das Geistesleben wird freier und blüht auf. Es findet seinen Ausdruck in der zum Himmel weisenden Gotik. Es entstehen Universitäten, damit aber auch das Risiko divergierender Meinungen.

Mit der einsetzenden freieren Denkweise „über Gott und die Welt“ verändern sich aber auch die bisher so geordneten Machtstrukturen. Es kommt zu Auseinandersetzungen zwischen Kaiser und Papst über das Recht zur Einsetzung der Bischöfe. In der Folge verlieren Kirche und Kaiser an Macht und Einfluss. In dem entstehenden Vakuum erheben sich die Fürsten gegen die absolute Vorrangstellung des Kaisers und untereinander. Fürstenfehden und Raubrittertum beunruhigen das Volk. Es flieht vom Land in die Stadt, die sich mit dicken Mauern umgibt. In den Städten gibt man sich eine eigene strenge Ordnung in Zünften, macht sich frei, treibt Handel mit anderen Städten (Hanse), ist auf seine Bildung bedacht und gewinnt Selbstbewusstsein. Auch für Lehnsherren waren diese neuen Städte durch die Erhebung von Steuern und Abgaben verschiedenster Art durchaus willkommen. Sie trugen so zu ihrem Reichtum bei.

Der Handel weitete sich aus auch als Folge der Kreuzzüge, in denen „andere Länder kennen gelernt wurden“. Händler konnten sich in Städten niederlassen, wenn sie ein Grundstück erwarben und damit steuerpflichtig wurden. Aber auch Menschen des ländlichen Raumes, die als Nicht-Erbberechtigte sich mit Erlaubnis ihres Lehnsherrn in den Städten niederließen, konnten sich aus der „Unfreiheit“ befreien, indem sie an ihren Lehnsherrn für ihre „Stadtfreiheit“ eine Ablösung zahlten.

In der neuen Freiheit, im Schutz der Städte, blühten Handel und Gewerbe auf, es reiften die neuen Erfindungen heran: Schießpulver, Buchdruck, Kompass, Globus und Taschenuhr. Abenteurer entdeckten neue Länder, Wissenschaftler näherten sich den Gesetzen der Natur, es bereitete sich ein neues und durchaus kritisches Weltbild vor.

Eine der bedeutendsten Erfindungen des Mittelalters gelang um 1450 in Mainz dem Goldschmied Johann Gutenberg. Hatten zuvor Mönche in den Klöstern mit unendlicher Sorgfalt und Ausdauer auf kostbarem Pergament gelehrte Werke, insbesondere theologische Schriften, abgeschrieben, Könige und hohe Adelige Schreiber, die zur Ausfertigung von Urkunden für sie tätig waren, gab es später auch Lohnschreiber, die ihre Dienste zur Verfügung stellten. Die Schreibkunst war ein Privileg Einzelner und korrespondierend dazu waren nur wenige in der Lage, das Geschriebene zu lesen, noch weniger das „gemeine Volk“. Durch den Buchdruck konnten nun, nachdem das Geschriebene in Zeichen gesetzt war, eine Vielzahl von Schreib-Stücken „vervielfältigt“ werden. Damit kamen Informationen in Umlauf, mehr Menschen wurden mit Informationen erreicht, Gedanken und Ideen – auch kritischer Art – konnten verbreitet werden und verbreiteten sich.

Und weiter geht es in ständigem Wandel: An den Universitäten gelangt die neue humanistische Jugend zu neuer geistiger Freiheit in der Wiedererweckung (Renaissance)antiken Gedankengutes. Die städtisch-zünftig geordnete Heimat wird eng. Der Bürger wird als „spießig“ angesehen. Die bisherige Lebensweise wird kritisiert, die unelegante gotische Schrift, die schwerfällige deutsche Sprache.

Hatte sich durch die Kreuzzüge das Wissen um andere Länder, Völker und Sitten bereits erweitert, so war dies noch einmal und besonders der Fall durch die Entdeckungen des 15. Jahrhunderts.

 Innerhalb weniger Jahrzehnte vervielfachte sich das Wissen um die Oberfläche der Erde.

Bis in die Mitte des 15. Jhd. galt das Weltbild des griechischen Naturforschers Ptolemäus (Bild 1), der im 2. Jhd. nach Christus in Alexandria lebte. Nach seiner Vorstellung war Mittelpunkt der Welt die Erde, um die die Planeten kreisten.

Demgegenüber vertrat Kopernikus (1473 – 1543) die Auffassung, dass die Sonne den Mittelpunkt des Sonnensystems bilde, die Erde und Planeten um die Sonne kreisen (Bild 2) und dass die Erde sich um sich selbst drehe (Tag und Nachtgleiche).

Seine Auffassungen, die in Widerspruch standen zu dem damaligen theologischen Weltbild, wurden durch Planetenbahnberechnungen Keplers (+ 1630) und Galileis (+ 1642) bestätigt.

Die „theologische Sicht“ der Erde war noch anders:

Die „Ebstorfer Weltkarte“ entstand wahrscheinlich um 1300 n.Chr.im Kloster Ebstorf bei Lüneburg. Sie ist keine geographisch korrekte Karte und sollte es auch wohl nicht sein. Vielmehr gibt sie die theologische Sicht und das mythologische und historische Wissen ihrer Zeit wieder.

Die Welt wird mit dem Leib Christi verglichen, weshalb oben der Kopf Christi, rechts und links seine Hände und unten die Füße dargestellt sind. Die Mitte ist Jerusalem, um das sich alles gruppiert.

Die Karte ist nicht „genordet“, dort, wo sich der Kopf Christi befindet, ist vielmehr der Osten („Das Licht, das im Osten aufgeht“).Dort ist auch das Paradies dargestellt. Europa befindet sich unten links auf der Karte. Verzeichnet sind ua. Städte wie Soest, Paderborn, Lüneburg usw. und Klöster.

Christus, das Licht das im Osten aufgeht. Ihm zugeordnet das Paradies.

 

Jerusalem: die Mitte der Welt, um die sich alles ordnet.

 

Die die Welt umspannenden Hände.

 

Die Füße, die die Welt tragen.

Die „Entdeckung der Erde“ war damit sicherlich ein mutiger Schritt. 1415 wird durch Heinrich den Seefahrer in Sagres die erste Seefahrtschule gegründet. Um 1460 erreicht Diego Gomes Liberia. 1471 überqueren Portugiesen den Äquator.  1488 umschifft Bartolomäus Diaz das Kap der Guten Hoffnung. Columbus entdeckt Amerika in der Meinung, einen Seeweg nach Indien gefunden zu haben, und überquert den Atlantik zwischen 1492 und 1504 mehrfach. 1513 entdeckt Balbos nach Überquerung der Landenge von Panama den Pazifik. Schließlich beginnt Magellan von 1519 bis 1522 die erste Umseglung der Welt.

Aufwendige Rat- und Wohnhäuser dokumentieren immer deutlicher das neu gewonnene Selbstbewusstsein des Bürgers humanistischer Prägung. Die Kirche als alleiniger Träger von Kultur und Geistesleben verliert an Bedeutung.

Vorbild für das „goldene Zeitalter“, das die Humanisten herbeisehnen, ist die römische Antike. Wieder einmal soll der Mensch das „Maß aller Dinge“ sein. Die Gelehrten sprechen lateinisch, schreiben die „alte“ Schrift, die antik war, die Künstler vermessen den Menschen auf der Suche nach dem idealen Maß. In den Stadtstaaten Italiens, Venedig, Florenz,  herrschen Alleinherrscher. Im Vatikan regieren die der Welt zugewandten „Renaissance-Päpste“. Die Herrscher umgeben sich mit

Dichtern, Malern, Bildhauern, unter ihnen die Genies Leonardo, Michelangelo, Raphael.

Der Diesseitigkeit des Lebensgefühls folgt der Verlust an echter Glaubenssubstanz. Die Kirche verweltlicht. Sie versinkt in Macht, Pracht und Glanz.

Die Konsequenz war ein neuer Aufbruch: die Reformation.

Die Reformation fand in Deutschland fast überall offene Türen.  Wo sie auf Widerstand stieß, floss das Blut, so in den Bauernkriegen, in den Hysterien der Wiedertäufer (Münster) und später im 30- jährigen Krieg.

Ausgehend von Italien sammelte sich die Katholische Kirche zur Gegenreformation. Es geht um die Rückgewinnung des katholischen Glaubens aber auch um die Wiederherstellung der absolutistischen Herrschaft.

In den endlosen Schrecken des 30-jährigen Krieges (1618 bis 1648) werden sie ausgetragen.

3. Exkurs
Über den „gerechten Krieg“ (nach Körtner Operation Heiliges Grab, S. 40-42)

In allen vergangenen Generationen und Jahrhunderten begegnen wir dem Krieg. Wie konnte es sein, dass die Völker im doch so christlichen Europa sich -anscheinend ohne wenig Hemmung- gegenseitig  mit Krieg überzogen ?

Die frühchristlichen Kirchenväter waren von der Überzeugung durchdrungen, dass Krieg, Waffengewalt und Blutvergießen verwerflich seien. In der Verpflichtung zur Mission erblickten sie lediglich einen geistigen Auftrag, dem der rechtschaffene Christ durch Predigt und beispielhaftes Leben gerecht werden sollte.

Justinus, im Jahr 165 als Märtyrer in Rom hingerichtet, trat dafür ein, „Schwerter in Pflüge, Lanzen in Ackergerät“ zu verwandeln. Tullian nannte um 200 nach Christus die Feindesliebe das Grundgesetz des christlichen Daseins.

Origines, bis zum Jahr 230 Lehrer an der sogenannten alexandrinischen Katechetenschule, schmähte die Kriegskunst und forderte alle Glaubensgenossen auf, sich als „Kinder des Friedens“ zu bekennen.

Zyprian, um das Jahr 250 Bischof von Karthago, führte Klage darüber, dass man Tapferkeit nenne, „wenn das Morden im Namen des Staates geschehe“. Der Soldatenberuf galt als „widerchristlich“, was allerdings nicht ausschloss, dass es schon damals christliche Soldaten gab.

Das Problem begann im eigentlichen Sinne an dem Tag, als Kaiser Konstantin dem Christentum Toleranz verschaffte und damit begann, das Römische Reich in ein christliches Imperium umzuwandeln. Denn wie anders als mit den Mitteln der Waffen sollte man diesen Staat, den Beschützer und Garanten der Lehre Jesu, gegen seine Widersacher verteidigen?

Kluge christliche Denker fanden heraus, dass das Evangelium „keine ausdrückliche Verdammung des Krieges“ enthalte. Sie erkannten dem Staat gewisse kriegerische Funktionen zu. Sie begannen sogar, Gebete für die Vernichtung der Heiden zu verfassen. So kannte schon Ambrosius, um das Jahr 340 bei Trier geboren, keine Bedenken, Kaiser Gratian zum Kampf gegen „die verruchten Völker der Goten“ (Arianer) aufzurufen, da keine Sicherheit sei, „wo der Glaube angetastet“ werde.

Als Kaiser Theodosius im Jahr 393 nach Christus gegen seinen Mitkaiser Eugenius zu Felde zog, bereitete er sich auf das Unternehmen durch ausgiebiges Fasten und Beten vor. Nach dem Sieg ließ er seinen Gegner hinrichten.

Augustinus war weit davon entfernt, den Krieg zu verherrlichen. Auch er hielt ihn für ein Übel, für eine Ausgeburt der Hölle, ein Werkzeug des Teufels. Jedoch vertrat er die Meinung, dass es selbst für einen gerechten Christen Situationen gebe, in denen er, ohne sündig zu werden, zur Waffe greifen müsse. Wer angegriffen werde, so lautet sein Leitsatz, habe das Recht, sich verteidigen zu dürfen. Er dürfe auch versuchen, geraubtes Gut zurück zu holen und zu diesem Zwecke Krieg zu führen. Denn dieser Krieg sei ein gerechter Krieg.

Den Kriegern selbst erteilte Augustinus eine Art von Generalabsolution. Für den einzelnen Soldaten, so stellte er fest, sei auch die Beteiligung an einem ungerechten Krieg keine Sünde, solange er sich des Unrechts seiner Sache nicht bewusst sei. Damit war die Kriegsethik nun nicht mehr Sache des Einzelnen, sondern des Fürsten, der zu prüfen hatte, ob seine Sache gerecht oder ungerecht, der Krieg also erlaubt oder unerlaubt sei.

In der Auseinandersetzung mit den Dolmatinern als Häretikern und Schismatikern ließ Augustinus erkennen, dass er deren Verfolgung als notwendigen Krieg betrachte. Der „heilige Krieg“ ein „bellum deo octore, bei dem Heerführer und Soldaten als Diener Gottes gelten“. „Die einen streiten für das Licht, die anderen für die Finsternis, die einen für Christus, die anderen für den Teufel“.

Papst Gregor I. (590-602) griff dies auf. Hartnäckige Nicht-Christen bekehrte er nicht nur durch die Auferlegung höherer Steuern, er verlieh der Missionierung heidnischer Völker durch Waffengewalt auch seine Zustimmung. Er formulierte den Grundsatz des „Unterwerfens, um zu taufen“, so dass aus der bisherigen Rechtfertigung des „Ketzerkrieges zur Einhaltung des Glaubens“ der „Missionskrieg zur Verbreitung des Glaubens“ wurde.

Auf diesem Entwicklungshintergrund wird man versuchen müssen zu verstehen, dass noch im 20. Jahrhundert „Waffen gesegnet“, „für den Sieg“ gebetet wurde. Und- wie wir alle erfahren, ist auch im 21. Jahrhundert die kriegerische Auseinandersetzung allgegenwärtig.

Nach heutiger Auffassung (vergleiche Katechismus der katholischen Kirche) sollen die „klassischen Kriterien des gerechten Krieges“ sein:

1) Es muss einen gerechten Grund geben (iusta causa). – etwa Selbstverteidigung gegen erlittenes oder drohendes Unrecht-.

2) Das Kriegsziel muss gerechtfertigt sein (intentio recta), -etwa die Wiederherstellung des Friedens, nicht aber Unterwerfung, Rache-.

3) Der Entschluß zum Kriege muss von einer befugten Staatsmacht (legitima potestas) gefasst werden.4) Der Krieg muß das letzte Mittel sein (ultima ratio).

5) Der Schaden der Abwehr darf nicht größer sein, als der abzuwehrende Schaden (debitus modus).

6) Es muß eine hohe Erfolgsaussicht bestehen. Ein aussichtsloser Widerstand rechtfertigt den Krieg nicht.

7) Die Kriegsführung muss (soll) zwischen Beteiligten und Unbeteiligten unterscheiden.

Erst seit dem Ende des 2. Weltkrieges haben wir in Europa eine Zeit des Friedens über nunmehr 66 Jahre. Der Friede zwischen den Völkern ist ein hohes Gut. Wir sind immer wieder aufgerufen, uns um ihn zu bemühen und uns für ihn einzusetzen, - er ist (auch heute) nicht selbstverständlich.

1.1.3    Die naturräumliche und Orts- Gebundenheit der Generationen:

Alle direkten Vorfahren der Generationen, wie sie in der Übersichtstafel dargestellt sind, haben gelebt auf der Wienbeck bei Wulfen, heute Ortsteil der Stadt Dorsten, Kreis Recklinghausen.

Der erste uns urkundlich nachgewiesene Vorfahre ist, wie in der Übersichtstafel dargestellt, Hans Braun. Ob auch seine Vorfahren bereits auf der Wienbeck gelebt haben, wissen wir nicht. Auch wissen wir (noch) nicht, woher er und seine Familie  zur Wienbeck gekommen sind.

In den uns bekannten Generationen war die „Wienbeck“  der markante Mittelpunkt der Familie. Über Jahrhunderte wurde das Leben unserer Familie „von der Wienbeck“ bestimmt, und nicht nur von ihr allein sondern auch von ihrem näheren und weiteren Umfeld, seinen Menschen und seiner Geschichte, die ihren Einfluß  auf die Wienbeck  und die dort Lebenden hatte.

Selbst, wenn Hans Braun der erste der Familie war, der auf der Wienbeck ansässig wurde, so hatte er mit diesem Umfeld und seiner Geschichte zu leben. Sie wurde Teil seines Lebens und Teil der nachfolgenden Generationen.

Wenn wir daher versuchen wollen, uns in das das Leben unserer Vorfahren auf der Wienbeck hineinzudenken, können wir dies nicht, ohne uns zunächst mit dem Ort, dem Raum und seiner Geschichte zu befassen, in dem unsere Vorfahren gelebt haben, denn durch diesen Ort, diesen Raum und seine Geschichte wurden unsere Vorfahren geprägt.

1. Die Wienbeck und Wulfen als Naturraum

Wulfen war früher selbständige Gemeinde. Heute, nach der kommunalen Neuordnung, ist Wulfen Ortsteil der Stadt Dorsten im Kreis Recklinghausen, im westlichen Münsterland.

Räumlich liegt Wulfen am südlichen Rand der münsterschen Bucht nördlich der Lippe. Bis zur Lippe sind es etwa 10 km. Auch westlich zum Rhein hin ist es nicht weit, nur etwa 30 km.

Landschaftlich, so heißt es in der Chronik „800 Jahre Wulfen“  ist es ein Niederungsgebiet, das in früher Zeit durchsetzt war mit Sümpfen und Mooren und undurchdringlichen Wäldern. Auf den höher gelegenen Stellen bildeten sich Ansiedlungen, die durch die sie umgebende natürliche Landschaft geschützt waren.

Mein Vater, Alois Brunn, hat in seiner Dissertation „Die Meliorationen im Kreis Recklinghausen“ die Struktur der Nass-, Feucht- Moorgebiete des Kreises Recklinghausen und damit des Lebensraumes unserer Vorfahren untersucht und ihre Entwicklung unter dem Aspekt der wasserwirtschaftlichen Maßnahmen im Laufe der Zeit behandelt.

Seine Dissertation erlaubt uns einen eingehenden Einblick in die naturräumlichen, landschaftsstrukturellen und wasserwirtschaftlichen Verhältnisse unserer vorväterlichen Heimat.

So war etwa bei Lembeck ein sehr sumpfiges Bruch, das sich über das Schloss Lembeck, die Wienbeck durch Köhl-Wenge erstreckte und endlich in der Vereinigung mit dem Wulfen’schen Bruch an der Lippe endete.

Das Wasser aus den Brüchen floß zur Lippe ab, so auch durch den Wienbach (Wienbeke, Wienbeck), an dem die erste uns bekannte Siedlung unserer Vorfahren gelegen war.

Die Sicherheit der Siedlungen wurde in alter Zeit durch ihre Lage in der Naturlandschaft geprägt. In den Niederungsgebieten, wie im westlichen Münsterland, und so auch hier im Raum Wulfen, boten Moore (Brüche) Schutz vor Eindringlingen.

Wann die „Wienbeck“ erstmals besiedelt wurde, ist bisher nicht bekannt. Wir dürfen uns die erste Ansiedlung jedoch etwa so vorstellen, dass hier im umgebenden Bruchbereich einerseits, andererseits im Uferbereich des Wienbachs/ der Wienbeke, eine Erhebung war, die eine Ansiedlung ermöglichte.

Die Ansiedlung an der Wienbeke bot somit besondere Lagevorteile. Das moorige Umland bot Schutz vor Feinden, die Erhebung Schutz vor Überschwemmungen und Nässe. Eine Ansiedlung an der Wienbeke bot zudem die Möglichkeit, deren Fischreichtum für den Unterhalt der Familie zu nutzen.

In den Jahrhunderten, in denen unsere Vorfahren auf der Wienbeck lebten, hatte die Ansiedlung offensichtlich weitere markante Lagevorteile, auf die noch im näheren einzugehen ist. Es darf angenommen werden, dass Leben und Entwicklung der Generationen unserer Familie von den Besonderheiten der Lage der Wienbeck entscheidend geprägt wurden.

 

2. Die Wienbeck und Wulfen als Grenzland

Blicken wir zurück:

Wulfen war, bedingt durch seine Lage nicht weit östlich des Rheins und nicht weit nördlich der Lippe, in seiner Geschichte immer Grenzland,

Grenzland
zwischen Kelten/Römern und Germanen,

und als Teil der weltlichen Herrschaft des Bischofs von Münster gleichzeitig Grenzland zum Fürstbistum Köln, zur Grafschaft Kleve, zum Vest Recklinghausen und heute noch „Grenzland“ zwischen Westfalen und dem Rheinland.

Der Rhein, aber auch die Lippe, waren, wie wir aus der Geschichte wissen, Flüsse, die durchgehend in allen Jahrhunderten Völker, Völkerstämme und auch Kulturräume voneinander trennten. Flüsse waren von der Natur vorgegebene Grenzen und als solche der Bereich, in dem Völker, Volksstämme, Kulturen sich gegeneinander abgrenzten, ein Raum der Auseinandersetzung, in dem Völker und Menschen einander feindlich, kriegerisch gegenüber standen, in der Regel kein Raum friedlichen Zusammenlebens. Flüsse waren zugleich für fremde Völker, ob wegen der Eroberung oder des Handels, der Zugang in bisher unbekannte Gebiete.

Derart „unruhige“ Räume, wie die Heimat unserer Vorfahren, waren aber auch Räume, in denen sich zuerst neue Entwicklungen abzeichneten, in denen Handel und Wandel stattfanden, in denen Menschen kamen und gingen, in denen neue Nachrichten empfangen, weitergegeben, ausgetauscht wurden.

In einem solchen Umfeld zu leben erforderte, aufgeschlossen zu sein für Neues, für Entwicklungen, gleichgültig, ob positiv oder negativ. Das Leben in einer Grenzregion erforderte sicher auch, mutig zu sein, einen besonderen Zusammenhalt in der Familie zu haben und den Blick nach vorn zu richten.

Dieses Umfeld, über Jahrhunderte hin, hat, davon dürfen wir vielleicht ausgehen, Leben und Schicksal, vielleicht auch den „Charakter“ unserer Vorfahren, der Familie und damit uns als Nachfahren mit geprägt.

Dies sich zu vergegenwärtigen, muß einen kurzen Rückblick in die Geschichte der Heimat unserer Vorfahren erlauben:

Nehmen wir die Zeit um 800 n.Chr.:

Die Sachsen drangen mehrfach über die Lippe in das Gebiet der Franken vor, die Franken ihrerseits in das Gebiet der Sachsen.

So waren die Regionen rechts und links des Rheins, rechts und links der Lippe im 8. Jahrhundert vor allem Schauplatz und Durchzugsgebiet zahlreicher Feldzüge und Kämpfe.

714 drangen die Sachsen gegen Köln vor und verheerten Kirchen, Klöster und Felder.

Der Frankenkönig Karl Martell wiederum zog aus dem Raum Wesel her kommend gegen die Sachsen in den Jahren 718, 720, 723, 727 und 740.

Der Frankenkönig Pippin setzte 758 ebenfalls bei Wesel über den Rhein und verdrängte die Sachsen

aus ihrer Verschanzung an der Lippe bei Haltern.

In langen und blutigen Kämpfen drang schließlich Karl der Große über Rhein und Lippe in das Sachsenland vor.

Mehrmals 779 und 784 setzte er bei Wesel über den Rhein und schlug die Sachsen bei Bocholt und Lühde.

Oder:

Nehmen wir die Zeit der Territorialauseinandersetzungen (1200 – 1500) zwischen den Bischöfen von Münster, den Bischöfen von Köln untereinander und mit anderen:

Die Lippe war wieder einmal Grenzfluß, nun vor allem zwischen dem Fürstbistum Münster und dem Kurfürstentum Köln aber auch zum Herzogtum Kleve.

Hier kam der Stadt Dorsten, die ja auch nur etwa 12 km von Wulfen entfernt liegt, als „Vorposten“ und „Bastion“ der münsterschen Bischöfe zu den Kölner Bischöfen, aber auch den „Klevischen“ besondere Bedeutung zu.

Franz Brunn schreibt:

1242 sehen wir den Grafen von Geldern in Verbindung mit dem Herrn von Meinhövel gegen den münsterischen Bischof Ludolf in Fehde….

1327 Graf Engelbert von der Mark gegen den Grafen Dieterich von Cleve, woran auch der Bischof von Münster teilnahm ….

1382 endet eine weitläufige Fehde zwischen der Stadt Dorsten und den Herren von Merfeldt.

An dieser Fehde, deren Ursachen nicht bekannt sind, nahm auch die Stadt Dinslaken gegen Dorsten teil, und es fanden blutige Treffen vor Dorsten, zu Hagenbeck, bei der Loe, bei Hervest, bei Altenrade, zu Horneburg und bei Seppenrade statt. Die Stadt Dorsten verlor in dieser Fehde 35 Krieger, deren Namen noch lange in Ehren gehalten wurden.

1420 Fehde zwischen Bischof Ludwig von Münster und dem Grafen von Cleve, letzterer  gemeinsam mit dem Grafen von Geldern Einfall in das Stift Münster.

Bald darauf fiel auch der Graf von der Mark ins Münstersche ein, eroberte Haltern und mehrere Ortschaften.

„Die Eroberung solcher festen Plätze war aber für die umliegenden Landbewohner immer mit einer großen Verheerung verbunden“, schreibt Franz Brunn.

1477 lag Goeßen von Raesfeld mit der Stadt Dorsten in Fehde ….

usw. usw. ….

Hinsichtlich der kriegerischen Auseinandersetzungen dieser Zeiten kommt Franz Brunn zu dem Ergebnis:

Blicken wir nun noch einmal auf den oben durchlaufenen Zeitraum zurück, so sehen wir soweit die geschichtlichen Nachrichten reichen, nur eine Kette von Fehden und Kriegszügen. Doch sie verdienen diesen Namen nicht; sie waren nur Raub- und Plünderzüge.

Pfingstlied aus dem Münster’schen Gesangbuch; Str. 1 aus dem 13. Jh.; T.u.W. hier nach Vehe 1537

1.1.4    Zeittafel zur Zeitgeschichte vor der 1. Generation (ca. 1550 bis ca. 1600)

Bevor wir uns mit der Zeitgeschichte der ersten Generation befassen, müssen wir aus Verständnisgründen zunächst in die Zeit vor 1600 zurückgreifen, denn die geistigen/geistlichen Verwerfungen des 16. Jahrhunderts haben das Leben der Menschen im beginnenden 17. Jahrhundert im Besonderen geprägt.

Zeittafel

Kirchengeschichte Weltgeschichte Kulturgeschichte
1546  Martin Luther † 1542-1544  4.Krieg Karls V. mit Frankreich Literatur/Philosophie:
1545  Konzil von Trient Erasmus v. Rotterdam
1546/47  Schmalkaldischer Krieg 1548  Reichstag zu Augsburg Melanchthon, Philipp
1551 2.Periode des Tridentinuums Hutten, Ulrich von
1555  Augsburger Religionsfriede 1556-1598  Philipp v. Spanien Luther, Martin
1561-1563  3. Periode des Tridentinums Müntzer, Thomas
1564  Johannes Calvin † 1564-1576  Maximilian II Paracelsus
1568  Neues Römisches Brevier 1572  Bartholomäusnacht Sachs, Hans
1582  Theresia von Avila † 1581 Trennung der Niederlande von Spanien  Kopernikus
1591 Johannes vom Kreuz † 1588  Untergang der Armada Musik:
1598 Edikt von Nantes Praetorius, M.

Aus den Wirren des Mittelalters (1400 – 1500) hatte sich die „Herrlichkeit Lembeck“ unter  ständigen Auseinandersetzungen vor allem mit dem Herzog von Kleve als Bezirk mit eigener Rechtsprechung unter den Herren von Lembeck herausgebildet.

Mit der Reformation (Anschlag der 95 Thesen Luthers 1517) war der bis dahin einheitliche katholische Glaube zerbrochen. Die katholische Kirche antwortete mit dem Konzil von Trient (1545 bis 1563). Der Augsburger Religionsfriede (1555) normierte die wechselseitige Toleranz für Katholiken und Lutheraner. Auch sollte der Territorialherr die Religionszugehörigkeit seines Territoriums (cuius regio eius religio) bestimmen können.

Es blieb jedoch nicht bei der geistigen Toleranz. Mit der religiösen Spaltung zerbrachen auch die bisher gültigen Machtstrukturen. Politische Machtansprüche besetzten die geistigen/geistlichen Auseinandersetzungen. Jede der Gruppen versuchte, ihren territorialen Machtbereich zu erweitern.

Mit der „Gegenreformation“ versuchte der Katholizismus, seine geistliche Position zurück zu gewinnen. Doch längst ging es nicht mehr um den „wahren Glauben“. Unter der Flagge des alten oder des neuen Glaubens positionierten sich die weltlichen Territorien neu.  Ergebnis der Auseinandersetzungen war der 30- jährige Krieg (von 1618 bis 1648), der das Leben der 1. Generation unserer Vorfahren nachhaltig prägen sollte.

1.1.5    Wulfen in der Zeit um 1600:

Wulfen und die „Herrlichkeit“

Die „Herrlichkeit Lembeck“, die sich als ein dem Kurfürstentum Münster nach geordnetes Hoheitsgebiet als ein Territorium mit gewissen Hoheitsrechten herausgebildet hatte, war  ein Bezirk untergeordneter Gerichtsbarkeit, jedoch mit eigenen polizeilichen und Verwaltungsfunktionen. Inhaber der Rechte in der Herrlichkeit Lembeck war das Haus Lembeck der Grafen von Westerholt.

Zur „Herrlichkeit Lembeck“ gehörten die Gemeinden Erle, Rhade, Lembeck, Hervest, Holsterhausen, Altschermbeck und Wulfen.

Wulfen mit der Bauerschaft Deuten. Wulfen dürfte um 1600 ca. 700 Einwohner gehabt haben.

2. Kirche und Schule

Das Dorf war rings um die Kirche als Mittelpunkt des Dorfes gruppiert. Die Kirche hatte zu dieser Zeit bereits mehrere Bauabschnitte hinter sich und dürfte nach der Chronik „800 Jahre Wulfen“ etwa nachfolgendes Aussehen gehabt haben:

In der Chronik „800 Jahre Wulfen“ heißt es, dass die Familie Westerholt auf Schloß Lembeck den calvinistischen Glauben angenommen hatte. Die Herren von Lembeck waren Patronatsherren auch der Kirche in Wulfen und somit befugt, die Pfarrstelle in Wulfen zu besetzen. So hatten sich denn auch vor 1649 bereits drei Pfarrer dem reformatorischen Glauben zugewandt.

Nach einer Lücke von 200 Jahren erscheint um 1572 Theodor Smythals als Pfarrer von Wulfen. Er hatte die Lehre Calvins angenommen. Auch seine Nachfolger, so der Pfarrer Rudolf Köster (1586), verkündeten den Glauben nach der Lehre Calvins.

Anfangs hatten Pfarrer und Küster die Kinder in Religion, oft auch in Lesen, Schreiben und Rechnen unterwiesen. Es bestand – ausgenommen der Unterweisung in Religion - keine Pflicht, an diesem „Unterricht“ teilzunehmen. Da die Kinder schon früh zur Arbeit zuhause gebraucht wurden und der Unterricht auch nicht unentgeltlich war, werden nicht viele Kinder am „Unterricht“ teilgenommen haben.

Erst im 17. Jahrhundert entstanden die ersten Schulen auch „auf dem Lande“.  Nach der Chronik 800 Jahre Wulfen kann von einer ersten echten Schule in Wulfen erst seit dem Jahre 1678 die Rede sein.

Gutenberg hatte die Buchdruckerkunst erfunden. Noch längst nicht jedoch hatten Bücher/Lesebücher auf dem Lande Eingang gefunden. Das vermittelte Wissen ergab sich aus den praktischen Fertigkeiten und Kenntnissen vornehmlich der Eltern, das „geistige Wissen“ aus der mündlichen Unterweisung in der heiligen Schrift. Sie wurde ergänzt durch Bilder und bildliche Darstellungen, vornehmlich in den Kirchen.

So auch in Wulfen: Um 1600 finden wir in der Wulfener Kirche bereits zahlreiche Darstellungen, die der Vermittlung religiösen Wissens dienten, die zugleich aber auch Gegenstände religiöser Glaubensfrömmigkeit in der Hinwendung zu Gott waren.

So sind unsere Vorfahren in den Jahrhunderten begleitet worden:

An diesem Taufstein aus der 1. Hälfte des 13. Jahrhunderts sind alle Vorfahren der Familie Brunn von der Wienbeck getauft worden.

Es ist der Taufstein, der die Generationen in Treue zu Gott im Glauben verbindet.

Auch dieses Barock-Kreuz in der Wulfener St. Matthäus-Kirche haben unsere Vorfahren auf der Wienbeck gekannt.

Ebenso haben sie gekannt:

Und auch diese Muttergottes wird in vielen Nöten ihres Lebens ihre Fürsprecherin gewesen sein. (Pieta aus dem 15. Jahrhundert)

3. Gemeindliche Ordnung, Feste und Feiern

Wie in Wulfen, in der Herrlichkeit Lembeck um 1600 gelebt, Feste und Feiern veranstaltet werden konnten, vermittelt uns am besten die nachstehende

Aus der Zeit des 16. Jhd.s finden wir aber auch ein Kinderlied, das sicher manche Eltern aus unserer Generation und mit Sicherheit die Mütter früheren Generationen ihren kleinen Kindern vorgesungen haben, wenn die Kinder des Abends nicht einschlafen konnten:

1.1.6    Die Wienbeck, ihre räumliche Lage und wirtschaftliche Bedeutung 

1. Die räumliche Lage

Es ist eine ins Auge fallende Besonderheit der Lage der Wienbeck, dass sie als Siedlungsplatz weder in einer geschlossenen Ortlage gelegen ist, noch offenbar die Bedeutung eines „Schulzen“- oder „Meier“-Hofes hatte, noch eine „Kötter“stelle war, gleichwohl aber eine markante Lage im räumlichen Umfeld hatte.

Bei der vorstehenden Karte handelt es sich um einen Auszug aus der Grundkarte.

Die Wienbeck befindet sich in der Mitte der Karte unterhalb des Teiches. Die Lage ist bezeichnet mit Brunn und vielleicht mit einer Lupe besser erkennbar. Rechts auf der Karte (östlich) liegt Wulfen mit der Straßenführung weiter Richtung Osten nach Münster, westlich der Wienbeck mit der Straßenführung  nach Deuten und weiter nach Wesel. Von der Wienbeck aus ist zu erkennen eine nach Norden führende Straße zum Schloß Lembeck und zum Ort Lembeck.

Um 1600 führte die Hauptverkehrsverbindung von Wulfen nach Deuten nicht (wie auf der Karte erkennbar) südlich der Wienbeck vorbei sondern nördlich „zwischen Teich und  Wienbeck“. Die südlich an der Wienbeck vorbeiführende Straße wurde erst um 1812 gebaut.

Wenn wir versuchen, uns eine Vorstellung von der Lage der Wienbeck zu machen zu der Zeit, als die Wienbeck uns erstmals als Siedlungsort genannt wird, könnte nachstehende Zeichnung für die Verhältnisse um 1600 zutreffend sein:

Auf der Zeichnung befindet sich links der Wienbach, rechts –blau- die sog. Gosse, die angelegt wurde, um Wasser aus dem nach hier verlegten Midlicher Mühlenbach abzuleiten. In späteren Zeiten wurde diese „Gosse“ ebenfalls als Wienbach bezeichnet. Von Südosten führt die Straße  von Wulfen/Münster kommend mit nördlicher Abzweigung nach Lembeck in westliche Richtung nach Deuten/Wesel. Sie überquert den Wienbach mittels einer Brücke, an der sich die Zollstation befand. Unmittelbar hier südlich angrenzend befindet sich die von den Herren von Lembeck 1596 nach hier verlegte Kornmühle.

Wiederum südlich davon sind die angenommenen Standorte der bereits vor 1600 vorhandenen Besiedlung (Nüther und seine Frau Anna bzw. Johann Braun)  eingezeichnet.

Es ist sicher gerechtfertigt zu sagen, dass der Standort „Wienbeck“ sich auszeichnete durch seine damalige unmittelbare Lage am Handelsweg von Münster nach Wesel und dessen Abzweigung zum Schloß Lembeck, dem Sitz der örtlichen Landesherren. Die an der Wienbeck vorbeiführende Straße war die direkte und kürzeste Verbindung zwischen Wesel/ dem Rheinübergang und Münster/ dem Sitz des westfälischen Landesherrn.

Die hier dargestellten mittelalterlichen Verkehrswege, die zugleich Handelswege waren, weisen für die Wienbeck die Lage am Weg „Schnellpost Münster – Wesel (1837)“ aus. Heute ist es die Bundesstraße 58 von Münster nach Wesel.

Wesel/Xanten war bereits seit der Zeit der Römer einer der bedeutendsten militärischen und Handelsschwerpunkte am Rhein. Münster war Sitz des Bischofs und Landesherrn. Es darf daher angenommen werden, dass dieser Verkehrsweg schon in frühen Zeiten bestanden hat.

Wir dürfen ferner annehmen, dass auf diesem Handelsweg, der von der Bischofsstadt Münster zum Rheinübergang in Wesel führte,  „viel Volk“ unterwegs war, Händler, auch Soldaten, Würdenträger d.h. alle, die von dem „Oberzentrum“ Münster im Osten nach Westen wollten oder umgekehrt.

Die Wienbeck war somit ein markanter Punkt auf der Reise von Ost nach West und von West nach Ost. Und wer aus welchen Gründen auch immer, die Herren von Lembeck als Landesherrn aufzusuchen hatte, kam naturnotwendig an der Wienbeck vorbei.

Die Besonderheit der Lage zeigte sich auch darin, dass sich an der Brücke dort, wo die Handelsstraße den Wienbach querte, eine Zollstation befand. Hier wurden für die Herren von Lembeck die Handelszölle erhoben und sicherlich auch kontrolliert, wer die Grenze zur Herrlichkeit Lembeck überschritt.

Nicht zu übersehen ist auch, dass die Ansiedlung an der Wienbeck von dem geschlossenen Ort Wulfen etwa 2 km entfernt gelegen ist. Sie lag somit außerhalb einer schützenden  Ortslage, ohne unmittelbare Nachbarn und somit auf sich selbst gestellt und damit in dieser ungeschützten Lage an einem sicherlich frequentierten Handelsweg dem leichten Angriff und Zugriff Fremder ausgesetzt. Zugleich verweist das Vorhandensein einer Ansiedlung an dieser exponierten Stelle jedoch auch darauf, dass die Wienbeck ein wichtiger und regional bedeutender Siedlungsschwerpunkt war.

Wir können daher davon ausgehen, dass auf der Wienbeck Fragen gestellt wurden nach dem „Woher und Wohin“. Hier trafen sich Fremde, die Neuigkeiten mitbrachten und miteinander austauschten. Auf der Wienbeck erfuhr man als erste, was sich tat „in der großen Welt“, man war informierter als andere, die diesen Zugang zu Nachrichten nicht hatten. Die Wienbeck war sicherlich so etwas wie eine  „Nachrichtenbörse“. Vielleicht erklärt sich auch daraus, dass „die Brunn’s“ in den folgenden Jahrhunderten vielfach Aufgaben übernahmen, die solche Kenntnisse erforderten und die damit auf außergewöhnliche Weise das Gesicht der Familie prägten.

2. Die wirtschaftliche Bedeutung der Lage

 In den Chroniken heißt es, dass der Wasserabfluß des Wienbaches so stark war, dass an der Wienbeck Mühlen betrieben werden konnten.

Wie oben bereits dargestellt wissen wir aus den Lembeck’schen und anderen Aufzeichnungen, dass um 1580 auf der Wienbeck eine Oelmühle betrieben wurde. Sie wurde von dem aus den Schloss Lembeck’schen Wiesen kommenden Sibbebach angetrieben.  Wo die Oelmühle gelegen hat,  können wir nicht sagen, wahrscheinlich am Wienbach unterhalb der Lembecker Kornmühle (siehe obige Zeichnung).

Im Jahr 1596 hatten nämlich die Herren von Lembeck eine Kornmühle von Wulfen zur Wienbeck verlegt. Dazu heißt es in den Aufzeichnungen:

So stand bei Wulfen seinerzeit eine Wassermühle, die von dem Hauptmühlenbach in Bewegung gesetzt wurde, der von der Middlicher Mühle auf Wulfen zu floss und von da an den Pastoratswiesen vorbei sich gegen Süden ergoss. Diese Wassermühle westlich des Dorfes gelegen, wurde im Jahr 1596 von den Herren von Lembeck  abgebrochen und nach der Wienbeck verlegt. Es war eine einstöckige Mühle, die später erweitert wurde. Mit dem Bau der Mühle selbst war die Umlegung noch nicht abgeschlossen. Man wollte das Wasser, das vom Schloss Lembeck her kam, nutzen. Es reichte aber nicht zum Betrieb der Mühle aus. Deswegen verlegten die Herren von Lembeck auch den Middlicher Mühlenbach von Schulte-Spechtel an abwärts zur neuen Mühle in der Heide. Der Bach wurde oberhalb Schulte-Spechtel abgedammt und mittels künstlicher Dämme zur Wienbeck geführt.

 Die künstliche Einleitung des Mühlenbaches hatte im Laufe der Zeit den Grundstücksanliegern beträchtlichen Schaden  verursacht. Die angrenzenden Wiesen und Weiden, die ohnehin infolge der beiderseitig höher liegenden Ackerländereien einen hohen Grundwasserstand hatten, versumpften hierdurch und durch den Rückstau der Mühle noch mehr. Um die benachbarten Grundstücke zu entwässern, wurde zur Abführung des Sickerwassers eine Gosse angelegt, die noch kartenmäßig erfasst ist.

 Die Kornmühle und die Ölmühle wurden jede für sich mit einem unterschlägigen Wasserrad angetrieben.

Für die örtliche Bevölkerung war die Wienbeck somit ein zentraler Punkt für die Vermarktung der landwirtschaftlichen Produkte, insbesondere des Korns.

Es lag daher nahe und war nahezu selbstverständlich, dass die „Wienbeck“ sich anbot und entwickelte zu einem Standort für die Versorgung, Bewirtung der Durchreisenden und der heimischen Bevölkerung, als Gasthaus und „Herberge“.

Und in der Tat, die Wienbeck  hatte diese Aufgaben sicherlich bis in die 7. Generation unserer Vorfahren, ausgewiesen durch die Wetterfahne auf dem Dach der alten Scheune „in die 3 Sterne ist gut Logi zu Pferde und zu Fuß“.

Fassen wir die Besonderheiten der Lage der Wienbeck zusammen:

  • Die Lage am Wienbach (Fischerei)
  • Die Nutzung der Wasserkraft des Wienbaches (Mühlen)
  • Die Lage am Haupthandelsweg von Münster nach Wesel
  • Die Lage an der Abzweigung der Straße zum Landesherrn auf Schloß Lembeck
  • Die Lage an der Zollstation
  • Die Lage außerhalb des geschlossenen Ortes Wulfen

1.1.7   Die ersten Besitzer auf der Wienbeck

 Die Chroniken besagen, dass um 1580 auf der Wienbeck ein Nüther mit seiner Frau Anna lebte. Sie betrieben eine Oelmühle.

Sie waren wahrscheinlich nicht die einzigen, die auf der Wienbeck lebten, denn auch die Kornmühle, die wie bereits bemerkt, 1596 von den Herren von Lembeck von Wulfen nach hier zur Wienbeck verlegt worden war, musste betrieben werden, ebenso die Zollstation. Ob diese Aufgaben ebenfalls Nüther und seiner Frau oblagen, wissen wir nicht. Wahrscheinlich dürften dafür aber auch weitere Arbeitskräfte benötigt worden sein.

Im Hinblick auf die Zollstation kann angenommen werden, dass auch Soldaten auf der Wienbeck lebten, die die Zollstation und den Grenzübergang zu bewachen hatten. Es kann auch nicht ausgeschlossen werden, dass die Wienbeck als wirtschaftlich und grenztechnisch wichtige Station eine gewisse Befestigung hatte.

Nachdem für 1580 als Besitzer auf der Wienbeck noch ein Nüther und seine Frau Anna genannt sind, die eine Oelmühle betrieben, zeichnet sich alsbald danach ein Besitzwechsel ab.

Denn es heißt in den Chroniken:

Um 1612 bewohnten ein Johann Braun und sein Schwager Luer die Wienbeck.

 Sie bewirtschafteten die Oelmühle.

1612 ist von Nüther somit nicht mehr die Rede. Da wir seinen Namen auch nicht in den zeitgenössischen Einwohnerverzeichnissen finden, werden Nüther und seine Frau spätestens 1612 die Wienbeck verlassen haben. Wir dürfen daher wohl davon ausgehen, dass Johann Braun und sein Schwager Luer die Wienbeck und die Oelmühle von Nüther übernommen haben.

Wer war Johann Braun, wer war „sein Schwager Luer“? Waren sie mit Nüther und seiner Frau Anna verwandt? War, obwohl es urkundlich nicht nachweisbar ist,  Johann Braun Vorfahre in unserer Familie? Möglicherweise, wie noch zu erörtern sein wird.

Dies vorausgesetzt dürfen wir annehmen, daß

die Wienbeck  zwischen 1580 und 1612 in den Besitz der Brunn’schen Familie gekommen ist.

(Womit sich mit dem Jahr 2012 ein Kreislauf von 400 Jahren schließt.)


2.0.0    Die Beziehungen der Familie im räumlichen Umfeld

Halten wir uns die Generationen nochmals vor Augen:

Generation Vater Mutter
1. Ur Ur Ur Ur Ur Ur Ur Hans Braun
? - 1649
Elisabeth Badde
? - ?
2. Ur Ur Ur Ur Ur Ur Johann Heinrich Braun
? - ?
Elisabeth Bußmann
? - ?
3. Ur Ur Ur Ur Ur Alexander Braun
? - ?
Anna Gesina Schroer
? - ?
4. Ur Ur Ur Ur Maria Bernhardine Brun
1715 - ?
Bernhard Diemke/Brun
1719 - 1802
5. Ur Ur Ur Jodokus Franziskus Brunn
1751 - 1801
Clara Angela Prohs
? - 1798
6. Ur Ur Joh. Franz. Jodokus Brunn
1778 - 1857
Gertrud Duetsch
? - 1854
7. Ur Dr. med.  Heinrich Brunn
1812 - 1891
Petronella Keuller
1809 - 1877
8. Großeltern August Brunn
1846 - 1927
Franziska Böckenhoff
1854 - 1916
9. Eltern
- auf dem Hof

- in der "Villa"

Franz Brunn
1879 - 1955
Josef Brunn
1896 - 1988
Catharina Zurbonsen
1886 - 1960
Friedel Wenderoth
1901 - 1971
10. Generation
- auf dem Hof

- in der "Villa"

August Brunn
1916 - 1990
Gisela Brunn
1933 - 2010
Irmgard Möller
1920 - 2004

Keine Familie lebt für sich allein. Es wurde geheiratet auf dem Hof, die Kinder heirateten, gingen „außer Haus“. Daraus ergab sich Verwandtschaft. Verwandtschaft war Verbindung, in früheren Zeiten offensichtlich auch notwendige, intensive gegenseitige Hilfe und Unterstützung.

Unmittelbar nach dem Dreißigjährigen Kriege (1618 bis 1648) beginnen die Aufzeichnungen der Wulfener Kirchenbücher. Aus Tauf-, Trauungs- und Sterberegistern der Pfarre lassen sich etwa 120 Familien nachweisen, die um 1650 in Wulfen ansässig waren. Wulfen hatte damals wohl 700 Einwohner.

Hier einige Namen: Albers, Althaus, Bahde oder Badde, Brosthaus, Braun-Andelinbeck, Braun an der Wienbeck, Bolle, Bußmann, Dimke, GroßeErwig , Kottendorf, Lüer oder Lühr, Bauktens, Dross, Rickert, Steinheuer, Stockhoff, Schwarzenbroick, Schröer, Tüsshaus, Thewes, Venhoff, Wieschenberg, Wibbelt, Wortmann, Westrig, Waterkotte.

(Wir finden hier, durch Fettdruck hervorgehoben,  Namen, denen wir in Verbindung mit unserer Familie noch näher begegnen werden.)

Wurden in den ersten Generationen Ehen geschlossen offenbar vornehmlich mit Ehefrauen aus Wulfen, zogen sich später die Kreise weiter, nach Senden bis Darmstadt

Wie sich noch zeigen wird, haben in der näheren Verwandtschaft immer besonders gute Verbindungen bestanden, so insbesondere mit den Familien Böckenhoff, Grüter, van Boom/Keuller, Schwarzenbrock, Tüsshaus, Schulte Tenderich und anderen.

Von der 6. bis zur 8. Generation dürften die Verbindungen zwischen den Familien Brunn, Grüter, Böckenhoff besonders eng gewesen sein, nicht nur verwandtschaftlich sondern auch auf einer beruflich und „politischen“ Ebene.

Oder nach dem Urkataster:

Die Wienbeck und verwandte Höfe und Anwesen im Bild

Die Wienbeck im 20. Jahrhundert.

Grüter in Schermbeck

Schwarzenbrock’s Hof in Wulfen/Deuten

Der Böckenhof in Erle-Oestrich 

Der Hof Schulte Tenderich in Hervest früher und im Jahr 2000

Der Hof Tüsshaus in Wulfen/Deuten

 

Dr.med. Heinrich Brunn in Straelen (Wohnhaus und Praxis; im Vordergrund Henri van Boom, Aufnahme 2008)


3.0.0.  Die Generationen der Familie Brunn auf der Wienbeck bei Wulfen

3.1.0  Die 1.Generation: Hans Braun & Elisabeth Badde

Zur Zeitgeschichte der ersten Generation (ca. 1600 bis ca. 1670)

Kirchengeschichte Weltgeschichte Kulturgeschichte
1608 Gründung der Protestantischen Union 1618-1648 30jähriger Krieg Literatur/Philosophie:
1609 Gründung der Katholischen Liga 1629 Restitutionsedikt Grimmelshausen
1609 Böhmischer Majestätsbrief (Religionsfreiheit) 1635 Friede in Prag Opitz
1622 Franz von Sales † 1648 Westfälischer Friede Galilei
1663 Ewiger Reichstag in Regensburg Kepler
Descartes
Hobbes
Spinoza
Locke
Leibniz
Musik:
Michael Praetorius

Die erste Hälfte dieses Jahrhunderts war geprägt von den Wirren des 30- jährigen Krieges (1618 bis 1648).

Die Brunn’sche Chronik berichtet von kriegerischen Auseinandersetzungen in der Herrlichkeit Lembeck in den Jahren, 1623, 1630, 1631, 1633, 1638, 1641.

Und zum Ende dieser Zeit heißt es in der Chronik der Herrlichkeit Lembeck:

So war (mit dem Westfälischen Frieden 1648) zwar der Friede wiederhergestellt, aber noch lange nicht waren die wüsten Erbe wieder besetzt, die dachlosen Häuser und Hütten wieder aufgebaut …….

In dieser Zeit der Nachreformation und des Dreißigjährigen Krieges hat die erste uns bekannte Generation unserer Vorfahren gelebt.

Können wir uns ein realistisches Bild davon machen, was es bedeutete, in einer Zeit derart permanenter geistiger/geistlicher und kriegerischer Auseinandersetzungen leben zu müssen?. Nach mehr als 65 Jahren des Friedens in Europa (1945 bis 2010) dürfte dies zumindest der mittleren und jüngeren Generation schwer fallen. Die Zeit, die sie erleben durften in Frieden wachsendem Wohlstand hat noch keine Generation vor ihnen erleben dürfen.

Die Reformation war auch an Wulfen nicht vorbeigegangen, denn, wie bereits berichtet, hatten sich die Herren von Lembeck dem calvinistischen Glauben angeschlossen. So gehörten auch die Pfarrer Conrad Cunnemann (1621 -1649)  und Johann Rensinck  zu den Vertretern und Anhängern der neuen Lehre.

Ob jedoch die Reformation in Wulfen in dieser Zeit durchgängig festen Fuß gefasst hat, scheint fraglich, wenn wir in der Chronik 800 Jahre Wulfen lesen: …“dass der Pfarrer Rensinck 1672 die Pfarre Wulfen verließ und nach Schermbeck ging,  wo der Protestantismus  unter dem Schutze der Landesherren von Kleve bereits festen Fuß gefasst hatte“. Und: „Dort verheiratete er sich“. In seiner letzten Predigt in Wulfen habe er gesagt: „tuet nicht nach meinen Taten sondern nach meinen Worten“, was bedeuten soll, dass seine Wulfener Gemeinde sich nicht dem reformatorischen Glauben zuwenden, sondern dem katholische Glauben treu bleiben solle.

Hans Braun und seine Familie waren in ihrer Lebenszeit sicherlich Glaubensfragen, Glaubenszweifeln, Anforderungen an einen neuen „Lebensstil“ ausgesetzt, in einer Zeit des geistigen und geistlichen Umbruchs, wie es ihn zuvor noch nie gegeben hatte.

Haben sie sich vom alten katholischen Glauben abgewendet und sind dem neuen reformatorischen/ calvinistischen Glauben gefolgt? Haben sie den „neuen Glauben“ annehmen müssen (cuius regio eius religio)?  Wir wissen es nicht.

In der Zeit der Gegenreformation ist Wulfen und sind letztlich auch unsere Vorfahren zum katholischen Glauben zurückgekehrt, dem die Familie bis heute, und, so hoffen wir, auch in den uns nachfolgenden Generationen, in Treue angehört.

Der aus dem Jahre 1657 stammende Text dieses Kirchenliedes aus dem Münster’schen Gesangbuch mag Ausdruck des Befindens der damaligen Zeit gewesen sein.

Text von 1657 aus dem Münster’schen Gesangbuch

Hans Braun war verheiratet mit Elisabeth Badde Sie ist die erste nachgewiesene Vorfahrin  in unserer Ahnenreihe.

Aus ihrer Ehe gingen 5 Kinder hervor:

Johann Elisabeth Johann Heinrich Maria Werner

Die Eltern:

Hans Braun Elisabeth Badde

Wir wissen nicht, wann Hans Braun geboren wurde. Wir wissen nur, dass Hans Braun am 27.09.1649 verstorben ist.

Wir wissen auch nicht, wann er mit seiner Ehefrau Elisabeth gb. Badde die Ehe geschlossen hat. Wir wissen auch nicht, wann Elisabeth Badde geboren und wann sie verstorben ist.

Elisabeth Badde heiratete in zweiter Ehe am 06.02.1650 Hermann Dahlmann aus Lembeck. Die Ehe blieb kinderlos. Hermann Dahlmann verstarb am 28.01.1684.

Die Kinder:

  • Das erste Kind war Johann Braun

Johann Braun, dessen Geburtsdatum nicht bekannt ist, und der am 02.09.1673 verstarb, heiratete am 17.09.1665 Anna-Margarete Vennhoff aus Deuten. Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor:

Johann Nikolaus, gb. am 21.03.1666. Er heiratete am 03.02.1693 eine Katharina Schulte.

Und als zweites Kind: Johann Heinrich wurde geboren am 25.01.1671.

  • Das zweite Kind war Elisabeth Braun

Sie heiratete am 07.12.1666 Alexander Heinrich Dietrichen

  • Das dritte Kind war Johann Heinrich Braun

Er heiratete am 28.11.1671 Elisabeth Bußmann. Aus ihrer Ehe gingen 5 Kinder hervor. Johann Heinrich Braun blieb auf der Wienbeck. Mit ihm setzte sich die Stammeslinie  auf der Wienbeck fort.

  • Das vierte Kind war Maria Braun

Sie heiratete am 28.09.1675 den Notar Bernhard Melchior Berghoven. Sie und ihr Mann verstarben beide im Jahr 1721.

  • Das fünfte Kind war Werner Braun

Werner Braun war über viele Jahre Kirchenrendant und wohnte in Wulfen. Er war dreimal verheiratet und zwar

  1. in erster Ehe am 11.07.1677 mit Gertrud Schmeing aus Heiden. Aus der Ehe ging ein Kind hervor (geboren 1678)
  2. in zweiter Ehe am 11.04.1679  mit Klara Maria Wiechertz, die am 31.10.1695 verstarb    Aus der Ehe gingen 6 Kinder hervor (geboren 1679, 1682, 1684, 1687, 1690, 1693).
  3. in dritter Ehe am 31.03.1696 mit Maria Elisabeth Althaus. Aus dieser Ehe gingen wiederum drei Kinder hervor (geboren 1697,1700, 1703)

Das Lebensschicksal dieser Familie verdeutlicht sicher im Besonderen die Lebensverhältnisse, denen sich die Familien in den früheren Jahrhunderten ausgesetzt sahen. Man kann sie so sehen:

Die Mutter Gertrud Schmeing ist möglicherweise bei/nach der Geburt ihres ersten Kindes 1678 gestorben.

Schon im April 1679 heiratet der Witwer ein zweites Mal – Klara Maria Wiechertz. Diese bekommt von 1679 bis 1693 sechs Kinder und verstirbt 1695. Als sie verstirbt ist das älteste Kind (ihres Mannes aus erster Ehe) 17 Jahre alt, die anderen (aus ihrer Ehe) 16, 13, 11, 8, 5,  das jüngstes Kind 2 Jahre alt. Verstarb sie bei der Geburt ihres siebten Kindes?

Schon im März 1696 heiratet der Witwer erneut – Maria Elisabeth Althaus. Was sollte der Witwer auch anderes machen. Maria Elisabeth Althaus  übernimmt somit die 7 Kinder im Alter von 3 bis 18 Jahren aus den vorhergehenden Ehen ihres Mannes und bekommt noch drei eigene Kinder hinzu.

Ein heute wohl kaum noch nachvollziehbares Familien- Lebensschicksal.

Das Bild der 1. Generation

Rufen wir uns in Erinnerung: 1580 lebte auf der Wienbeck ein Nüther mit seiner Ehefrau Anna. Sie betrieben eine Oelmühle.

1596 verlegten die Herren von Lembeck die Midlicher Kornmühle zur Wienbeck. Sie wurde errichtet nicht auf dem Grundstück des Nüther, jedoch in unmittelbarer Nachbarschaft auf dem den Herren von Lembeck eigenen,  nördlich angrenzenden Grundstück. Wiederum unmittelbar nördlich angrenzend  sehen wir die Straße mit Abzweigung zum Schloß Lembeck und die Zollstation an der Brücke über den Wienbach.

Die bereits oben dargestellte Lage der Wienbeck soll nochmals dargestellt sein:

Um 1612 „erscheinen“ auf der Wienbeck also die miteinander verwandten Johann Braun und Heinrich Luer.  Sie übernehmen die Oelmühle des Nüther, und die Herren von Lembeck übertragen ihnen die Verwaltung der Kornmühle. Ebenfalls wird ihnen übertragen die Verwaltung der Zollstation.

Wer waren die Familien Braun – Luer – Dahlmann ?   Gab es eine besondere Beziehung zwischen den Herren von Lembeck  und diesen Familien?

Dass die Herren von Lembeck befugt waren, die  Midlicher Mühle nach hier an den Wienbach zu verlegen, dürfte außer Frage stehen. Dass die Familie Braun- Luer – Dahlmann jedoch hier ebenfalls in unmittelbarer Nachbarschaft zur Mühle siedeln durften, ist nicht selbstverständlich.

Auch eigentumsmäßig waren der Besitz der Herren von Lembeck und der Besitz der Familie Brunn auf der Wienbeck, wenn man den Grenzverlauf in folgenden Jahrhunderten betrachtet,  in ungewöhnlicher Weise verzahnt.

Im Lembecker Archiv gibt es Hinweise auf vielfältige Beziehungen zwischen den Herren von Lembeck und den Brunn’s , vor allem eine Reihe von Grundstücksverträgen. Es fanden sich bisher jedoch keine Hinweise, die sich auf das Siedlungsrecht unmittelbar zur Mühle, zur Zollstation, zur Verwaltung der Kornmühle beziehen.

Als Besonderheit der Lage dürfte auch zu sehen sein: Die nördlich der Wienbeck gelegene Flur trägt den Namen „Galgenberg“. Hier wurden Verbrecher durch den Galgen hingerichtet. In der Nähe einer Hinrichtungsstätte zu leben war sicherlich auch nicht sehr attraktiv.

Der älteste uns erhaltene Vertrag vom 20.01.1714, mit dem Alexander (?) Braun ein Grundstück aus dem Galgenberg erwirbt. (Archiv Margit Brunn)

Und trotzdem muß die Wienbeck als Siedlungsstandort attraktiv gewesen sein.

Eine Besonderheit ist sicher auch: Die Familie Braun/Brunn auf der Wienbeck, ebenso wie die (verwandten) Familien Bussmann und Schroer, waren lehnsunabhängig, wie im Handbuch „Die Höfe des Münsterlandes und ihre grundherrlichen Verhältnisse Band 52 S. 1994“ (Landesarchiv Münster) ausgewiesen ist.

Und: Die Brunn’s waren vom Ursprung her auch wohl keine „Bauern“, denn es heißt in den Aufzeichnungen von Franz Brunn:

Sie hatten auch schon einigen Grundbesitz in antikretischer Benutzung.  (das bedeutet: Da es seinerzeit Christen verboten war, für verliehenes Geld Zinsen zu nehmen erhielten sie als Gegenleistung  von den Darlehnsnehmern (Bauern) Nutzungsrechte an deren Land).

Das heißt: Sie bewirtschafteten wohl vornehmlich fremdes Land und hatten wohl kaum eigenes Land.

Gleichwohl muß die Familie wohl gut gestellt gewesen sein aus den Einnahmen der Oelmühle, der Verwaltung der Kornmühle und der Zollstation.

Was lag bei dieser Konstellation näher, als auch noch „einen zunächst kleinen Ausschank einzurichten“, und später –wie sich aus den Nachforschungen ergeben hat,- eine Wirtschaft und Herberge zu betreiben.

Deswegen dürfte die Aussage erlaubt sein, dass unserer Vorfahren vom Ursprung her wohl eher „Kaufleute“ waren und sich zunächst nur im „Nebenerwerb“ mit der Landwirtschaft befaßten.  Sie treiben Handel mit eigenen Gütern (Oelmühle) und waren Verwalter fremden Vermögens (Kornmühle und Zollstation der Herren von Lembeck).

In dieser Konstellation verfügte die Familie über - nach damaligen Verhältnissen -  sicherlich gute Einkünfte und eine wahrscheinlich nicht unbedeutende Stellung.

Wir dürfen weiter annehmen, dass die Familie - ebenso nach den damaligen Verhältnissen – einen gehobeneren Bildungsstand hatte. Auf Grund ihrer Tätigkeiten, ihres Berufes, müssen sie in der Lage gewesen sein, kaufmännisch zu denken, des Rechnens und Lesens kundig, „weltoffen“, aufgeschlossen, geschäfts- und „kundenorientiert“ gewesen sein. Und immerhin konnte sich die Tochter Maria bereits mit einem Notar verheiraten.

„Bauern“ waren sie damals und auch in den nachfolgenden Generationen wohl weniger.

So werden wir, wenn wir die Generationen weiter verfolgen, sehen, dass uns „typische Bauern“ unter unseren Vorfahren weniger begegnen werden. Der erste „richtige Bauer bzw. Gutsbesitzer“ war wohl Franz Brunn (9. Generation).

Ihre eigentliche Aufgabe und ihr eigentliches Interesse sahen die Brunn’s wohl mehr in der Wahrnehmung von Geschäfts- und Verwaltungsaufgaben, als Rendant, Amtmann, Bürgermeister, Geodät und im Betrieb von Gastwirtschaft und Beherbergung.

Wer war Johann Braun? War er der Vater von Hans Braun ?

Wie bereits dargestellt, lebte 1612 auf der Wienbeck ein Johann Braun. Urkundlich ist nicht nachweisbar, dass Johann Braun und Hans Braun miteinander verwandt waren, jedoch legt die Namensgleichheit dies zumindest nahe.

Zunächst spricht einiges dafür, dass Johann Braun und Hans Braun nicht die gleichen Personen sind. Johann Braun bewirtschaftete 1612 die Wienbeck zusammen mit seinem Schwager Luer. Er war zu dieser Zeit bereits verheiratet, war also sicherlich 25 bis 30 Jahre alt.

Hans Braun hingegen dürfte, wie sich aus nachstehendem ergibt, erst um 1610 bis 1615 geboren sein.

Das erste Kind von Hans Braun, sein Sohn Johann Braun, heiratete 1665 und dürfte zu diesem Zeitpunkt wohl 25 bis 30 Jahre alt gewesen sein. Er wurde daher um 1635 bis 1640 geboren. Sein Vater Hans Braun dürfte somit, als sein erstes Kind geboren wurde, ebenfalls sicherlich 25 bis 30 Jahre alt gewesen sein und somit um 1610 bis 1615 geboren sein d.h. zu einer Zeit als Johann Braun als Mitverwalter der Kornmühle genannt wird.

Es ist somit wahrscheinlich, dass Johann Braun der Vater von Hans Braun war.

Dafür spricht auch, dass der „erstgeborene Enkel“ des Johann Braun und Sohn von Hans Braun ebenfalls den Namen Johann erhielt. So hatten Großvater (Johann), Vater (Hans), Enkel (Johann) den gleichen Vornamen. Möglicherweise hat man zur Unterscheidung den Vater „Hans“ gerufen.

Wir dürfen deshalb annehmen, dass unsere ersten Vorfahren auf der Wienbeck um 1612 Johann Braun und seine Ehefrau gb. Luer waren.

Die Familien Luer und Braun und auch Dahlmann „hielten gegenseitig ihre Kinder zur Taufe“ und Dahlmann „vertrat bei zwei Kindern des Heinrich Luer Gevatterstelle“. Die Familien Dahlmann, Luer und Braun waren daher offenbar miteinander verwandt. Luer war Schwager von Johann Braun.

Um 1612 dürfte daher die Familienkonstellation auf der Wienbeck so gewesen sein:

Johann Braun war mit der Schwester des Luer verheiratet. Aus ihrer Ehe ging „unser erster, gesicherter“ Vorfahre Hans Braun hervor. Er heiratete Elisabeth Badde. Nach seinem Tod 1649 heiratete seine Witwe den Hermann Dahlmann aus der wohl ebenfalls verwandten,  zumindest aber bekannten Familie Dahlmann.

3.2.0 Die 2.Generation: Johann Heinrich Braun & Elisabeth Bußmann

Zur Zeitgeschichte der zweiten Generation (ca. 1670 bis ca. 1710)

Zeittafel

Kirchengeschichte Weltgeschichte Kulturgeschichte
1682 Gallikanische Artikel 1663 Ewiger Reichstag in Regensburg Literatur/Philosophie:
1691-1700 Innozens XII 1683 Türken vor Wien Grimmelshausen, H.Chr. von
1713 Verurteilung des Jansenismus 1685 Aufhebung des Edikt von Nantes Opitz, M.
1701-1714 Spanischer Erbfolgekrieg Spee, Fr. von
Newton
Hume
Musik:
Bach, J.S.
Händel, Fr. G.

Seit den 60iger Jahren des 17. Jahrhunderts überzog Ludwig XIV. seine östlichen Nachbarn mit Krieg. Sein Ziel war, holländisches und deutsches Gebiet, soweit möglich, zu annektieren und Frankreich einzuverleiben. Beschönigend nannte er dies „Réunion“ (Wiedervereinigung). Als 1688 Kaiser Leopold I. in einen Konflikt mit den Türken verwickelt war, ließ der „Sonnenkönig“ ein Heer von 20 000 Mann in den Westen Deutschlands einfallen. Die Franzosen verlangten von der Bevölkerung hohe Kontributionen. Wer nicht zahlte, wurde mit exemplarischer Strafe belegt.

Franz Brunn beschreibt dies so: Mit dem Abschluß des Westfälischen Friedens 1648 sollte eigentlich eine Zeit des Friedens begonnen haben.  Es kam jedoch anders:

So war nun zwarn der Friede wiederhergestellt, die wüsten Erbe wieder besetzt, die dachlosen Häuser und Hütten wieder aufgebaut, als ein neuer Kriegszug die hiesige Gegend heimsuchte. Der König von Frankreich hatte nämlich im Jahre 1672 Feindseligkeiten gegen die vereinigten Niederlande eröffnet und den Bischof von Münster zu einem Bündnis gewonnen.

Dem stellten sich Österreich und der Kurfürst von Brandenburg entgegen, sie zogen

„ins Stift Münster um den Bischof wegen seines Bündnisses mit Frankreich zu züchtigen. Es wurde von beiden Seiten gebrandschatzt und geplündert bis nichts mehr übrig war.“

In den Jahren 1685 ff zogen Truppen des Bischofs von Köln durch die Herrlichkeit Lembeck, 1694 Truppen des Kurfürsten von Bayern, wieder andere 1697 und 1698.

In allen Fällen war die Herrlichkeit Lembeck mit Naturalleistungen, Hand- und Spanndiensten und mit Kosten belastet. 1687, so schreibt Franz Brunn,  

„wurden die Gerichte Lembeck,  Raesfeld und Ostendorf mit Exekution bedacht, weil sie sich weigerten, zum Festungsbau zu Ottenstein Fuhren zu stellen und Pfähle und F(?)aschinen zu liefern.“

Auch diese Generation hatte keine „ruhige Zeit“. Zwar gab es in der Herrlichkeit Lembeck wohl keine bewaffneten Auseinandersetzungen, aber die Auszehrung der Bevölkerung muss erneut groß gewesen sein. 

Pfarrer war zu dieser Zeit in Wulfen Wilhelm Waltering oder Woldering von 1672 bis 1720. Er erneuerte, so heißt es in der Chronik 800 Jahre Wulfen, das kirchliche Leben der Gemeinde von Grund auf. Er wurde in der Kirche bestattet.

Damals waren die Friedhöfe noch rings um die Kirche gelegen. Sie waren wohl auch noch nicht umgrenzt von Hecken oder Mauern. Nicht immer werden „Kirchhofsmauern“ nur der Verteidigung gegen Angreifer gedient haben;  Sie hatten wohl auch einen erweiterten Sinn, denn: 1675 erließ Bischof Christoph von Münster die Verordnung, dass die Kirchfriedhöfe wegen des Eindringens von Tieren durch Hecken und Mauern zu schützen seien.

Und nochmals ein Kirchenlied mit einem Text aus dem Jahr 1675 aus dem Münster’schen Gesangbuch:

Die Familie: 

Johann Heinrich Braun
führte als dritt-geborenes Kind seiner Eltern Hans und Elisabeth gb. Badde
die Stammeslinie auf der Wienbeck fort.

 

Johann Heinrich war zweimal verheiratet in erster Ehe mit Elisabeth Bußmann, in zweiter Ehe mit Maria zum Schaal.

Aus der Ehe mit Elisabeth Bußmann gingen 5 Kinder hervor:

Hermann Johann Heinrich Bernhard Melchior Getrud Elisabeth Alexander

Die Eltern:

Johann Heinrich Braun Elisabeth Bußmann

Wann Johann Heinrich Braun geboren wurde, wissen wir nicht. Er und Elisabeth Bußmann heirateten am 28.11.1671.

Wir wissen auch nicht, wann Elisabeth Bußmann geboren wurde, und wann sie verstarb. Jedoch dürfte sie zwischen dem 01.01.1680 (Datum der Geburt ihres letzten Kindes) und vor dem 24.07.1684 (Datum des Tages der 2. Eheschließung ihres Mannes) verstorben sein. Vielleicht verstarb sie bei der Geburt ihres letzten Kindes.

Johann Heinrich Braun heiratete in 2. Ehe am 24.07.1684 Maria zum Schaal.

Geburts- und Sterbetag von Maria zum Schaal kennen wir nicht. Aus ihrer Ehe gingen weitere fünf Kinder hervor, in denen die Stammeslinie jedoch nicht fortgeführt wurde.

Die Kinder aus erster Ehe:

  • Das erste Kind war Hermann Braun

Hermann Braun wurde geboren am 25.01.1672. Hermann wurde zwei Monate nach der Eheschließung der Eltern geboren. Hermann Braun wurde Notar in Münster. Vielleicht ist er zu diesem Beruf gekommen durch seinen in der vorhergehenden Generation angeheirateten Onkel Bernhard Melchior Berghofen, der ebenfalls Notar und mit seiner Tante Maria verheiratet war. Taufpaten waren Hermann Dahlmann und Maria Braun.

  • Das zweite Kind war Johann Heinrich Braun

Über Johann Heinrich Braun wissen wir nur, dass er am 15.07.1674 geboren wurde. Seine Taufpaten waren Werner und Elisabeth Braun.

  • Das dritte Kind war Bernhard Melchior Braun

Bernhard Melchior Braun wurde geboren am 23.02.1676. Seine Taufpaten waren sein Onkel Bernhard Melchior Berghofen und Anna Berghofen.

  • Das vierte Kind war Gertrud Elisabeth Braun

Gertrud Elisabeth Braun  wurde geboren am 20.10.1677. Mit ihr setzt sich offenbar bewusst der Vorname Elisabeth fort: von ihrer Großmutter Elisabeth Badde, ihrer Tante Elisabeth, die 1666 Alexander Heinrich Dietrichen heiratete, zu ihrer Mutter Elisabeth Bußmann. Ihre Taufpaten waren Hermann Dahlmann  und Gertrud Schmeings. Gertrud Elisabeth Braun war seit dem 13.04.1698 verheiratet mit Bernhard Steinheuer. Sie verstarb am 05.08.1747.

  • Das fünfte Kind war Alexander Braun

Alexander Braun wurde geboren am 01.01.1680.

Mit Alexander Braun setzte sich die Stammeslinie auf der Wienbeck fort.

Der Vorname Alexander kommt in der Familie ein zweites Mal nicht vor. Es ist anzunehmen, dass sein Onkel Alexander Heinrich Dietrichen, der in der vorherigen Generation mit seiner Tante Elisabeth verheiratet war, Namensgeber war. Taufpaten waren Hermann Dahlmann und Clara Wiecherts.

Die Kinder aus zweiter Ehe:

  • Maria Elisabeth Braun geboren am 07.10.1685
  • Jodokus Franz Braun geboren am 06.01.1688. Er war Vikar am Dom zu Münster
  • Klara Angela Braun. Sie wurde geboren am 10.10.1690 und starb am 31.10.1695
  • Johann Werner Braun. Er wurde geboren am 14.04.1693 und starb am 18.11.1726.
  • Anna Katharina Elisabeth Braun. Sie wurde geboren am 21.01.1696 und war seit dem 08.10.1730 verheiratet mit Wilhelm Tewes.

Für die zweite Ehe von Johann Heinrich Braun mag maßgebend gewesen sein, dass die Kinder aus erster Ehe noch sehr jung waren, als seine erste Frau verstarb: Hermann war 12 Jahre alt, Johann Heinrich 10, Bernhard Melchior 8, Gertrud Elisabeth 7, und Alexander 4 Jahre alt.

Maria zum Schael ist gewiß im Besonderen  zu würdigen. Sie hat die fünf Kinder ihres Mannes aus erster Ehe  groß gezogen und zudem weitere fünf eigene Kinder bekommen.

Als ihr jüngstes Kind Anna Katharina Elisabeth 1696 geboren wurde, war das älteste Kind ihres Mannes aus erster Ehe gerade erst 24 Jahre alt, das jüngste Kind Alexander ihres Mannes aus erster Ehe 16 Jahre alt.

Es mag wohl auch schwierig für sie gewesen sein zu wissen, dass Alexander, jüngstes Kind aus der ersten Ehe ihres Mannes, als Besitzer auf der Wienbeck verblieb und nicht eines ihrer Kinder.

Im Findbuch des Archiv Lembeck für die Jahre 1699 bis 1727 finden wir unter dem Titel „zivilrechtliche Klagen“ einen bemerkenswerten ersten Hinweis auf diese Generation. Es heißt dort:

Fiskus wider Alexander und Bernd Brun, deren Stiefmutter, auch Kleine Lasthaus, verschiedener Delikte wegen u.a. verbotenen Fuselbrennens (mehrere Prozesse).

Bei den Vorgenannten handelt es sich offensichtlich um die Brüder Bernhard (3. Kind) und Alexander (5. Kind und zugleich unser Stammvater) aus der ersten Ehe von Johann Heinrich Braun und seiner Ehefrau Elisabeth Bußmann. Die Stiefmutter hingegen dürfte Maria zum Schaal sein.

Sollte diese Annahme zutreffen, was noch näher nachzuforschen sein wird, wäre dies die erste, unsere Familie betreffende (nicht gerade erfreuliche) Urkunde. Sie würde andererseits beweisen, dass die Familie sich spätestens schon  in der 3. Generation Brun nannte.

Sieht man die damalige Situation auf der Wienbeck, kann einem oben dargestellten „Fehlverhalten“ ein gewisses Verständnis nicht abgesprochen werden.

3.3.0 Die 3.Generation: Alexander Braun & Anna Gesina Schroer

Zur Zeitgeschichte der 3. Generation (ca.1710 bis ca.1750)

Zeittafel

Kirchengeschichte Weltgeschichte Kulturgeschichte
1721-1724 Innozens XIII 1733-1738 Polnischer Erbfolgekrieg Literatur/Philosophie:
1740-1758 Benedikt XIV 1740-1780 Maria Theresia Gellert, Chr.F.
1740-1786 Friedrich II. Lessing, G.E.
Wieland, Chr.M.
Voltaire
Rousseau

Die ersten 20 Jahre dieses Zeitabschnittes mögen für Wulfen „ruhig“ gewesen sein. Jedoch schon 1733, so schreibt Franz Brunn, entstand wegen der Königswahl in Polen ein Krieg zwischen Deutschland und Frankreich.

Nach dem Tode August II. von Polen rief eine starke Partei unter dem Primas Potocki den früher von Karl XII. von Schweden eingesetzten Stanislaus Leszyynski, eine andere Partei den Sohn von Kurfürst August Friedrich von Sachsen als August III. zum König aus. Für den letzteren nahmen Kaiser Karl VI. und die Kaiserin Anna von Russland Partei, für Stanislaus  aber dessen Schwiegersohn Ludwig XV. von Frankreich. Frankreich, Spanien und Sardinien erklärten Kaiser Karl VI. den Krieg, wobei es ihnen besonders auf eine Schwächung Österreichs und auf Eroberungen am Rhein ankam.

Da der Kurfürst von Köln, so Franz Brunn, sich weigerte, sein Reichskontingent zu stellen, zogen preussische Truppen gegen Köln durch die Herrlichkeit Lembeck mit den üblichen Lasten für die Bevölkerung.

Noch 1741 zogen die Franzosen ins Land, 1744 lagerten hannoversche Truppen in der Herrlichkeit Lembeck. Damit waren, so Franz Brunn, die Auseinandersetzungen jedoch keineswegs beendet.

Zu den Kriegslasten kamen Naturkatastrophen hinzu. Im August 1738, so berichtet Franz Brunn weiter, gab es einen fürchterlichern Hagelschlag. Es fielen Eisstücke wie Gänseeier, sodaß die Feldfrüchte gänzlich zerstört wurden. Im Jahr 1739 gab es eine völlige Missernte und danach einen ungewöhnlich kalten und anhaltenden Winter, der bis in den Mai des Jahres 1740 anhielt. Am 2. und 3. Mai fiel noch soviel Schnee, dass die Äste von den Bäumen abbrachen.

Die Not war aufs äußerste getrieben, so dass viele Leute ihre (Stroh-) Dächer abnehmen mussten, um ihr Vieh am Leben zu erhalten.

Pfarrer in Wulfen war von 1720 bis 1752 Gottfried Schwenneken „jenseits Münster gebürtig“. 1745 wurde unter seiner Regie die Kirche um ein neues Chor vergrößert. Seine Begräbnisstätte fand er in der Kirche.

Ein Fronleichnamslied mit dem Text von 1741 aus dem Münster’schen Gesangbuch.

Die Familie: 

Alexander Braun/Brun führte als fünftes Kind seiner Eltern Johann Heinrich und Elisabeth die Stammeslinie auf der Wienbeck fort.

 Bei ihm erscheint in den Stammbäumen zum ersten Mal anstelle der Namensschreibweise Braun die Namensschreibweise

Brun,

die wir von nun an ebenfalls fortführen wollen.

Alexander Brun war verheiratet mit Anna-Gesina Schroer. Aus der Ehe gingen elf Kinder hervor:

Anna Elisabeth Anna Maria Gertrud Maria Bernhardine Anna Katharina Gertrud
Anna Maria Elisabeth Johann Heinrich Anna Gertrud Anna Maria Wilhelmine
Anna Christine Anna Clara Sophia Johann Heinrich

Die Eltern:

Alexander Anna Gesina Schroer

Alexander Brun wurde geboren am 01.01.1680 und starb am 26.11.1754. Am 20.11.1710 heiratete er Anna-Gesina Schroer.

Anna-Gesina Schroer stammte aus Holsterhausen von der Pliesterbek. Ihre Geburtsdaten und Sterbedaten kennen wir nicht.

 

Die Pliestermühle oder Schroer

 

Nach dem Verzeichnis von 1816 war

die Pliestermühle ein Erbhof.

 

(In den Pfarrregistern von Wulfen ist der Familienname Schroer ebenfalls bereits um 1650 verzeichnet.)

Die Kinder:

Von den aus der Ehe von Alexander Brun und Anna-Gesina Schroer hervorgegangenen Kindern waren neun Töchter und zwei Söhne.

Alle Töchter tragen als ersten Vornamen den ihrer Mutter, nämlich Anna, jedoch -bemerkenswert- mit Ausnahme der Tochter Bernhardine Maria, die den Hof in der Stammeslinie fortführte.

Die beiden Söhne wurden als sechstes bzw. elftes Kind geboren. Beide tragen die gleichen Vornamen Johann Heinrich. Dies spricht dafür, dass der als sechstes Kind geborene Johann

Heinrich früh verstorben ist und sein nachgeborener Bruder (was nicht unüblich war) die gleichen Vornamen erhielt. Auffällig ist auch, dass die erste Tochter den Vornamen Elisabeth, die zweite den Vornamen Maria trägt. Die gleichen Vornamen erscheinen wieder bei der fünften Tochter (Anna) Maria Elisabeth. Dies könnte darauf hindeuten, dass die  erst- und zweitgeborenen Töchter ebenfalls früh verstorben sind.

  • Das erste Kind war Anna Elisabeth Brun

Anna Elisabeth wurde am 06.10.1711 oder am 16.12.1711 geboren.

  • Das zweite Kind war Anna Maria Gertrud Brun.

Anna Maria Gertrud wurde geboren am 05.10.1713.

  • Das dritte Kind war Maria Bernhardine Brun.

Sie wurde geboren am 18.07.1715.

Mit Maria Bernhardine setzte sich die Stammeslinie und zwar in weiblicher Linie auf der Wienbeck fort.

Maria Bernhardine heiratete am 26.11.1749 Johann Bernhard Diemke. Johann Bernhard Diemke nahm den Namen Brun an.

  • Das vierte Kind war Anna Katharina Gertrud Brun.

Sie wurde geboren am 22.08.1717.

  • Das fünfte Kind war Anna Maria Elisabeth Brun.

Sie wurde geboren am 08.07.1719 und verheiratete sich am 12.11.1753 mit Christian Steinheuer aus Wulfen. Bei ihr finden sich die Vornamen ihrer erst- und zweitgeborenen Schwestern Anna Elisabeth und Anna Maria Gertrud wieder. Dies kann als Hinweis gesehen werden, dass diese beiden Geschwister früh vorverstorben sind.

  • Das sechste Kind war Johan Heinrich Brun.

Er wurde am 05.10.1721 als der erste Sohn geboren. Auch hier müssen wir annehmen, wie bereits bemerkt, dass Johann Heinrich nicht lange gelebt hat, weil das jüngste Kind ebenfalls den Vornamen Johan Heinrich erhielt.

  • Das siebte Kind war Anna Gertrud Brun.

Sie wurde geboren am 17.11.1722 und heiratete .... Kaiser aus Osterfeld. Anna Gertrud starb am 24.12.??.

  • Das achte Kind war Anna Maria Wilhelmine Brun.

Anna Maria Wilhelmine wurde geboren am 13.12.1724 und blieb ledig auf dem Hof. Sie starb am 28.02.1804.

Für die Geschichte unserer Familie ist Anna Maria Wilhelmine von besonderer Bedeutung. Franz Brunn berichtet, dass Anna Maria Wilhelmine seiner Mutter Gertrud gb. Duetsch viele Einzelheiten aus älterer Zeit erzählt hat. Seine Mutter hat diese Überlieferungen an ihn weitergegeben, so dass er sie in seinen privaten Aufzeichnungen und in seiner Chronik über die Herrlichkeit Lembeck schriftlich niederlegen konnte.

  • Das neunte Kind war Anna Christine Brun.

Sie wurde geboren am 13.03.1727 und starb am 24.12.1766. Sie war verheiratet mit .... Vennebuer aus Osterfeld.

  • Das zehnte Kind war Anna Clara Sophia Brun.

Sie wurde geboren am 04.11.1729.

  • Das elfte Kind war Jodokus Henricus Brun.

Jodokus Henricus Brun wurde geboren am 04.11.1732. Seine Frau war eine geborene Schroer aus Wulfen. Er zog später mit ihr zur Pliesterbek in Holsterhausen, dh. auf den Hof, von dem seine Mutter Anna-Gesina gb. Schroer stammte. Vielleicht konnte er Erbe der Pliesterbek in Holsterhausen werden, so dass für  seine Schwester Maria Bernhardine das Erbe der Wienbeck frei wurde. Wie bereits ausgeführt, ist der Hof Schroer in Holsterhausen als „Erbhof“ ausgewiesen.

3.4.0 Die 4. Generation: Maria Bernhardine Brun & Bernhard Diemke

Zur Zeitgeschichte der 4. Generation (ca. 1750 bis ca.1780) 

Zeittafel

Kirchengeschichte Weltgeschichte Kulturgeschichte
1765 Josephinismus 1740-1780 Maria Theresia Literatur/Philosophie:
1769-1774 Clemens XIV. 1740-1786 Friedrich II. Claudius, M.
1773 Aufhebung der Gesellschaft Jesu 1756-1763 Siebenjähriger Krieg Klopstock, Fr. G.
1775-1799 Pius VI. 1780-1790 Joseph II. Goethe, J.W. von
Schiller, Fr.
Lessing
Herder
Musik:
Mozart, W.A.

Die kriegerischen Auseinandersetzungen, wie sie die vorhergehende Generation gekannt hatte, setzten sich auch in dieser Generation in der Zeit des Siebenjährigen Krieges fort.

Preussen unter Friedrich dem Großen hatte in den Schlesischen Kriegen (als Teil des österreichischen Erbfolgekrieges) Schlesien erobert.  Kaiserin Maria Theresia von Österreich, die in diesen Kriegen mit England verbündet gewesen war, Preussen hingegen mit Frankreich, strebte die Wiedergewinnung Schlesiens an. Es gelang ihr, sich mit Frankreich und Russland gegen Preussen zu verbünden.  Preussen verbündete sich  daraufhin mit England. Der Krieg begann mit dem Einrücken Friedrichs d.Gr. in Sachsen im Jahre 1756. Hannover war damals Teil des englischen Königreichs. Frankreich zog daher gegen Hannover zu Felde. Preussen war um den Schutz Hannovers bemüht.

Die Heimat unserer Vorfahren war in diesem Krieg zwar nur „Nebenkriegsschauplatz“. Obwohl Westfalen im Krieg Friedrichs II. mit Maria Theresia neutral war. so ist doch eine Fülle von Elend und Not über die Menschen hereingebrochen. In einer zeitgenössischen Darstellung heißt es, die Neutralität habe keine Partei daran gehindert,

... gründlich zuzufassen, sodass das arme Volk den Becher des Leidens bis zur Neige, bis zur großen Hungersnot und völligen Erschöpfung leeren musste.

1757 zogen, so Franz Bunn, wieder Franzosen mit starken Kolonnen durch die Herrlichkeit gen Münster. In Wulfen mussten täglich 16 einspännige Wagen, 20 Vorlege- und 12 Reitpferde in Bereitschaft gehalten werden. Die Truppen drangen in die Häuser ein, demolierten alles.  Durch das Lagern ihrer Truppen auf den Feldern wurden die Früchte weit und breit verdorben.

Im Gegenzug drangen 1758 hannoversche, hessische und preussische Truppen in die Herrlichkeit ein. Zum Transport ihrer Bagage mussten sämtliche Pferde der Herrlichkeit aufgeboten werden, wiederum wurden auch die Felder verwüstet.

An Spannvieh war die Herrlichkeit so erschöpft, dass im März 1759, als die Herrlichkeit innerhalb 10 Tagen 50 Wagen stellen sollte, um Hafer von Loh nach Münster zu fahren, nur noch 25 Pferde in der ganzen Herrlichkeit übrig und von diesen noch fünf von der Krätze ergriffen.

Auch in den Jahren 1760, 1761 und 1762 setzten sich die Streifzüge und Einquartierungen verschiedener Truppen fort. Franz Brunn berichtet weiter:

Das häufige Fouragieren, nicht minder der Marsch einer großen Armee, welche auf verschiedenen Wegen ihren Marsch durch die Herrlichkeit nahm und eine Menge Pferde und Wagen, große Herden Ochsen und Schafe mit sich führten, die entweder in den Kornfeldern geweidet oder mit abgeschnittenem grünen Korn gefüttert wurden, richteten einen überaus großen Schaden an. Der 1763 abgeschlossene Hubertusburger Friede führte endlich die Ruhe in Deutschland zurück und machte den Verwüstungen ein Ende, ...

so schließt Franz Brunn diese Zeit ab.

Text von 1675 Münster

Die Familie: Maria Bernhardine Brun führte als fünftes Kind ihrer Eltern Alexander und Anna-Gesina die Stammeslinie auf der Wienbeck fort.

Maria Bernhardine Brun war verheiratet mit Johann Bernhard Diemke, der den Namen Brun annahm. Aus ihrer Ehe gingen vier Kinder hervor:

Jodokus Franz Anna Josefine Johanna Bernhardine Anna Bernhardine Elisabeth

Nach dem Bericht von Franz Brunn bewohnte die Familie das auf nachstehendem Plan  bezeichnete Hofhaus. Wann dieses erstmals errichtet wurde, wissen wir nicht. Wir haben auch keine Beschreibung dieses Hauses Wahrscheinlich ist es dasjenige, das wir bereits aus dem Anfangsbericht zum Jahr 1600  kennen.

um 1750

Es sind für diese Generation jedoch auch ein Brauhaus und eine Scheune bekannt, sodass wahrscheinlich spätestens ab dieser Generation eine Gastwirtschaft, ggf. mit Beherbergung von Fremden betrieben wurde. Die eingezeichnete wahrscheinliche Lage von Brauhaus, Scheune und Garten ergeben sich aus späteren Darstellungen.

Haus und Lebensweise in der Zeit von Maria Bernhardine Brun und Johann Bernhard Diemke können wir uns vielleicht vorstellen  auf Grund eines Berichtes, den Franz Brunn uns über die damaligen Wohn- und Lebensverhältnisse hinterlassen hat. Er schreibt: …

..., dass bei der mangelhaften Verfassung die Einwohner nicht zu Wohlstand gelangen konnten, so sehr ihre einfache Lebensweise und große Sparsamkeit sie dazu berechtigte. Sie bewohnten ein Haus, welches je nach dem Bedürfnisse aus mehreren hölzernen Gebinden bestand, die durch Lehmwände ausgefüllt waren. Das Dach war mit Stroh eingedeckt. In einem oder zwei Seitenanbauten war die Stallung fürs Vieh und einige Kammern und Bühnen zu Schlafstellen angebracht. Der mittlere Raum diente als Dreschtenne und im oberen Teil waren der Herd und die Küche, wo die ganze Haushaltung um ein großes Feuer ihren Platz, Licht und Wärme fand. Die Hausmutter konnte vom Herde aus das ganze Hausgesinde und zugleich das Vieh überschauen. Schornsteine kannte man erst später. Früher fand der Rauch seinen Ausgang durch ein kleines Fenster.

Die Kleidung bestand aus selbstverfertigter grauer und weißer Leinwand und Drillich für den Sommer und einem Mengtuch aus Schafswolle und Leinen, sogenanntes Futterlaken, für den Winter. Auch schaffte sich jeder Mann, wenn er heiratete, einen dreieckigen Hut und einen Rock von grobem dickem Tuche an, die fürs ganze Leben aushielten. Die Frauen trugen im Winter ebenfalls wollne Röcke und Jacken. Die Nahrung war sehr einfach und solide. Kaffee und Zucker waren unbekannte Dinge. Fleisch wurde wenig gegessen, und selbst in großen Haushaltungen schlachtete man höchstens zwei Schweine oder eine Kuh und ein Schwein. An zwei Tagen in der Woche wurde kein Fleisch gegessen. Dagegen war der Bierkrug sehr beliebet. Käse besonders C….ten (?), Brot und Bier bildeten die einzigen Genüsse bei den Jahresfesten der Gilde und manchen anderen festlichen Gelegenheiten.

In späterer Zeit (wohl in der nächstfolgenden Generation) trennte man auch die Küche und die Tenne vermittelst zweier großer Flügeltüren (Windfang) doch so, dass diese offen gestellt beim Einfahren die Pferde bis an den Herd geführt werden und die Hausfrau beim Dreschen wenigstens das Stroh umwenden konnte. Später wurden hie und da in besonderen Anbauten Stuben für Weben und Spinnen angebaut und die Strohdächer und Lehmwände mit Ziegeln ersetzt, statt der Lehmflure in den Kammern Bretterflure gelegt, und allmählich die Häuser bis zur jetzigen (?) Bequemlichkeit gebracht.

Die Eltern:

Maria Bernhardine Johann Bernhard Diemke

Maria Bernhardine Brun wurde geboren am 18.07.1715 und heiratete am 26.11.1749 Johann Bernhard Diemke. Als sie heiratete war sie schon 34 Jahre alt. Ihr Sterbedatum kennen wir nicht.

Johann Bernhard Diemke war geboren am 26.04.1719. Er war somit vier Jahre jünger als seine Frau. Er starb am 14.04.1802. Johann Bernhard Diemke nahm den Namen Brun an. Er wurde 82 Jahre alt und überlebte seinen Sohn Jodokus Franziskus, der auf der Wienbeck blieb, und auch dessen Frau Angela, seine Schwiegertochter.

Über Bernhard Diemke/Brun haben wir erste Nachrichten: Franz Brunn berichtet:

Mein Urgroßvater Bernhard Diemke heiratete Bernhardine Brun und wurde Besitzer auf der Wienbeck. Er soll ein friedlicher und fleißiger Mann gewesen sein, der sich in seinen letzten Jahren viel mit Holz- und Obstkulturen beschäftigte.

Die Kinder:

  • Das erste Kind war Jodokus Franziskus Matthias Adolf Brun.

Jodokus Franziskus Brun  wurde geboren am 13.10.1751 und starb am 10.01.1801 d.h. ein Jahr vor seinem Vater. Jodokus Franziskus führte die Stammeslinie auf der Wienbeck fort.

  • Das zweite Kind war Anna Josefine Brun.

Sie wurde geboren am 09.04.1754 und war verheiratet mit einem Broxhaus aus Wenge. Aus dieser Ehe gingen drei Töchter hervor, von denen die eine einen Roß aus Deuten, eine zweite einen Potthast aus Wulfen und eine dritte einen Linneweber aus Wenge heiratete. Ob aus der Ehe noch weitere Kinder hervorgingen, ist nicht bekannt.

  • Das dritte Kind war Johanna Bernhardine Brun.

Johanna Bernhardine Brun wurde geboren am 12.09.1756 und war wohl zweimal verheiratet: in erster Ehe (23.11.1783) mit einem Waschenberg aus Deuten, in zweiter Ehe mit einem Große Enwig aus Deuten.

  • Das vierte Kind war Anna Bernhardine Elisabeth Brun.

Anna Bernhardine Elisabeth wurde geboren am 17.04.1758 oder 1759.

3.5.0 Die 5. Generation: Jodokus Franziskus Brunn & Clara Angela Prohs

Zur Zeitgeschichte der 5. Generation (ca. 1780 bis ca. 1810)

Zeittafel

Kirchengeschichte Weltgeschichte Kulturgeschichte
1775-1799 Pius VI. 1740-1780 Maria Theresia Literatur/Philosphie:
1786 Emser Punktation 1740-1786 Friedrich II. Hölderlin, F.
1800-1823 Pius VII. 1780-1790 Joseph II. Arnim, A. von
1801 Konkordat mit Napoleon 1789 Französische Revolution Brentano, Cl. von
1803 Säkularisation 1803 Reichsdeputationshauptschluss Chamisso, A. von
1809 Aufhebung des Kirchenstaates 1804 Napoleon I. Kaiser Eichendorff,  J. von
1806 Ende des alten Deutschen Reiches Gebr. Grimm
Kleist, H. von
Novalis
Uland, L.
Kant
Hegel
Humboldt
Schlegel
Schopenhauer
Musik:
Beethoven, L. van

1789 hatte in Frankreich die „Französische Revolution“ begonnen. 1794 hatte Frankreich bereits das linke Rheinufer erobert.

Mit dem Frieden von Luneville 1801 zwischen Frankreich und Österreich, der für das Heilige Römische Reich Deutscher Nation galt, wurde der zweite Koalitionskrieg gegen Frankreich beendet. Frankreich erhielt die seit 1794 besetzten linksrheinischen Gebiete, auf die es schon früher Anspruch erhoben hatte und die es bereits 1794 mit dem französischen Staatsgebiet offiziell verbunden hatte. Das Reich wurde zur Entschädigung der von den Gebietsverlusten betroffenen Fürsten verpflichtet, die nach der Machtergreifung Napoleons in Frankreich durch den Reichsdeputationshauptschluß  1803 durchgeführt wurde. Die Fürstbistümer wurden aufgelöst, die Klöster enteignet. Nach dieser, so bezeichneten Säkularisation verblieb im Besitz der Kirche nur noch das unmittelbar der Seelsorge dienende "eigentümliche Kirchengut". Für den Unterhalt der Bischöfe, der Domkapitel und der Seminare, für den Priesternachwuchs war kein Vermögen mehr vorhanden.

Die staatlichen „Ausgleichsleistungen“ vermochten den Verlust nicht auszugleichen. Ein heute unvorstellbarer Verlust an „Kulturgütern“, an Gebäuden, Bibliotheken, Gemälden, geistlichen Geräten (Kelchen, Monstranzen etc.) ging mit der Säkularisation einher.

Im Jahr 1802 zog die königlich preußische Besatzung aus Wesel ab. Sie nahm ihren Weg durch die Herrlichkeit Lambeck.

Sie führte, so Franz Brunn,  eine auffallende Menge Bagage, viele Frauen und Kinder mit sich, und bildete einen höchst tragikomischen Zug. Besonders fiel die Sorgfalt auf, womit man die Soldaten, welche alle geworben und zum Teil gepresst waren, bewachte, damit sie nicht auf dem Marsch entflohen.

1806 okkupierten die Franzosen das preußische Erbfürstentum Münster und damit auch die Herrlichkeit Lembeck.

In Wulfen war 1744/45 der neue Chor an die Kirche angebaut worden. Von 1752 bis 1805 war Pfarrer in Wulfen Josef Buerbaum.  Er hat 1775 den alten Turm ausbessern und mit einem neuen, barocken Helm versehen lassen. Pfarrer Buerbaum soll trotz seiner impulsiven Natur wegen seines Seeleneifers in der Gemeinde sehr beliebt gewesen sein.

Die Familie:

Jodokus Franziskus Mathias Adolf Brunn

führte als erstes Kind seiner Eltern Maria Bernhardine und Johann Bernhard

die Stammeslinie auf der Wienbeck fort.

Von dieser Generation an wird der Name Brun in den meisten Stammbäumen mit einem zweiten n d.h.

Brunn

geschrieben.

Die Eltern:

Jodokus Franziskus Brunn wurde geboren am 13.10.1751. Er  starb am 10.01.1801.

Seit dem 18.11.1777 war er verheiratet mit Clara Angela Prohs aus Dorsten.

Das Geburtsdatum von Clara Angela Prohs kennen wir nicht. Sie starb am 17.04.1798, d.h. vier Jahre vor ihrem Schwiegervater Bernhard (Diemke/Brunn)

Aus der Ehe gingen fünf Kinder hervor:

Johannes Franziskus Jodokus Anna Maria Elisabeth Maria Angela Christine Anna Maria Wilhelmina

Franz Brunn berichtet über seinen Großvater Jodokus Franziskus und seine Großmutter Clara Angela:

Mein Großvater Jodokus Franziskus Brunn, …, heiratete am  18.11.1777 mit Clara Angela Prohs und starb am 10.1.1801. Er war in der Dorfschule zu Wulfen unterrichtet worden und im Lesen und Schreiben wohl erfahren. Er war Jagdliebhaber und konnte gut schießen.

 und über seine Großmutter:

 Meine Großmutter Clara Angela Prohs, jenseits Dorsten bei der Papiermühle zu Hause, wurde als eine besonders gute, brave, durch Leid geprüfte Frau geschildert.

„Jenseits Dorsten bei der Papiermühle zu Hause“: Dies könnte bedeuten, dass Clara Angela Prohs ebenfalls aus Holsterhausen kam, dort, woher die Großmutter ihres Mannes Anna Gesina Schroer stammt. Auf der zuvor dort dargestellten Karte ist eine „Mühle“ verzeichnet. Möglicherweise auch sind die Familien Schroer und Prohs miteinander verwandt.

Jodokus Franziskus baute für den Hof um 1780 ein neues Wohnhaus mit Wirtschaftsteil, auf den noch näher einzugehen ist. Die Hofanlage änderte sich dadurch stark wie nachstehend dargestellt:

um 1780

Das neue Hofhaus rückte in die nördliche Fluchtlinie des Gartens. Das bisherige Hofhaus wurde Scheune. Am Bach stand das Brauhaus. Südlich des Hofhauses war der Garten.

Der übrige Teil des Hofraumes war mit Obstbäumen aller Art besetzt, deren Früchte mich schon früh erfreuten, schreibt Franz Brunn.

Von diesem Gebäude haben wir schon gute Vorstellungen, denn es ist noch heute in seinen Grundzügen, wenn auch mit vielen Umbauten erhalten. Die Giebelseite aber ist nahezu unverändert.

Das neue Hofhaus in einer Zeichnung von E. Humbert Wulfen (20.Jhd.)

Foto

Die in der Giebelfront zu sehenden Türen, eine  links und zwei rechts von der Deelenzufahrt, entsprechen nicht dem Originalzustand und wurden später (wohl im 20.Jhd.) eingebaut.

Das Gebäude steht unter Denkmalschutz. In den Akten des LWL-Amt für Denkmalpflege in Westfalen heißt es dazu unter dem Az.oc-071010 unter anderem:

Ursprünglicher Bestand

Das Haus Weseler Str. 80a stammt in seiner Grundsubstanz aus dem 18. Jhdt.. Es wurde als dreischiffiges Vierständer – Hallenhaus errichtet.

In seiner Konstruktion verbinden sich Merkmale des Westmünsterlandes mit denen des Kernmünsterlandes und des westlichen Hellwegs.

Die Wandständer sind durch eingehälste Ankerbalken verbunden, die Innenständer waren in die Deckenbalken eingezapft. Die Sparren ruhen auf einer Sparrenschwelle, die gleichzeitig als Oberrähm dient. Ursprünglich wurden die Sparrenpaare durch je zwei Kehlbalken abgesteift, später wurden diese entfernt und ein stehender Dachstuhl eingebaut.

Die Ständer besitzen keine Fußschwelle, sondern stehen einzeln auf Sandsteinfundamenten. Die Seitenwandständer weisen den recht weiten Abstand von 3 m auf. Ein Dachbalken ist jeweils zwischen zwei Ständern durch einen Riegel, der zwei Kopfbänder verbindet, abgefangen.

Jedes Ständerpaar ist durch drei Riegel verbunden. Alle Ständer haben nach innen gerichtete Kopfbänder. Der Vordergiebel weist einen Vorschauer auf, das schmucklose Einfahrtstor ist rechteckig. Der Brettergiebel ist weit herabgezogen. Das hintere Giebeldreieck weist drei Ständer und jeweils vier Riegel auf, das Dach ist leicht abgewalmt.“

Als „bäuerliches Gehöft“ hätte der Grundriß des Gebäudes und seine Raumaufteilung üblicherweise nachfolgendes Aussehen gehabt:

Die nachstehende Handzeichnung von Franz Brunn gibt zwar einen etwa gleichartigen Grundriß, jedoch eine stark abweichende Raumaufteilung wieder:

Die Zeichnung wurde so ausgerichtet wie der oben dargestellte Grundriß.

Für einen landwirtschaftlichen Betrieb (vgl. oben) weist dieser Grundriß zu wenige Nutzflächen für eine landwirtschaftliche Nutzung aus. Dreschtenne, Pferdestall und Kuhstall sind klein. Der weitaus überwiegende Teil der Räume dient nichtlandwirtschaftlicher Nutzung: eine Stube, eine weitere Gesindestube, eine große Küche mit eingebauter Treppe in das Dachgeschoß, die Kammer für den Hausherrn und seine Frau, die große Aufkammer und die Gaststube. Es bestätigt sich hier wohl deutlich die Vermutung des Verfassers, dass neben der Verwaltung der Kornmühle und der Zollstation die Brunn’s auf der Wienbeck sicherlich über viele Jahrhunderte eine Gastwirtschaft mit Beherbergung von Gästen betrieben, nebenher mit einer dieser entsprechenden kleinen Landwirtschaft. Überproportional dienen viele Räume dem Aufenthalt von Personen. Die von der Küche in das Dachgeschoß führende, in einem bäuerlichen Anwesen dieser Art unübliche Treppe lässt darauf schließen, dass auch das Dachgeschoß noch für die Unterbringung von Personen genutzt wurde. Die Bezeichnung des Raumes neben der Küche als Gaststätte ist schließlich der sichere Beweis (Zeichnung erhalten 11/2011 aus dem Archiv Margit Brunn).

Wir können daher mit Sicherheit davon ausgehen, dass spätestens ab dieser Generation, wahrscheinlich jedoch schon in den vorhergehenden Generationen, eine Gastwirtschaft und wohl auch eine Herberge auf der Wienbeck betrieben wurden.

Die Kinder:

  • Das erste Kind war Johannes Franziskus Jodokus Brunn

Johannes Franziskus Jodokus wurde geboren am 12.06.1778. Er führte die Stammeslinie auf der Wienbeck fort.

  • Das zweite Kind war Anna Maria Elisabeth Brunn

Anna Maria Elisabeth wurde geboren am 16.08.1779 und war verheiratetet mit einem Kammerer aus Köln.

  • Das dritte Kind war Maria Angela Brunn

Sie wurde geboren am 12.04.1781 und war verheiratet mit einem Nolde aus Buer.

  • Das vierte Kind war Christine Brunn

Christine wurde geboren am 27.09.1782 und war verheiratet mit Franz Kallendorf aus Wulfen. Sie wohnten in Dorsten.

  •  Das fünfte Kind war Anna Maria Wilhelmina Brunn

Sie wurde geboren am 02.09.1790, blieb ledig und starb am 28.10.1816 in Wulfen.

Zu den drei Töchtern Anna Maria Elisabeth, Maria Angela und Christine, berichtet Franz Brunn, dass sie sich etwas leichtfertig verheiratet hätten und dass sein Vater, der Bruder der Schwestern, es wohl nicht leicht gehabt habe, die Schwestern abzufinden.

Die Töchter  Anna Maria Elisabeth nach Köln und Maria Angela nach Buer haben sich nach damaligen  Verhältnissen „weit weg“ verheiratet:

Sind ihre Ehemänner gelegentlich einer Reise an der Wienbeck vorbei gekommen und haben sich in die Brunn’schen Töchter verliebt?  Waren die Töchter die „Enge auf der Wienbeck“ vielleicht leid und wollten „in die Welt hinaus“?  Für die Fantasie bleibt viel Raum, auch dafür, dass die Eltern mit diesen Verheiratungen vielleicht nicht so ganz glücklich gewesen sind.

3.6.0 Die 6. Generation: Johannes Franziskus Jodokus Brunn & Gertrud Duetsch

Zur Zeitgeschichte der 6. Generation (ca. 1810 bis 1840)

Zeittafel

Kirchengeschichte Weltgeschichte Kulturgeschichte
1800-1823 Pius VII. 1814-1815 Wiener Kongress Literatur/Philosophie:
1814-1815 Wiener Kongress 1830 Juli-Revolution in Paris Droste Hülshoff, A. von
1814 Wiederherstellung des Jesuitenordens 1840-1861 Friedrich Wilhelm IV. Grillparzer, Fr.
1817 Konkordat mit Bayern Lenau, N.
1820 Clemens Maria Hofbauer † Mörike, W.
1821 De salute animarum Rückert, F.
1837 Kölner Ereignis Stifter, A.
1838 Johann Adam Möhler † Freiligrath, F. von
1831-1846 Gregor XVI. Heine, H.
Hoffmann von Fallersleben
Fichte
Fechner
Feuerbach
Kierkegaard
Marx
Musik:
Mendelssohn-Bartholdy
Schubert, Fr.
Schuman, R.

Der Anfang dieses Jahrhunderts markiert einen entscheidenden Wendepunkt zu der bisherigen staatlichen und kirchlichen Struktur und Ordnung. Der Absolutismus als Staatsform ging seinem Ende entgegen, auch wenn der Weg zur demokratischen Verfassung noch lang war.  Beginnend mit der Französischen Revolution fand auch die mittelalterliche Feudalordnung der Kirche ihr Ende.
Am 13. Februar 1790 wurden in Frankreich alle nicht caritativen Orden und Klöster aufgehoben. Am 14. April 1790 wurde das Gesetz über die Enteignung und Säkularisierung des gesamten Kirchengutes erlassen. Als etwa 2/3 des Gesamtklerus den Eid auf die neue Konstitution verweigerten, kam es zu blutigen Verfolgungen, in deren Verlauf etwa 40.000 französische Priester eingekerkert, deportiert oder hingerichtet wurden. Erst nachdem General Napoleon Bonaparte durch seinen Staatsstreich vom 9.11.1799 das Direktorium gestürzt hatte, fand die Befeindung des Christentums ein vorläufiges Ende. Im Konkordat vom 15.07.1801 verzichtete die Kirche auf das eingezogene Kirchengut; dafür übernahm der Staat die Besoldung der Pfarrer. Die Bistümer sollten neu umschrieben und besetzt werden.

In Deutschland wurde die Säkularisation, d.h. die Enteignung und Säkularisierung von 22 Erzbistümern und Bistümern, 80 reichsunmittelbaren Abteien und über 200 Klöstern durch den Reichsdeputationshauptschluss vom 25.2.1803 angeordnet. Dadurch verlor auch die deutsche Kirche ihre materielle Basis und wesentlich ihren politischen Rückhalt im Deutschen Reich.

Auch in der Herrlichkeit Lembeck gestaltete sich die politische Struktur neu.

Nachdem auf Grund des Reichsdeputationshauptschlusses die Ämter Bocholt und Ahaus an die Fürsten Salm-Salm und Salm-Kyburg gegangen und damit auch die Herrlichkeit Lembeck unter deren Hoheit gekommen war, beorderten die Fürsten Salm-Salm sämtliche Beamten zur Vereidigung nach Borken. Dieser Anordnung leisteten auf Anordnung des Grafen Ferdinand von Merfeldt (Lembeck), dem es gelang, sich eine gewisse Selbständigkeit gegenüber den Fürsten zu bewahren, die Lembecker Beamten jedoch keine Folge.

Die fürstliche Oberhoheit hatte nicht lange Bestand. Bereits 1810 rückten französische Truppen in das Fürstentum Salm ein und am 01.01.1811  wurde auch das Fürstentum Salm mit der Vereinigung von Holland, den Hansestädten und eines Teils Norddeutschlands für die französische Republik in Besitz genommen.

Die Verwaltung, das Rechts- und Abgabewesen wurde auf der Grundlage der französischen Gesetzgebung nunmehr neu organisiert. Im März 1811 hatten alle Familienväter Kaiser Napoleon zu huldigen.

Der Maire Reichel, Rentmeister von Schloß Lembeck und Richter der Herrlichkeit Lembeck von 1787 bis 1811, nahm den Huldigungseid entgegen und hielt dazu eine Rede, die die damalige Stimmung der Bevölkerung wiedergibt und die es verdient, hier wiedergegeben zu werden:

Wir schwören heute Treue und Gehorsam einem Menschen, der wirklich seinesgleichen in der Geschichte nicht hat. Er ist der größte, er ist in der Tat einzig, nicht weil er die gewaltsamste aller Revolutionen beendigt, die fürchterlichste Verwirrung eines der größten Reiche zur Ruhe und Ordnung zurückgeleitet, und die mächtigsten Feinde seines Vaterlandes überwunden hat, sondern weil die göttliche Vorsehung noch keinem Menschen so mächtig entscheidende Mittel, das Wohl seiner Mitmenschen zu begründen, anvertraut hat, wie ihm.

Missbräuche, welche Eigennutz und Unwissenheit der verflossenen Jahrhunderte aufkommen ließen, und welche die blutigsten Anstrengungen bisher nicht beseitigen konnten, haben wir schon durch bloße Dekrete wie Schatten durchs Licht verschwinden sehen… Wir wollen wünschen und hoffen, dass seine Macht und Weisheit jedes noch vorhandene Hindernis des menschlichen Wohls, soweit dies durch menschliche Kräfte geschehen kann, wegzuschaffen und den großen Zweck zu erreichen wissen wird, den ihm das Evangelium  und die Vernunft verhält, nämlich den Despotismus in jeder Gestalt zu vernichten.

Hiezu nach seiner Verfügungen mitwirken zu wollen ist der Hauptinhalt des Eides, den wir heute schwören. Es kann und darf uns kein Opfer zu schwer sein, dieser großen Pflicht Genüge zu leisten.

Wir müssen froh und stolz sein, uns mit einer Nation vereinigt zu sehen, welche schon so große Opfer dafür gebracht hat, und wir wollen heute mit deutschem Biedersinn Treue und Gehorsam einem Fürsten schwören, der, um vor Gott bestehen zu können und um seinem großen, nie erhörten Ruhm dem segnenden Andenken unserer Nachkommen überliefert zu sehen, nichts anderes als diesen großen Zweck vor Augen haben kann und darf.

Diese Rede soll nach Aussage eines glaubhaften Augenzeugen unter dem Volk Beifall genug, bei anderen Tadel hervorgerufen und bei den Franzosen so gefallen haben, dass sie später im Moniteur (?) einen Platz fand.

Mit der französischen Gesetzgebung wurde die Leibeigenschaft mit allen daraus her fließenden Einschränkungen wie auch die Einschränkungen der Gewerbefreiheit aufgehoben. Dies trug nicht wenig dazu bei, den Franzosen eine gute Aufnahme zu bereiten,

so, wie Franz Brunn schreibt, unangenehm der Übermut dieser Fremdlinge dem einfachen und biederen deutschen Charakter auch begegnen mochte.

Auch das Abgabewesen wurde auf das französische Abgabenrecht umgestellt. Die Verteilung der Steuern, insbesondere der Grundsteuer, war mit großen Schwierigkeiten verbunden, weil es kein Grundkataster gab. Reischel gelang es, dieses Problem zu lösen mit der Entwicklung der französischen Mutterrollen auf der Basis des Vergleichs von Kolonaten, Köttern und Häusern, die zur Basis der Grundsteuerverteilung bis 1825 dienten, aber auch danach von Bedeutung blieben.

1812 wurde die Herrlichkeit Lembeck in einer Verwaltungsreform nach französischem Vorbild in zwei Mairien geteilt:

in die Mairie Lembeck und in die Mairie Altschermbeck.

Zu jeder Mairie gehörten zwei Beigeordnete und ein Gemeinderat mit 20 Mitgliedern.

Die Mairie Lembeck umfasste die Gemeinden Lembeck, Wulfen und Hervest. Hermann Josef Reischel wurde zum Bürgermeister, zugleich Notar, der Mairie Lembeck bestellt und übte dieses Amt von 1812 bis 1816 aus. Beigeordnete der Marie Lembeck waren Bernhard Sieverding aus Lembeck und (Johannes Franziskus) Jodokus Brunn von der Wienbeck.

Bürgermeister der Mairie Altschermbeck war Johannes Leopold Grüter.

Zur Überwindung der Kontinentalsperre bereitete Napoleon den Feldzug gegen Russland vor. In drei Aushebungen wurden auch in den Mairien Lembeck und Altschermbeck 54 Männer als  Soldaten ausgehoben.

Das Publikum, so schreibt Franz Brunn, hatte namentlich im Jahr 1812 häufig Gelegenheit die wirklich schönen und zahlreichen Regimenter zu bewundern, welche nach Russland marschierten, um daselbst einen unrühmlichen, jammervollen Tod zu finden.

Nach dem Rückzug  Napoleons aus Russland und seiner Niederlage in der Völkerschlacht bei Leipzig 1813 begann, so Franz Brunn,

die französische Retiande zuerst mit dem Transport der Verwundeten und Kranken, welche in großen Transporten aus den Lazaretten zu Osnabrück, Minden und Münster, diesen folgte ein Heer von französischen Beamten  mit ihren Familien, größtenteils Douaniers. Obschon die französischen Truppen, so schreibt Franz Brunn weiter, bei ihrem Rückzuge Mängel aller Art litten, erlaubten sie sich doch keine Gewalttätigkeiten gegen die Einwohner. Die Offiziere gaben sich alle Mühe, das Eigentum zu schützen, welche auch bis auf einzelne kleine Excesse, welche von einigen Marodeuren verübt wurden, vollständig gelang. Nach einem tiefbewegten, angst- und mühevollen Leben fingen die Einwohner zum ersten Mal wieder an, frei zu atmen und zu hoffen. Die sonst so bewegten Straßen waren wie ausgestorben und fast kein Fremder ließ sich blicken.

Im Jahr 1812 wurden in den von Napoleon besetzten Gebieten in großem Umfang die Fern“strassen“ als Heerwege ausgebaut. Dies war auch bei der Straße von Münster nach Wesel der Fall. Im Bereich der Wienbeck wurde die Straße von nördlich der Wienbeck nach südlich der Wienbeck verlegt. Der Straßenbau brachte für die Bevölkerung Arbeit und Einkommen, sodass die Lebensverhältnisse der einfachen Bevölkerung sich wesentlich, allerdings auch mit negativen Begleiterscheinungen (siehe unten), verbesserten.

Das Jahr 1815 brachte die endgültige Niederlage für Napoleon in der Schlacht von Waterloo.

Der Wiener Kongress 1814-1815 brachte die Restauration der alten Mächte Österreich, Russland und Preußen, denen Frankreich sich gleichstellen konnte. Der Absolutismus feierte eine neue Blüte. Reformbewegungen wurden unterdrückt, Erhebungen mit Polizeigewalt verhindert.

Die Erinnerung an die Französische Revolution, die Verkündung der Menschenrechte, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit blieben jedoch im Volk lebendig.

Von 1805 bis 1847 war Johann Heinrich Wenzel Böckenhoff aus Erle (siehe Familie Böckenhoff) Pfarrer in Wulfen.  Um die Erziehung der Jugend erwarb er sich besondere Verdienste. Im Jahr 1822 begann das Kirchenschiff, der älteste Teil der Kirche baufällig zu werden. Als Gurtbögen Risse zeigten und sogar ein Schlussstein herunterfiel, wurde im Herbst das Gewölbe abgerissen, im nächsten Jahr das Kirchenschiff ebenfalls abgerissen  und neu gebaut. Die neue Kirche erhielt eine flache Decke anstelle des Gewölbes, das Kirchenschiff wurde breiter. Im Jahr 1847 erfolgte noch eine Erweiterung der Sakristei.

Die Einwohnerzahl in Wulfen war von 839 Einwohnern im Jahr 1805 auf 1036 Einwohner im Jahre 1850 gestiegen.

Volkslied aus dem 19. Jahrhundert.

Die Familie:

Johannes Franziskus Jodokus Brunn

führte als erstes Kind seiner Eltern Jodokus Franz und Clara Angela Prohs

die Stammeslinie auf der Wienbeck fort.

 Johannes Franziskus Jodokus war verheiratet  seit dem 26.10.1802 mit Catharina Anna Gertrud Duetsch aus Senden.

Aus der Ehe gingen acht Kinder hervor:

Heinrich Franz Anna Maria Gertrud Johann Josef
Heinrich
Angela
Maria Wilhelmina Elisabeth Anna Maria Elisabeth

Die Eltern:

Johannes Franziskus Jodokus Catharina Anna Gertrudis  Duetsch

Johannes Franziskus Jodokus Brunn; (Er ist der erste Vorfahre, von dem wir eine bildliche Darstellung haben.)

Johannes Franziskus Jodokus Brunn wurde geboren am 12.06.1778. und starb am 02.07.1857.

Seine Taufpaten waren Andreas Prohs und seine Tante Wilhelmina Brunn.

Kopie aus dem Familienstammbuch

Er war verheiratet  seit dem 26.10.1802 mit Catharina Anna Gertrud Duetsch aus Senden. Trauzeugen waren Andreas Prohs und Josef Lohkamp.

Kopie aus dem Familienstammbuch

Catharina Anna Gertrud Duetsch war geboren am 15.03.1778 als Tochter der Eheleute Henricus Duetsch und Catharina gb. Esselmann in Senden. Ihre Taufpaten waren Gottfried Lobbers und Catharina Gertrud Broilmann. Sie starb am 24.12.1854 und wurde in Wulfen beigesetzt.

Franz Brunn berichtet über seinen Vater:

Mein Vater Jodokus Franziskus Brunn, geboren am 12.6.1778, hatte ebenfalls nur den gewöhnlichen Schulunterricht und auch einigen Privatunterricht beim Pastor genossen und war im Lesen und Schreiben und im Rechnen wohl erfahren. Er was sehr wissbegierig, las alles was ihm zu Gesicht kam mit großem Eifer. Besonders hatte er die Bibel, die der Großvater (Jodokus Franziskus d.V.) von Johann Hartmann gekauft hatte, mehrmals durchgelesen.

Bei seiner etwas schweigsamen Natur und seinem sehr ernsten Charakter überwachte er ängstlich seine Neigungen, so dass er, als er Geschmack am Branntwein fand, diesen wieder ausspuckte, wenn er sein Fabrikat prüfte. Dabei rauchte er gerne Tabak, spielte gerne Karten und konnte bei einem Glas Wein recht unterhaltsam sein. Die Wirtschaft übernahm er nach dem Tode seiner Eltern, was ihm anfänglich einige Schwierigkeiten bereitete. Außerdem musste er noch seine drei Schwestern abfinden, die sich etwas leichtfertig verheiratet hatten.

„Neben der Gast- und Landwirtschaft hatte mein Vater um das Jahr 1815 oder 1816 eine kleine Brennerei angelegt und bis zur Übergabe der Haushaltung an mich fortgeführt. Ich hielt sie noch einige Zeit in Betrieb und fand dabei eine große Erleichterung meines Fortkommens.

Auf der Wienbeck kam es in dieser Generation wiederum zu baulichen Veränderungen.

Die Straße von Münster nach Wesel, die seit Jahrhunderten nördlich der Wienbeck an der Mühle vorbei verlaufen war, wurde im Jahr 1812 auf Veranlassung von Napoleon von nördlich der Wienbeck nach südlich der Wienbeck verlegt. Die alte Straße blieb zwar erhalten, hatte jedoch nur noch untergeordneten Charakter.

Hinsichtlich der Hofesgebäude hatte dies zur Folge: Die noch etwa 1810 neu gebaute Scheune fiel auf Grund der neuen Verkehrsführung in die neue Straße. Bei Anlage der Chaussee im Jahre 1812 wurde die Scheune deshalb abgerissen und nördlich der neuen Straße an der „Gosse“ neu errichtet.

Zum Chaussee – Bau schreibt Franz Brunn:

Der Chaussebau schleuderte eine Masse Geldes unter die arbeitende Klasse, die dadurch instand gesetzt wurde, ihre Freiheit recht zu genießen. Die früheren, durch die Zeit geheiligten  Feste wurden teils, weil ihr eigentlicher Zweck aufgehört hatte, teils durch Polizeigesetze vor und nach unterdrückt. Dagegen entschädigte sich insbesondere die Jugend durch häufigere Tanzlustbarkeiten, welche alsbald zu einer bedrohlichen Frequenz heranreiften. Anstelle des unschuldigen Bieres war der Branntwein fast überall das herrschende Getränk geworden. Die Eltern und Hausväter, welche an den Belustigungen, die von der Jugend geleitet wurden, keinen Geschmack finden konnten, zogen sich an den Herd zurück oder blieben ganz zu Hause, sodass die Jugend, während sie früher nur unter Aufsicht ihrer Eltern an den Belustigungen teilnehmen konnte, sich nunmehr selbst überlassen blieb. Die mit den Verführungskünsten der Städte wohl ausgerüsteten, aus dem Militärdienste heimkehrenden jungen Leute spielten natürlich keine untergeordnete Rolle in den Gesellschaften. ……. Kein Wunder, dass der alte ansehnliche Menschenschlag sehr bald entnervt und verkümmert wurde. …. .

Für den Betrieb der Gast- und Schankwirtschaft hatten der Einmarsch Napoleons bzw. sein späterer Rückzug, der Zuzug und später der Abzug französischer Verwaltungsbeamter mit ihren Familien, besondere Bedeutung.

Franz Brunn berichtet:

Meine Eltern betrieben damals Gast- und Ackerwirtschaft und erstere blühte ganz besonders, weil der 1. Napoleon, nachdem er in Frankreich die Revolution unterdrückt hatte, die Armee in Deutschland einrücken ließ, das Münsterland und die Niederlande dem französischen Kaiserreich einverleibte, den Kontinent gegen England absperrte und starke Zölle auf alle englischen Waren und die Erzeugnisse aus den Kolonien belegte.

Die Waren mussten nun per Achse von Bremen zum Rhein und besonders nach Köln befördert werden, wogegen besonders von dort zurück Frachten in Wein nach Norden gingen.

Die fortwährenden Truppenbewegungen und die von Frankreich angestellten Beamten mit ihren Familien brachten einen ungewöhnlichen Verkehr mit sich, so dass die große Scheune fast jede Nacht mit Pferden gefüllt und das Haus voller Fuhrleute und Gäste war."

Aus dieser Zeit stammt auch noch folgende mündliche Überlieferung:

Das Anwesen war mit einer kunstgerechten Wetterfahne, die von drei Sternen geschmückt war und ein Schild mit der Aufschrift hatte: „In die drei Stern ist gut Logi zu Pferde und zu Fuß“. Sie lud die Vorübergehenden zur Rast ein. Diese Wetterfahne zierte um das Jahr 1910 noch den Dachfirst der Scheune (des Gebäudes von 1780) und war eine beliebte Zielscheibe der jungen Flitzebogenschützen“.

Auf der Wienbeck fand zu damaliger Zeit auch die „Kirmes“ statt. Der Lehrer Kellner aus Deuten hat im Heimatkalender nach mündlicher Überlieferung eine Begebenheit berichtet, die uns einen Eindruck von der „napoleonischen Zeit“ und auch von den Verhältnissen auf der Wienbeck vermittelt

Sie soll nachstehend wiedergegeben werden:

 

Kopie aus Heimatkalender Wulfen 1929

Somit scheint unser Vorfahre Johannes Franziskus Jodokus dem Wulfener Stammvater der Stollbrinks wohl das Leben gerettet zu haben.

Ob es auf der Wienbeck damals wohl so zugegangen ist?

Eine Erinnerung an die „Franzosenzeit“ dürfte die nachstehend dargestellte Kommode sein.

Es ist eine Kommode im Stil Ludwig XIV. und keine Kommode, die man typischerweise in einer westfälischen Gast- und Schankwirtschaft oder Ackerwirtschaft findet. Es darf wohl angenommen werden, dass die Kommode von Franzosen, als diese nach Frankreich abrückten, zurückgelassen wurde, vielleicht wegen des Transports, vielleicht, dass sie an Johannes Franziskus Jodokus Brunn noch Schulden zu begleichen hatten.

Mein Vater Alois hat die Kommode 1933, als meine Schwester Brigitte geboren war, als Kommode für Kinderwäsche von der Wienbeck (Tante Maria) erhalten. Sie war grün gestrichen. Es heißt, dass wertvolle Möbelstücke einen Farbanstrich erhielten, damit ihr Wert  im Falle von kriegerischen Auseinandersetzungen nicht erkennbar war. Als mein Vater begann, sie abzubeizen, stelle sich erst ihre wahre Schönheit mit den Einlegearbeiten heraus.

Außer den zuvor genannten kleineren Um- und Neubauten auf der Wienbeck infolge der Verlegung der Chaussee wurde auf der Wienbeck auch in dieser Generation wieder gebaut.

Die Erträge aus der Schank- und Gastwirtschaft müssen in diesen Jahren wohl sehr gut gewesen sein.

ca. 1826

1826 wurde das neue Wohnhaus nördlich der neu angelegten Chaussee gebaut. Das bisherige Wohnhaus, so Franz Brunn, wurde zur Scheune , Brennerei und Brauerei eingerichtet. Die 1812 gebaute Scheune wurde abgerissen und an die alte Scheune südlich angebaut.

Das neue Wohnhaus diente nur noch dem Wohnen. Es war nach den Zeitverhältnissen stattlich und entsprach in seiner Gestaltung wohl dem damaligen gehobeneren Stil, wie wir  ihn auch bei den Wohngebäuden von Grüter, Böckenhoff, Tüshaus usw. (siehe oben) finden.

Das Haus kostete, so Franz Brunn, nach den Aussagen meines Vaters im ersten noch unvollkommenen Zustand 2.000 Taler, wenn Holz und Kost nicht gerechnet wurde.

Das Haus steht ebenfalls unter Denkmalschutz.

Das neue Wohnhaus. Es blieb Wohnhaus des Hofes bis in die 10. Generation. (Das Foto zeigt den Zustand und die Lage zur Straße aus der Zeit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Seit 1826 ist die Straße mehrfach verbreitert worden, sodass sie praktisch an das Haus heranreicht.)

Nachstehend die Innenaufteilung:

1824 kaufte Johannes Franziskus Jodokus auch den sog. „Siechengarten“.

Den Siechengarten, Flur 14 Nr. 5, so berichtet Franz Brunn, kaufte mein Vater  im Jahre 1824 von dem Armen-Vorstand in Wulfen für 26 Taler und ließ denselben planieren, doch am südlichen Ende 5 bis 7 Fuß abtragen und zum Garten einrichten. Die überschüssige Erde wurde zur Korrektur des Baches verwandt und über die sumpfige Weide ausgebreitet. Es war dieser Garten die Baustelle des Siechenhauses, wo die Aussätzigen wohnten. Nachdem diese nicht mehr vorkamen, wohnte eine arme Familie darin. Mein Vater, so berichtet Franz Brunn, hatte das Haus und die letzte Bewohnerin noch gekannt. Sie hieß im Volksmund nach der mündlichen Überlieferung Magrimmegreit.

Dokumente der Zeit sind auch die nachstehenden Grundstücksverträge mit dem Grafen von Merfeldt (jeweils 1.Seite) aus dem Archiv von Margit Brunn:

   

Allein schon die kunstvolle Federführung des Schreibers machen die Dokumente sehenswert.
Für die Zeit von Johannes Jodokus Brunn verfügen wir auch erstmals über ein Besitzstandsverzeichnis aus dem Jahre 1825 mit einem Zukauf im Jahr 1828.

Die Brunn’s auf der Wienbeck hatten 1825/1828 somit einen Gesamtbesitz von 57 Morgen 44 Ruthen und 10 Fuß. Es handelt sich um preussische Flächenmaße. Nach heutigen Flächenmaßen sind:

1 Quadratfuß 9,850  dqm
1 Quadratruthe 14,185  qm
1 Morgen 25,532  a
1 a 100  qm

Von den obigen Flächen entfielen (rd.)

auf  Acker 28  preussische  Morgen
auf Weide 9  preussische  Morgen
auf Wald/Holz 8  preussische  Morgen
auf Heide 5  preussische  Morgen
auf Gebäude-Grundflächen 1  preussischer Morgen

(Dem Verfasser sind die auf die heutigen Maße umgerechneten Flächenmaße bekannt. Er möchte jedoch dem geneigten Leser in seinen eigenen Berechnungen nicht vorgreifen.)

Johannes Jodokus Franziskus Brunn hat –wie eine Recherche beim Katasteramt Recklinghausen ergab, im Mai des Jahres 1822 auch das Urkataster der Gemeinde Wulfen aufgestellt.

Am unteren ovalen Rand ist „Franz Brunn“ erkennbar. Der Verfasser kann nur Johannes Jodokus Franziskus Brunn gewesen sein. Sein Sohn Franz wurde 1806 geboren, war somit 1822 erst 16 Jahre alt.

Das Urkataster ist so erstellt, dass die Wienbeck an der Grenze des einen Planes liegt.

Zur Darstellung ihrer Lage mit Umfeld bedarf es daher der Einfügung von 2 Plänen, da dem Verfasser die Zusammenführung der zwei Pläne technisch nicht möglich ist.

Hier ein vergrößerter Ausschnitt der „Wienbeck“. Die Vielzahl der Gebäude war natürlich in der Zeit von Johannes Franziskus Jodokus Brunn noch nicht vorhanden. Spätere Entwicklungen sind in die Karte eingezeichnet worden. Dies gilt auch für die Veränderung von Flurgrenzen.

Es ist zu fragen, ob und wie Johannes Franziskus Jodokus Brunn eine „Ausbildung als Geodät“ erhalten oder ob er sich die Fähigkeiten als Autodidakt angeeignet hat. Sicherlich darf gesagt werden: Er war ein kluger Mann.

Es zeigt sich auch hier wiederum das in der Familie ausgeprägte Talent zu mathematischem Denken. In der Tradition setzt sich die „Geodäsie“, so darf gesagt werden,  fort von Johannes Franziskus Jodokus zu Franz Brunn, Erich Schulze Balhorn- Brunn, Ludger Brunn und Ansgar Brunn.

In der Familie befindet sich der nachstehend abgebildete Graphometer aus dem Jahr um 1790. Es ist anzunehmen, dass Johannes Franziskus  Jodokus Brunn das Urkataster mit Hilfe dieses Graphometer (nicht Theodolit) aufgestellt hat.

Mit Hilfe der mit dem Graphometer ermittelten Winkel und der zusätzlich gemessenen Strecken werden die angezielten Vermessungspunkte, Grenzpunkte, topographische Punkte lagemäßig erfasst. Das Gerät wurde von Richer (Paris) etwa um 1790 gebaut. Es ist wohl das älteste Gerät, das sich im Familienbesitz befindet.

Die Brunn’s waren häufig Rendanten der Kirchengemeinde in Wulfen, jedoch war Johannes Franziscus Jodokus Brunn wohl der erste Brunn, von dem wir wissen, dass er „politisch aktiv“ war. Er war zunächst Beigeordneter der Mairie Lembeck, dann deren Bürgermeister und schließlich Bürgermeister der Mairien Lembeck und Altschermbeck.

Hierüber wird unter Ziffer 3.7.1 des Inhaltsverzeichnisses noch näher zu berichten sein.

Ein in vielen Strophen gern gesungenes Volkslied aus dem 19. Jahrhundert:

Die Kinder:

  • Das erste Kind war Heinrich Brunn.
    Heinrich wurde geboren am 20.oder 25.09.1804 und verstarb schon früh am 08.12.1805.
  • Das zweite Kind war Franz Brunn.
    Franz Brunn wurde geboren am 20.01.1806 und starb am 26.03.1892.

Er ist Verfasser der herausragenden „Chronik der Herrlichkeit Lembeck“, aus der die wesentlichen Grundlagen, die Geschichte der Herrlichkeit Lembeck betreffend, nach hier entnommen wurden.

Franz Brunn war seit dem 10.06.1836 verheiratet mit Karoline Reischel. Karoline Reischel war zu dieser Zeit schon 39 Jahre alt.

Caroline Reischel wurde geboren am 01.05.1797.

Ihre Eltern sind Ursula Reischel gb. Jungeblodt und Hermann Josef Reischel.

Hermann Josef Reischel, war  Rentmeister auf Schloß Lembeck, Richter und Notar, und später Bürgermeister der Mairie Lembeck. Nachdem er aus dem Bürgermeisteramt ausgeschieden war, und Johannes Franziskus Jodokus Brunn das Bürgermeisteramt übernommen hatte,  wurde er Assessor bei dem Land- und Stadtgericht in Dülmen.

Caroline Reischel starb am 01.05.1884.

Caroline Reischel hatte noch einen Bruder August und drei Schwestern: Theresa, Bernardina und Alexe. Alexe verstarb im Alter von 81 Jahren in Dorsten.

An Caroline Reischel erinnert das nachstehend dargestellte silberne Tafelbesteck.


Aus der Ehe von Franz Brunn und Caroline Reischel gingen zwei Kinder hervor. Das erste Kind starb im Oktober 1841 bereits nach wenigen Stunden.

Am 11.08.1845 wurde geboren der Sohn Joseph.

Ein äußerst schmerzhaftesHüftleiden nöthigte ihn im Frühjahr 1864 das Gymnasium zu verlassen und führte nach und nach eine Abnehmungskrankheit und dadurch sein so frühe Ende herbei.

Josef Brunn verstarb als Obersekundaner am 03.08.1865.

Es war gedacht, dass die Stammeslinie auf der Wienbeck sich mit Franz Brunn fortsetzen werde, denn er, Franz Brunn,

übernahm die Landwirtschaft und die Brennerei seines Vaters Johannes Franziskus Jodokus Brunn,

wie er schreibt. Der frühe Tod seines Sohnes Josef machte die Fortsetzung der Stammeslinie auf der Wienbeck durch ihn jedoch unmöglich. So ergab sich, dass sich die Stammeslinie mit Heinrich Brunn, seinem Bruder, der Arzt in Straelen war, und dessen Sohn August auf der Wienbeck fortsetzte. August Brunn wurde somit nach Franz Brunn Besitzer auf der Wienbeck.

Im Archiv Margit Brunn befindet sich eine etwa 200 Seiten starke, von Hand gebundene Akte bezeichnet als „Grundakte Brunn“, die offensichtlich auf der Wienbeck geführt wurde. In der Akte sind enthalten insbesondere Verträge über den Ankauf von Grundstücken in der Zeit von Amtmann Franz Brunn und seinem Nachfolger auf der Wienbeck August Brunn. Es finden sich auch Auflistungen des Besitzstandes, amtliche Auszüge aus der Grundsteuermutterrolle oder dem Grundbuch von Wulfen sowie der Ablösung von Zehnten, die auf den gekauften Grundstücken lagen.

Aus einem in den Akten enthaltenen Schreiben  von Franz Brunn vom 09.02.1876 ergibt sich, dass sein Vater Johannes Franziskus Jodokus Brunn ihm mit Übertragsvertrag vom 18.04.1846 den Besitz an der Wienbeck übertragen hat. (Franz Brunn schreibt aber: ....sind mir von meinen Eltern übertragen.)

Dass Franz Brunn selbst jedenfalls Besitzer der Wienbeck gewesen ist, ergibt sich auch aus nachstehendem amtlichen Grundstücks – Bestandsverzeichnis, in dem Franz Brunn als Besitzer des Grundbesitzes ausgewiesen ist:

Wir können daher sicher davon ausgehen, dass der Besitz auf der Wienbeck von Johannes  Franziskus Jodokus zunächst auf seinen Sohn Franz übergegangen ist.

Es ist ferner davon auszugehen, dass Heinrich Brunn in Straelen nicht Besitzer der Wienbeck geworden ist, sondern dass Franz Brunn die Wienbeck auf seinen Neffen August übertragen hat.

Somit könnte man die Auffassung vertreten, dass nur Franz Brunn, nicht aber sein Bruder Heinrich Brunn zum Thema der Chronik „Zur Geschichte der Familie Brunn auf der Wienbeck“ gehört. Damit würde jedoch die Stammeslinie, die sich über Heinrich Brunn fortsetzt, nach Auffassung des Verfassers nicht vertretbar unterbrochen. Es ist daher richtig, Heinrich Brunn als 7. Generation der Familiengeschichte auf der Wienbeck zuzuordnen.

Nach einer in den Akten befindlichen handschriftlichen Aufzeichnung des „Auszuges aus der  Grundsteuer Mutterrolle der Gemeinde Wulfen, enthaltend die unter Artikel Nr. 36 eingetragenen Besitzungen des Franz Brunn zu Deuten Nr. 1“ hatte der Grundbesitz zum Zeitpunkt seiner Übertragung von Franz Brunn an August Brunn eine Größe von 64,57,50 Hektar unter den laufenden Nummern 1 bis 45 d.h. in 45 Parzellen.

In der Ersten Abteilung des Grundbuches von Wulfen Band 5 Blatt 5 heißt es, dass die Grundstücke Nr. 1 bis 43 (weshalb nicht auch die Nummern 44 und 45 genannt sind, ist nicht ohne weiteres ersichtlich) am 23.02.1884 auf den Oekonom  August Brunn aufgelassen wurden. Somit hat Franz Brunn den Besitz an der Wienbeck am 23.02.1884 auf seinen Neffen August Brunn übertragen.

Der Grundbesitz war außerordentlich klein parzelliert. Es sind wohl vor allem diese Kleinparzellen, die von Johannes Franziskus Jodokus und seinem Sohn Franz nach der Separation erworben wurden. Auf ihnen lagen in der Regel noch Grundlasten, die als Renten aber auch als Altenteilslasten zu entrichten waren. Die Lasten wurden beim Kauf übernommen und, wie aus den Verträgen hervorgeht, in bar abgelöst.  Es wäre eine eigene Aufgabe, die Verträge in dieser Hinsicht aufzuarbeiten.

Die Parzellen sind wegen ihrer geringen Größe teilweise wohl auch nur in Handarbeit zu bewirtschaften gewesen, es sei denn sie wären benachbart gelegen. Nur in der Gerlicherheide befindet sich eine größere landwirtschaftliche Nutzfläche. Die Parzellen mit Holzbestand sind naturgemäß größer.

Es wäre sicherlich, einer nachgehenden Forschung im Hinblick auf die betriebswirtschaftliche Wertigkeit des „landwirtschaftlichen Betriebes Wienbeck“ interessant und angemessen, die Flächenausstattung und ihre räumliche Zuordnung im Hinblick auf Land- und Gastwirtschaft sowie die Gebäudeausstattung zu untersuchen.

Nachstehend „Auszug aus der Grundsteuer Mutterrolle“ betreffend die Brunn’schen Grundstücke an der Wienbeck:

Ab laufender Nr. 46 beginnen die Hinzu-Erwerbe von August Brunn.

Bei einem Rückblick auf den Besitzstand zu Lebzeiten seines Vaters Johannes Franziskus Jodokus hat Franz Brunn durch Zukauf den Grundbesitz von 57 preussische Morgen 44 Ruthen und 10 Fuß auf 64 ha 57 ar und 50 qm ganz erheblich vergrößert.

Nicht im vorgenannten Bestand enthalten ist, wie sich aus den schon mehrfach genannten Grundakten ergibt, ein Zukauf von Grundstücken durch Franz Brunn in der Gemeinde Boke bei Salzkotten. Am 23.09.1872 wurde durch das Königliche Kreisgericht Paderborn eine aus mehreren Parzellen bestehende Grundstücksfläche (Wiesen) zur Gesamtgröße von 6,45,04 ha versteigert. Eigentümerin der Grundstücke war die Witwe Wilhelm Arntzen, Antoinette gb. Reischel zu Lippstadt. Franz Brunn erwarb die Grundstücke für 2.500 Thaler mit der Maßgabe, dass die Grundstücke sofort an seinen Neffen Oekonom August Brunn aufgelassen wurden. Es ist anzunehmen, dass die vorgenannte Antoinette Reischel mit der Ehefrau von Franz Brunn Caroline Reischel verwandt war.

Franz Brunn baute 1850, wie er schreibt, die jetzige Brennerei. Sie kostete 1.000 Taler. Es dürfte sich um die nachstehenden bezeichneten Gebäudeteile des Hofes gehandelt haben.

Franz Brunn dürfen wir sicherlich ebenfalls zu den besonders bedeutenden Personen unserer Familiengeschichte rechnen. Wir verdanken ihm zudem die wesentlichen Kenntnisse über unsere Familie durch seine handschriftlichen Aufzeichnungen und die von ihm verfasste „Chronik der Herrlichkeit Lembeck“.

Mit Schreiben vom 25.11.1889 wurde der „Amtmann Franz Brunn in Anerkennung seiner großen Verdienste, sowie wegen der ebenso umsichtigen wie fleißigen Erforschung der Geschichte der Bürgermeisterei Lembeck“ zum Ehrenmitglied des Vereins für Orts- und Heimatkunde im Veste Recklinghausen und Umgebung, Sektion Dorsten, ernannt.

Caroline Reischel starb am 01.05.1884, Franz Brunn am 26.03.1892. Beide wurden auf dem Friedhof in Wulfen beigesetzt.

  • Das dritte Kind war Anna Maria Gertrud Brunn.

Anna Maria Gertrud wurde geboren am 16.02.1808. Sie heiratete den am 25.07.1792 geborenen Gastwirt Franz Lohkamp aus Wulfen. Aus der Ehe gingen 15 Kinder hervor. Anna Maria Gertrud starb am 02.07.1889, ihr Mann Franz am 23.06.1864.

  • Das vierte Kind war Johann Josef  Brunn.
    Johann Josef wurde geboren am 27.03.1812 und starb am   ?? .03.1813.
  • Das fünfte Kind war Heinrich Brunn.
    Heinrich Brunn wurde ebenfalls geboren am 27.03.1812.

Mit ihm wurde die Stammeslinie fortgeführt.

Die Stammeslinie auf der Wienbeck wurde jedoch erst wieder von seinem Sohn August aufgenommen.

(wie zuvor bereits dargestellt)

Heinrich und sein 1813 verstorbener Bruder Johann Josef waren Zwillinge.

  • Das sechste Kind war Angela Brunn.

Angela wurde geboren am 29.03.1814. Sie heiratete einen Heinrich Adolph Grüter aus Schermbeck, der 1806 geboren wurde. Wahrscheinlich war der Vater ihres Mannes derjenige Grüter, der das Bürgermeisteramt von Altschermbeck von 1812 bis 1820 innegehabt hatte (siehe nachstehend).

Die Mutter ihres Mannes ist wahrscheinlich eine Catharina Böckenhoff aus Erle. Damit ergibt sich hier die erste Verwandtschaft mit der Familie Böckenhoff, die zweite verwandtschaftliche Linie ergibt sich in der 8. Generation mit der Heirat von August Brunn und Franziska Böckenhoff.

Aus der Ehe von Angela Brunn und Heinrich Adolph Grüter gingen acht Kinder hervor.

  • Das siebte Kind war Maria Wilhelmina Elisabeth Brunn.
    Sie wurde geboren am 07.09.1816 und verstarb unverheiratet am ??.07.1845.
  • Das achte Kind war Anna Maria Elisabeth Apollonia Brunn.

Anna Maria Elisabeth Apollonia  wurde geboren am 09.02.1820. Sie heiratete am 21.11.1843 den am 02.11.1822 geborenen Kaufmann Wilhelm Rößmann aus Lembeck. Anna Maria Elisabeth Apollonia starb am 16.01.1897, ihr Mann am 04.12.1874.

Wilhelm Rössmann war Kaufmann in Lembeck und soll ein vermögender Mann gewesen sein. Er soll drei Mühlen gepachtet haben unter anderem zeitweise auch die Mühle auf der Wienbeck.

Von der Familie Rößmann her gibt es ebenfalls verwandtschaftliche Beziehungen zur Familie Böckenhoff in Erle.

Clara Böckenhoff, geboren am 17.12.1850 auf dem Böckenhof in Erle war verheiratet mit dem am 24.03.1848 geborenen Heinrich Rößmann in Lembeck. Clara Böckenhoff starb am 14.03.1923 zu Münster, ihr Mann Heinrich am 11.12.1929 ebenfalls in Münster.

Das „Interregnum“ von Franz Brunn auf der Wienbeck

Die Familie Brunn auf der Wienbeck und ihre Bedeutung

in Wulfen und in der Herrlichkeit Lembeck

von ca.1810 bis ca.1875

Wir erinnern uns, dass Johannes Franziskus Jodokus Brunn und Gertrud Duetsch am 26.10.1802 geheiratet hatten. Aus ihrer Ehe waren acht Kinder hervorgegangen, unter ihnen Franz Brunn und Heinrich Brunn. Franz Brunn blieb auf der Wienbeck, wurde zunächst deren Besitzer und heiratete Karoline Reischel. Sie bekamen einen Sohn Josef, der im Alter von 17 Jahren verstarb. Dies hatte zur Folge, dass etwa 1878 der Sohn August des Bruders Heinrich (Arzt in Straelen) Besitzer der Wienbeck wurde.

Bei Betrachtung der Ereignisse auf der Wienbeck müssen wir daher den Zeitraum ansehen, als Johannes Franziskus Jodokus und sein Sohn Franz Besitzer auf der Wienbeck waren, d.h. von ca. 1810 bis ca. 1875. Die Stammeslinie aber, um dies nochmals zu betonen,  wird von Heinrich Brunn in Straelen, dem Bruder von Franz Brunn, fortgeführt.

Die Familie Brunn auf der Wienbeck mag in der Zeit von Johannes Franziskus Jodokus und seinem Sohn Franz Brunn bis 1875 (nach den Herren von Lembeck) die wohl maßgebende Familie in Wulfen und in der Herrlichkeit Lembeck gewesen sein.

Ihre hervorgehobene Stellung ergab sich nicht nur durch „familiäre Vernetzung“ und die Besetzung einflussreicher Positionen, sondern war sicherlich Ausdruck außergewöhnlichen fachlichen Könnens, persönlichen Ansehens und persönlicher Integrität.

Nach der französischen Okkupation war die Verwaltung 1812 nach französischem Muster neu geordnet worden. Aus der bisherigen „Herrlichkeit Lembeck“ wurden zwei Mairien (Bürgermeisterämter) gebildet: die Mairie Lembeck und die Mairie Altschermbeck. Die Mairie Lembeck umfasste die Gemeinden Lembeck, Wulfen und Hervest.

Hermann Josef Reischel

Der bereits zuvor genannte Hermann Josef Reischel, geboren 1758 zu Grätzen in Böhmen, war Rentmeister auf Schloß Lembeck von 1787 bis 1811, Richter der Herrlichkeit Lembeck und  wurde 1812 zum Bürgermeister, zugleich Notar, der Mairie Lembeck bestellt.

Zum Bürgermeister der Mairie Altschermbeck, bestehend aus den Gemeinden Altschermbeck, Holsterhausen, Erle und Rahde, war bestellt Johannes Leopold Grüter.

Zu jeder Marie gehörten zwei Beigeordnete und ein Gemeinderat mit 20 Mitgliedern. Beigeordnete der Marie Lembeck waren Bernhard Sieverding aus Lembeck und Johannes Franziskus Jodokus Brunn von der Wienbeck.

Als Hermann Joseph Reischel das Amt des Bürgermeisters 1816 aufgab, wurde Johannes Jodokus Brunn sein Nachfolger als Bürgermeister und sein Sohn Franz besetzte die damit frei gewordene Stelle des Beigeordneten.

Die Mairie Lembeck war damit besetzt von Johannes Jodokus Franziskus Brunn als Bürgermeister, seinem Sohn Franz als Beigeordnetem und dem weiteren Beigeordneten aus Lembeck.

Es war jedoch nicht nur die Verbindung zur Mairie Lembeck, die hier grundgelegt wurde.

Die Tochter Angela von Johannes Jodokus Franziskus Brunn heiratete (wie bereits dargestellt) in die Familie Grüter in Altschermbeck, d.h. in die Familie des Bürgermeisters der Mairie Altschermbeck.

Sie heiratete den 1806 geborenen und 1868 verstorbenen Heinrich Grüter (siehe oben). Dieser dürfte ein Sohn des Bürgermeisters Johannes Leopold Grüter der Mairie Altschermbeck gewesen sein. Aus der Ehe von Angela Brunn und Heinrich Grüter gingen 8 Kinder hervor.

1820, so schreibt Franz Brunn, resignierte Johannes Leopold Grüter als Bürgermeister von Altschermbeck.

Nach einer kurzen Übergangszeit wurden die Mairien Lembeck und Altschermbeck zusammengelegt.

Johannes Franziskus Jodokus Brunn wurde 1825 zum Bürgermeister beider Mairien bestellt. Er übte das Amt aus bis 1836.

Sein Nachfolger als Bürgermeister beider Mairien wurde auf seinen Wunsch hin sein Sohn der bisherige Beigeordnete und Landwehrleutnant Franz Brunn.

Im gleichen Jahr 1836 heiratete Franz Brunn Caroline Reischel, die Tochter des früheren Bürgermeisters der Mairie Lembeck (siehe oben).

Franz Brunn erhielt, als die französische Zeit von der preußischen abgelöst war, als Bürgermeister von Lembeck und Altschermbeck die preußische Amtsbezeichnung „Amtmann“.

Die Positionen des Bürgermeisters/Amtmanns waren mit nicht unerheblicher politischer Machtfülle (u.a. Polizeigewalt) ausgestattet. Sie waren auch finanziell dotiert. (siehe Chronik der Herrlichkeit Lembeck.). Das Büro der Amtsbürgermeisterei befand sich auf der Wienbeck.

Johannes Franziskus Jodokus Brunn wie auch sein Sohn Franz besetzten in der Zeit von ca. 1810 bis 1875 somit die maßgebenden politischen Positionen in Wulfen und der „Herrlichkeit Lembeck“, obwohl ihre berufliche Tätigkeit als Schank- und Gastwirte mit Ackerwirtschaft, aber auch die Lage der Wienbeck, die auch Verwaltungsstelle der Mairien war, außerhalb des Ortes Wulfen, eigentlich nicht ohne weiteres dazu Veranlassung gegeben haben dürften.

Die Brunn’s von der Wienbeck müssen wohl sehr angesehen gewesen sein, ungewöhnlich tüchtig, weitblickend und zuverlässig. Wahrscheinlich haben sie aus ihrer über Jahrhunderte gewachsenen beruflichen Tätigkeit heraus auch viel gewusst über Land und Leute. Es ist auch wahrscheinlich, dass in allen Generationen ein guter Kontakt zu den Herren von Lembeck bestanden hat, denn wohl nicht ohne diesen Kontakt ließe sich die Berufung in die politischen Ämter und die enge familiäre und politische Bindung zur Familie Reischel erklären.

In den bereits erwähnten Grundakten (Archiv Margit Brunn) findet sich eine Reihe von Grundstücksverträgen mit den Herren von Lembeck.

Franz Brunn gab das Amt des Amtmanns im Jahre 1875 auf als Protest gegen die preussische Politik gegenüber der katholischen Kirche (Kulturkampf – siehe nachfolgend) – so auch dies ein Beispiel für die Geradlinigkeit nicht nur des Denkens sondern auch des Handelns in der Familie.

3.7.0. Die 7. Generation: Dr. med. Heinrich Brunn & Petronella Keuller

Zur Zeitgeschichte der 7. Generation (ca. 1840 bis 1875)

Zeittafel

Kirchengeschichte Weltgeschichte Kulturgeschichte
1831-1846 Gregor XVI. 1840-1861 Friedrich Wilhelm IV. Literatur/Philosophie:
1846-1878 Pius IX. 1848-1849 Nationalversammlung in der Paulskirche Fontane Th.
1848 1. deutscher Katholikentag 1848 Revolution in Paris Freitag G.
1848  1. deutsche Bischofskonferenz 1848 Revolution in Berlin Hebbel Fr.
1854 Verkündung der Immaculata Conceptio 1852-1870 Napoleon III. Keller G.
1869-1870 1. Vatikanisches Konzil 1862 Otto v. Bismarck, preuss.Ministerpräsident Meyer CF.
1870 Definition der päpstlichen Unfehlbarkeit 1866 Krieg zwischen Preussen und Oesterreich Raabe W.
1871-1887 Kulturkampf in Preussen 1870-1871 Deutsch-französischer Krieg Storm Th.
1871 Bildung der Altkatholischen Kirche 1871 Deutsches Kaiserreich Musik:
1873 Maigesetze gegen die katholische Kirche Wagner R.

Da die Erinnerung an die Französische Revolution, die Verkündung der Menschenrechte, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit im Volk lebendig geblieben waren, blieb es nicht aus, dass freiheitliche Gedanken Ausdruck fanden in der Literatur, in der Wirtschaft, aber auch in Erhebungen des Volkes, oft der Studentenschaft. Erste Erfolge wurden jedoch schnell wieder zunichte. Die im Mai 1848 gewählte preussische Nationalversammlung wurde Ende des gleichen Jahres  schon von Truppen vertrieben und aufgelöst. Wilhelm IV. von Preussen oktroyierte eine Verfassung, die praktisch die absolutistische Macht unangetastet ließ (Zwei Kammern, Drei-Klassen-Wahlrecht). Bismarck ließ oppositionelle Beamte maßregeln, die Presse scharf zensieren und war der Meinung, auch ohne Parlament regieren zu können. 1866/67 kam es zur Gründung des Norddeutschen Bundes, mit dem die Hegemonie Preussens verfestigt wurde. Der Streit zwischen Preussen und Frankreich um die Thronfolge in Spanien führte zum deutsch-französischen Krieg 1870/71, der mit einer Niederlage Frankreichs endete. 1871 ließ Wilhelm I. sich zum Kaiser proklamieren im Spiegelsaal von Versailles.

Es waren jedoch nicht nur die staatspolitischen Auseinandersetzungen, von denen diese Zeit  geprägt wurde.

Durch die Säkularisation hatte die Amtskirche ihre bisher dominante Stellung in Staat und Gesellschaft verloren. Andererseits war sie damit aber auch, so kann man es sehen, von Fesseln und von „alten Zöpfen“ befreit. Das Adelsmonopol bei der Besetzung von Bischofssitzen und höheren Pfründen war beseitigt; die mittelalterliche Feudalordnung mit ihrem vielgestaltigen Benefizienwesen und ihrem Unterschied zwischen dem hohen und niederen Klerus war zu Ende. Die entmachtete und verarmte Kirche trat in ein neues Verhältnis zum Volk. Bischöfe, Priester und Gläubige fühlten sich viel enger miteinander verbunden.

Sicherlich entgegen vielen Bedenken und Sorgen war diese Entwicklung in religiöser Hinsicht offenbar ein Segen. Der Katholizismus blühte in ungeahnter Frömmigkeit auf. Die Volkskirche des 19. Jahrhunderts konnte entstehen.

Als 1837 der Kölner Erzbischof Clemens August von Droste Vischering sich in der Mischehenfrage in Gegensatz zum preußischen Staat stellte und verhaftet wurde, war dies ein auslösendes Ereignis dafür, dass sich ein katholisches Gemeinschaftsbewusstsein neu entwickelte.

Überall erkannte man die Notwendigkeit eines stärkeren Zusammenschlusses. So entstanden in den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts plötzlich zahlreiche neue Organisationen, alle rein kirchlich-religiösen Charakters, wie der Borromäus-Verein (1844), der Gesellen-Verein (1846), der Bonifatius-Verein (1849), der Elisabeth-Verein (1840), der Franz-Xaverius-Missions-Verein (1842), der Pius-Verein und die durch ihn ins Leben gerufenen alljährlich wiederkehrenden Katholikentage (1848).

Bald wurden große Volksmissionen abgehalten; ein reiches Wallfahrts- und Andachtswesen entfaltete sich, und allenthalben zeigte sich neues kirchliches Leben. Priester- und Ordensberufungen fanden reichen Anklang, so auch in der Familie Brunn.

Mit neuen Seelsorgemethoden stellte sich die Kirche auf die Menschen ein und suchte sie caritativ und erzieherisch zu betreuen. Diese Entwicklungen haben sicher auch in der Pfarrgemeinde Wulfen ihren Niederschlag gefunden, obwohl wir in den Chroniken darüber keine näheren Aufzeichnungen finden.

Ein Ausdruck dieser neuen Einheit zwischen „Volk und Kirche“ mag der Text des um 1810

entstandenen Kirchenliedes „Fest soll mein Taufbund immer stehen“ sein:

Es verschärften sich aber auch die Gegensätze zum Protestantismus, zum Nationalliberalismus und zum protestantischen preußischen Staat, die im sog. Kulturkampf der Jahre 1870 bis 1878 ihren Ausdruck fanden. Sie sind im Hinblick auf die Familiengeschichte nachlesenswert in der Geschichte des Klosters Aspel und der Gasdonck.

Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts war auch die Zeit der beginnenden Industrialisierung, mit der die bestehende Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung die seit Jahrhunderten tiefgreifendste Umwälzung erfuhr.

Die „Aufklärung“ hatte neue außerordentliche naturwissenschaftliche und technische Forschungen und  Erkenntnisse ermöglicht. Ihnen folgte eine rasante wirtschaftliche Entwicklung. Leben, Gesellschaft und  Umwelt veränderten sich in weniger als 100 Jahren schneller als in hunderten Jahren zuvor.

In schneller Folge kamen – um nur wenige zu nennen- neu „auf den Markt“:  Schnellpresse, Fahrrad, Zement,  Schiffsschraube, Getreidemähmaschine, Batterie-Elektromotor, Elektrischer Telegraph,  Rotationsdruckmaschine, Dynamo, Druckluftbremse, Dampfmaschine, mechanischer Webstuhl, Hochofen und ... und ...  .

Das Aufkommen der Eisenbahn führte zum Umbruch in der Mobilität von Menschen und Gütern und hatte tief greifende regionale Verschiebungen von Produktionsstandorten und Bevölkerungszentrierungen zur Folge.

Chemische Forschungen und Anwendungen (Liebig/Kunstdünger) verbesserten entscheidend die Produktivität der Landwirtschaft.

Die damit einsetzende wirtschaftliche Entwicklung und der ihr folgende Wohlstand kamen jedoch nur einem Teil der Bevölkerung zugute.

Die technische Entwicklung hatte zur Folge, dass sich die bisher flächenhaften, vorwiegend manuellen  Produktionsstandorte konzentrierten dorthin, wo auf Grund der technischen Möglichkeiten nunmehr Fabriken entstanden. Durch den Einsatz von Maschinen –sie konnten 24 Stunden am Tag laufen- konnte die Produktivität eines Unternehmens erheblich gesteigert werden. So nahm beispielsweise in der Zeit von 1873 bis 1913 die Produktivität in der Metallverarbeitung um 270 %, die Produktivität in der Textilverarbeitung um 115 % zu.

Mit der Möglichkeit, am einzelnen Produktionsstandort mehr  zu erzeugen, entstanden erste Industriereviere, zunächst in England, dann in Belgien, im Ruhrgebiet, in Oberschlesien.

Bauernbefreiung und Gewerbe- und Handelsfreiheit waren um 1850 abgeschlossen. Viele, nunmehr freie Bauern, besaßen zu wenig Land, um davon leben zu können. Sie und durch Maschinenarbeit brotlos gewordene Handwerker suchten Arbeit und Lohn für sich und ihre Familien. Viele wanderten aus in die „neue Welt“. Andere wanderten dorthin, wo es Arbeit und damit Lohn und Brot gab, nämlich in die entstehenden Industriereviere.

So stieg beispielsweise die Einwohnerzahl von Essen von 9 Tsd. im Jahre 1850  auf 57 Tsd. im Jahre 1880 und auf 119 Tsd. im Jahre 1900.

Die Zuwanderung vom Land in die Städte (Landflucht)  und der Bevölkerungsanstieg vermehrten die Zahl der Arbeitssuchenden.

Unter dem Druck des Überangebotes an Arbeitsuchenden sanken die Löhne soweit, dass die Ernährung einer Familie  nur durch Mitarbeit von Frau und Kindern möglich war. Die  Arbeitszeit betrug –auch für Frauen und Kinder- täglich 10 - 15 Stunden. Schon vom 10. Lebensjahr an durften (mussten) Jungen im Bergbau unter Tage arbeiten.

Es entstand neben/unter dem Adel, dem Bürger, dem Bauern ein neuer vierter Stand: der Arbeiterstand. Er war das neue Proletariat. Die, die zu ihm gehörten, waren die Proletarier oder abfällig „die Proleten“, weil sie als Proletarier nichts anderes besaßen als ihre Kinder (lateinisch: proles).

Jedoch nicht nur die staats- und wirtschaftpolitischen Auseinandersetzungen prägten diese Zeit. Es war auch die Zeit des „Kulturkampfes“.  Preußen war religiös zweigeteilt, weit überwiegend protestantisch und nur in den westlichen Gebieten katholisch. Die Staatsmacht lag in den Händen der Protestanten. 1870 hatte der Papst den Kirchenstaat als weltlichen Besitz verloren, was dem Interesse des protestantischen Preußen entsprach. Als die katholische preußische Zentrumspartei verlangte, dass die preußische Politik sich für die Erhaltung des Kirchenstaates einzusetzen habe, war der Konflikt mit den Katholiken unvermeidlich. Es war jedoch nicht nur die Auseinandersetzung mit dem protestantischen Staat. Nationalliberale Ideen fixierten ein nationales Staatsbewußtsein, dem jede Art der Internationalität verdächtig war. Wegen der Internationalität des Katholizismus, seine Bindung an Rom, galten die Katholiken den Nationalliberalen als unzuverlässig, als „vaterlose Gesellen“. Ähnlich war die Einstellung gegenüber der international verflochtenen Sozialdemokratie. Der Kulturkampf fand seinen Höhepunkt in zahlreichen Gesetzen, die die katholische Kirche und die Katholiken aus dem öffentlichen Leben verdrängen sollten. 1876 waren in Preußen alle Bischöfe festgenommen oder ausgewiesen, zahlreiche Geistliche inhaftiert. Bismarck erreichte sein Ziel nicht. Aus den Reichstagswahlen ging die (katholische) Zentrumspartei gestärkt hervor. 1878 lenkte Bismarck ein.

Auf der anderen Seite war Brennpunkt der Auseinandersetzungen das Ruhrgebiet, das von Wulfen nicht sehr weit entfernt war und das Zuzugsgebiet für viele Menschen und Familien war, die glaubten nur dort Arbeit  finden zu können, um überleben zu können (Vgl. Krupp in Essen).  Ob in der „Landflucht“ auch ein Zuzug nach Wulfen stattfand, ist ohne weitere Nachforschungen nicht zu beantworten.

Am 30.August 1853 brach in Wulfen im Haus Askamp gegenüber der Kirche ein großer Brand aus, dem 11 Häuser zum Opfer fielen. Auch der Turm der Kirche brannte völlig aus. Beim Wiederaufbau 1854 wurde der neue Turm zurückversetzt und damit das Kirchenschiff vergrößert.

Von 1848 bis 1864 war Johann Wenzel Böckenhoff  Pastor in Wulfen. Er war Neffe seines Onkels Johann Heinrich Wenzel Böckenhoff, der von 1805 bis 1845 Pfarrer in Wulfen gewesen war. In der Wulfener Chronik heißt es über Wenzel Böckenhoff: Er war als Helfer in Krankenfällen weit über die Grenzen seines Kirchspiels hinaus bekannt. Mit Freude bewirtschaftete er selbst die Ländereien. Neben seiner Bescheidenheit und Frömmigkeit zeichnete er sich durch eine urwüchsige Deftigkeit aus. Manche Anekdoten gehen heute noch im Volksmund von ihm um. Dr. Augustin Wibbelt, der mehrfach in Wulfen weilte, hat in seinen Lebenserinnerungen „der versunkene Garten“ das schalkhafte Wesen dieses Landpastors geschildert.

St.-Matthäus-Kirche in Wulfen

Ihm folgte von 1864 bis 1895 Pfarrer Wilhelm Verspohl. Er erneuerte vor allem die Inneneinrichtung der Kirche. 1873 wurden ein neuer Hochaltar und die beiden Nebenaltären neu angeschafft. Den Hauptaltar stiftete der Graf von Merfeldt, die Nebenaltäre wurden gestiftet der eine von der Familie Tüshaus, der andere von der Familie Brunn.

Auch das nachstehende Bild (es wurde in das Gebetbuch eingelegt) mag ein Ausdruck der Frömmigkeit der damaligen Zeit sein.

Es müssen auch genannt werden wenigstens einige der im 19. Jahrhundert entstandenen und  heute leider vielfach vergessenen wunderschönen Volks- und Kinderlieder, wie sie noch bis in die Zeit der Generation des Verfassers gern gesungen wurden:

Es, es, es und es  ......

Morgen muß ich fort von hier  .....

Nun ade, du mein lieb Heimatland ....

Muß i denn, muß i denn ......

Kommt ein Vogel geflogen ......

Mädel ruck ruck ruck ........

Horch, was kommt von draußen rein .....

Schwesterlein, Schwesterlein ........

Ein Heller und ein Batzen .......

Ich schieß denHirsch im wilden Forst ......

Im Wald und auf der Heide .......

Es klappert die Mühle am rauschenden Bach

Häschen in der Grube .......

Alle meine Entchen ........

Hänschen klein .......

Zeigt her eure Füßchen .......

Wer hat die schönsten Schäfchen ......

Ringel rangel Rose ......

Weißt Du, wie viel Sternlein stehen ......

Brüderchen komm tanz mit mir ...........

Sabinchen war ein Frauenzimmer .......

Hänsel und Gretel ......

Fuchs, Du hast die Gans gestohlen ........

Der Kuckuk und der Esel .......

Ein Beispiel in Text und Melodie:

 

Die Familie:

 In dieser Generation verlassen wir zunächst die Wienbeck. In der vorhergehenden Generation hatten wir gesehen, dass eigentlich Franz Brunn, verheiratet mit Caroline Reischel, den Hof auf der Wienbeck fortführen sollte. Wir hatten auch gesehen, dass Franz Brunn und Caroline Reischel  nur ein überlebendes Kind, den Sohn Joseph, hatten, der jedoch bereits als Obersekundaner verstarb.  Auf der Wienbeck war daher niemand mehr, der die Stammesfolge fortführen konnte. Die Stammesfolge wird daher fortgeführt von Heinrich Brunn in Straelen. Sie wurde erst in der 8.Generation wieder auf der Wienbeck durch seinen Sohn August wieder aufgenommen.

Da Heinrich Brunn Arzt geworden und sich in Straelen niedergelassen hatte, befinden wir uns  gedanklich bei der Beschreibung dieser Generation daher nicht auf der Wienbeck sondern in Straelen am Niederrhein.

Heinrich Brunn

führte als erstgeborenes Kind seiner Eltern Johannes Franziskus Jodokus und Gertrud gb. Duetsch

die Stammeslinie fort.

 Heinrich Brunn war verheiratet mit Petronella Josepha Elisabeth Keuller aus Venlo.

Aus ihrer Ehe gingen 7 Kinder hervor:

Anna Brunn Joseph Brunn Franz Brunn August Brunn
Eduard Brunn Albert Brunn Caecilia Brunn

Die Eltern:

Heinrich Brunn Petronella Keuller

Heinrich Brunn wurde am 27.03.1812 in Wulfen geboren. Nach Absolvierung des Gymnasiums studierte er Medizin in Halle und Berlin.

In Halle promovierte er zum Doktor der Medizin mit dem Titel: DE EXCRESCENTIIS CONDYLOMATOSIS IN CORDIS SUPERFICIE INTERNA OBVIIS.

Im Jahre 1838 ließ er sich als praktischer Arzt in Straelen nieder und wirkte dort segensreich.

Zahnzangen aus seiner Praxis (Geschenk von Josef Brunn an
die Ehefrau des Verfassers Zahnärztin Eleonore Brunn)

Heinrich Brunn war Vorsitzender des Kirchenvorstandes und – wie es im Gebetszettel heißt – „nahm täglich teil am heiligen Messopfer“. Als Arzt und als Mensch war er hoch angesehen und wurde mit einer „Ehrentafel“ ausgezeichnet, die Stationen seines Lebensweges darstellt.

Seit dem 29.09. 1840 war er verheiratet mit Petronella Josepha Elisabeth Keuller aus Venlo.

Petronella Josephine Elisabeth Keuller war geboren am 18.09.1809.

Von ihrem Haus (Wohnhaus und Praxis) in Straelen (so sagte Henri van Boom immer)

konnten sie die Spitze des Kirchturms in Venlo sehen.

Seit dieser Generation besteht die „holländische Verwandtschaft“ mit den Familien Keuller/  van Boom in Venlo, eine Verwandtschaft, die sich in herzlicher Verbundenheit über die Generationen bis heute erhalten hat.

Heinrich Brunn war Besitzer verschiedener Grundstücke in Straelen, wie sich aus der Grundsteuermutterrolle des Gemeindebezirks Straelen vom 28.05.1902 ergibt.

Als Eigentümer der unter Artikel Nr. 128 eingetragenen Grundgüter sind unter dem Datum vom 28.05.1902 die Eheleute Brunn August Jodocus Hubert, Oekonom, und Ehefrau Franziska Elisabeth geb. Böckenhoff verzeichnet. Es ist anzunehmen, dass Heinrich Brunn die Grundstücke auf die Vorgenannten übertragen hat.

Welche Grundstücke es in der Örtlichkeit sind, und ob zu den Grundstücken auch das oben dargestellte Wohnhaus mit Praxis gehört, ist nicht bekannt.

Heinrich Brunn und seine Ehefrau Petronella gb. Keuller

Heinrich Brunn verstarb am 26.03.1892 seine Ehefrau Petronella gb. Keuller am 10.01.1877. Beide wurden beigesetzt auf dem Friedhof in Straelen.

Henri van Boom (li.) mit dem Verfasser. Das Grabdenkmal von Heinrich Brunn
und seiner Ehefrau Petronella
ist auf dem Friedhof in Straelen noch vorhanden und steht unter Denkmalschutz.

Die Kinder

  • Das erste Kind war Anna Brunn.
    Anna Brunn wurde geboren am 22.07.1841 und verstarb früh am 03.09.1841.
  • Das zweite Kind war Joseph Brunn.

Joseph Brunn wurde geboren am 08.08.1842 und wurde Priester.

Josef Brunn gehört sicher zu den besonders herausragenden Mitgliedern unserer Familie.

In den „Gasdoncker Blättern“ von Juli 1960 heißt es über ihn: „Josef Brunn wurde am 8.August 1842 als Arztsohn in Straelen geboren. Sein Abitur machte er als Gasdoncker Schüler (Anm.: Gasdonck am Niederrhein ist eine bischöfliche Studienanstalt (Gymnasium des Bischofs von Münster). Nach dem Studium der Mathematik und Physik in Münster und Berlin promovierte er 1865 zum Dr. phil. und bestand im folgenden Jahr das Examen pro facultate docendi. Gleich nach seiner Priesterweihe kam er 1868 als Lehrer nach Gasdonck zurück.

Schon als Student fand Brunn Achtung und Anerkennung. Graf Hertling, Univ.-Professor in München von 1912 bis Ende des I. Weltkrieges bayerischer, dann preußischer Ministerpräsident, lernt ihn in Berlin kennen. Er schreibt 1919 in seinen Lebenserinnerungen:

Zu den jüngeren Mitgliedern des Lesevereins gehörten auch zwei Rheinländer, die ihre Bildung auf dem in hoher Blüte stehenden bischöflichen Gymnasium in Gasdonck erhalten hatte. Der erstere war ein bescheidener in sich gesammelter junger Mann, er studierte Mathematik, bei Prof. Förster Astronomie, wobei er des letzteren Gunst in so hohem Maße gewann, dass dieser ihm anbot, Assistent bei ihm zu werden. Brunn’s Absicht aber war, sich dem geistlichen Stande zu widmen, und so schlug er das Anerbieten aus.

Brunn hat dann später in der Diözese seinen Weg gemacht, war zuletzt Direktor eben jenes Gymnasiums in Gaesdonck und ist dort geehrt und geachtet von seinen vielen Schülern gestorben.

Dr. phil. Joseph Brunn

Prälat Dr. Joseph Brunn, Direktor des Collegium Augustinianum zu Gaesdonck 1893 – 1909

Das Bild ist eine Photographie des Gemäldes auf der Gaesdonck, das jeder Abiturient der Anstalt geschenkt erhielt, so auch Studienrat Dr. Severin Daniel, Großvater mütterlicherseits der Ehefrau des Verfassers, Eleonore Brunn gb. Steinkamp.

Bei einem Besuch der Gaesdonck in den 1960iger Jahren erzählte ein betagter ehemaliger Hausmeister über Dr. Brunn:

"Dr. Brunn sei ein sehr gestrenger, aber gerechter Direktor gewesen. Einige Verwaltensweisen der Schüler seien ihm außerordentlich zuwider gewesen. Diese habe er den Schülern zum Ende seiner Ansprache in der Aula anläßlich des jährlichen Schul-Neubeginns wie folgt verdeutlicht: Er habe gesagt: Drei Dinge gibt es auf dieser Schule nicht: Es werden keine Hände in die Hosentaschen gesteckt, es wird nicht gepfiffen und es werden keine Türen zugeschlagen. Nach diesen Worten habe er stets das Pult verlassen, die Hände bis unten in die Hosentaschen gesteckt, laut gepfiffen und die Tür der Aula hinter sich zugeknallt."

Mit 23 Jahren widmete Brunn seinem Prof. Förster die Dissertation:

„De computando refelectionis effectu in minorum angelorum determinationibus mikrometricis“.

 

Die Arbeit enthält Berechnungen über die  Wirkung der Lichtbrechung bei Bestimmung kleiner Winkel. Das Ziel ist die Festlegung der Grenze bis zu denen man die experimentelle Genauigkeit vergrößern muss, um zu sicheren Werten zu gelangen. Interessant ist die am Schluss der Arbeit aufgestellte These, dass man mit Hilfe aufgestellter elektrischer Apparate den Durchgang der Gestirne genauer bestimmen kann, als wenn man sich nur auf Sehen und Hören verlässt.

Die Lehre von der Elektrizität stand immerhin noch in den Kinderschuhen. Als Lehrer in Opladen verfasste Brunn seine „Versuche über elektrische Uhren“, die er in einem Programm der Schule veröffentlichte. Zur gleichen Zeit beschrieb er in der Zeitschrift für Instrumentalkunde ein von ihm konstruiertes Spektroskop, das das Absuchen des Sonnenrandes nach Protuberanzen erleichtern sollte.

Im Gaesdoncker Bericht über das letzte Schuljahr vor der Schließung der Anstalt 1873 (Kulturkampf) finden wir einen Aufsatz, der einige Aufgaben aus der mathematischen Geographie enthält.

„Genannt werden muss auch die von Joseph Brunn entwickelte  4-stellige Logarithmentafel für den Schulgebrauch, die erstmals 1902 erschien und für die Schüler eine nicht zu übersehende Vereinfachung des Rechnens bedeutete. Der Verfasser war mit dieser Logarithmentafel seiner Zeit um ¼ Jahrhundert voraus. Er konstruierte auch ein Barometer: das „Brunn’sche Barometer.“

Auf der Gaesdonck richtete er eine astronomische Sternwarte ein.

Er befasste sich des weiteren mit der Photografie. Die ersten photografischen Aufnahmen der Gaesdonck sind ihm zu verdanken. Hierüber wurde in der historischen Zeitschrift für Stadt Goch und Umgebung Heft 41  eingehend berichtet.

Das Collegium Augustinianum Gaesdonck im Jahr 2011

Einen Eindruck von Joseph Brunn vermittelt auch sein Glückwunschschreiben vom 13.11.1894 an seinen Bruder August anläßlich der Geburt des 10. Kindes Alois:

Joseph Brunn verstarb am 29.09.1910 und wurde auf dem Kapitelfriedhof der Gaesdonk beigesetzt.

  • Das dritte Kind war Franz Brunn.
    Franz Brunn wurde geboren am 06.03.1844.

 

Franz Brunn

Er besuchte ebenfalls das Gymnasium Gaesdonck und erlernte dann das Uhrmacherhandwerk. Er übernahm das Uhren- und Goldwarengeschäft der Familie seiner Mutter (Keuller) in Venlo, da dort  keine Erben vorhanden waren.

Franz Brunn in „späteren Jahren“

 1872 heiratete Franz Brunn Maria Tillemans aus Venlo.

 

Maria Tillemans wurde geboren am 17.01.1846.

Aus ihrer Ehe mit Franz Brunn ging ein Kind hervor.

 

 

Franz Brunn starb am 08.01.1916, Maria Tillemans am 30.06.1887. Beide sind beide auf dem Friedhof in Venlo beigesetzt

 

  • Das vierte Kind  war August Brunn.

August Brunn wurde geboren am 09.06.1846. Mit ihm setzt sich die Stammeslinie auf der Wienbeck fort. Seit dem 03.10.1876 war er verheiratet mit Franziska Böckenhoff aus Dorsten.

August Brunn erlernte ebenfalls wie sein Bruder Franz das Uhrmacherhandwerk und übernahm mit ihm das Urmacher- und Goldwarengeschäft in Venlo.

Da auf der Wienbeck nach Franz Brunn jedoch kein Erbe vorhanden war, übernahm er die Wienbeck von seinem Onkel Franz.

  • Das fünfte Kind war Eduard Brunn.

Eduard Brunn  wurde geboren am 25.02.1848. Er blieb unverheiratet. Eduard war eigentlich als Erbe der Wienbeck vorgesehen. Dazu kam es jedoch nicht.

 

Eduard wurde als Soldat im Krieg 1870/71 eingezogen. Er starb am 01.10.1870 an Typhus im Lazarett in Mannheim.

Es wird erzählt, Eduard habe in einem zerstörten (belgischen?) Dorf auf der Straße den Corpus dieses Kreuzes gefunden. Das  Kreuzesholz und der Sockel wurden in der Familie neu gefertigt.

 

  • Das sechste Kind war Albert Brunn.

Albert Brunn wurde geboren am 11.10.1849 und verstarb früh am 01.03.1852.

  • Das siebte Kind war Caecilia Maria Brunn.

Caecilia Maria Brunn wurde geboren am 16.05.1852.

Im Alter von 22 Jahren trat sie zu Aspel /Niederrhein in die Genossenschaft der Töchter vom Hl. Kreuz ein.

Haus Aspel am Niederrhein ist ein bedeutendes Gymnasium für Mädchen. Mehrere Töchter aus der Familie Brunn/van Boom waren Ordensschwestern in Aspel, so dass die Familie mit Aspel immer in besonderer Weise verbunden war. Es wird erzählt, dass die Familie Brunn sich in der Zeit des Kulturkampfes für Aspel und die Schwestern besonders eingesetzt habe. Dies habe mit dazu beigetragen, dass die Schwestern nach Ende des Kulturkampfes das Kloster zurückerhalten konnten.

Auch das Glückwunschschreiben von Caecilia Maria an ihren Bruder August vom 11.11.1894 zur Geburt des 10. Kindes Alois ist erhalten:

Caecilia Maria war die erste aus der Familie Brunn, die der Genossenschaft der Töchter vom Heiligen Kreuz angehörte. In der nachfolgenden Generation traten der Genossenschaft  ihre Nichten Josefine und Maria Caecilia Brunn bei, in folgenden Generation ihre Großnichte Else van Boom.

Caecilia Maria starb nach 44 Jahren Ordensleben am 04.04.1918 und wurde auf dem Schwestern-Friedhof in Aspel beigesetzt.

 

Bilder aus der Zeit der 7. Generation

 

Dr.med.Heinrich Brunn mit Bruder Franz, Söhnen, Schwiegertöchtern und Enkelkindern

Von links nach rechts: Maria Tillemans (Venlo), Maria Brunn, Franz Brunn, Dr.med.Heinrich Brunn, Josefine Brunn, Heinrich Brunn, Joseph Brunn, Amtmann Franz Brunn, Franz Brunn, Caecilia Maria Brunn, August Brunn, Agnes Böckernhoff

Dr.med.Heinrich Brunn

Amtmann Franz Brunn

Die Familie Brunn – Tillemans in Venlo

Joseph Brunn mit seiner Schwester Caecilia Maria

Die Brüder August, Joseph und Franz Brunn

Dr. Joseph Brunn u. Prof. Dr. Joseph Keuller (auf der Reise nach Jerusalem)     

3.8.0  Die 8. Generation: August Brunn & Franziska Böckenhoff

Zur Zeitgeschichte der 8. Generation (ca. 1875 bis 1920)

 Vorbemerkung 

Für die nachfolgenden Generationen erscheint es dem Verfasser geboten, sich ab dieser Generation Zurückhaltung in der Darstellung der Familie aufzuerlegen. Mit dieser Generation beginnt nämlich die Zeit der Eltern der heute noch lebenden Kinder oder ihrer Enkel. Diese sind daher im Besonderen berufen, das festzuhalten, was ihnen aus der Zeit ihrer Eltern/Großeltern bekannt ist und wichtig erscheint. Naturgemäß übersteigt ihr Wissen bei weitem das, welches der „Chronist“ haben kann. Bitte und Anliegen des „Chronisten“ ist daher zugleich, dass sie selbst aufzeichnen, was ihnen aus der Zeit ihrer Eltern/Großeltern berichtenswert erscheint, um ggf. später einmal die Chronik ergänzen zu können. Dem soll die „Geschichte der Familie Brunn auf der Wienbeck bei Wulfen“  als Loseblattsammlung im Besonderen dienen. Aufgabe des Verfassers soll es im Folgenden daher nur sein, das festzuhalten, was die Familie als Ganzes betrifft bzw. diejenigen zu betrachten, über  die Nachkommen nicht berichten können.

Zeittafel 1875 - 1920

Kirchengeschichte Weltgeschichte Kulturgeschichte
1846-1878 Pius IX. 1888-1918 Kaiser Wilhelm II. Literatur/Philosophie:
1878-1903 Leo XIII. 1914-1918 1. Weltkrieg Hauptmann G.
1877 Wilhelm Emanuel von Ketteler † 1917 Russische Revolution Liliencron D. von
1887 Ende des Kulturkampfes 1917-1924 Lenin Hesse H.
1891 Rerum Novarum 1918 Revolution in Deutschland Hoffmansthal H. von
1903-1914 Pius X. 1919 Weimarer Verfassung Huch R.
1905 Trennung von Kirche und Staat in Frankreich Mann Th.
1910 Antimodernisteneid Morgenstern Chr. von
1914-1922 Benedikt XV. Rilke R.M.
1917 Aufhebung des Verbots des Jesuitenordens Zweig St.
1917 Codex juris canonici Barlach E.
Brecht B.
Kafka F.
Werfel F.
Spengler
Simmel
Heidegger
Jaspers
Sartre
Musik:
Orff C.
Schöngerg R.

Die Zeit dieser Generation war geprägt durch die weiterhin anhaltende industrielle Revolution, durch die Auswirkungen des deutsch-französischen Krieges 1870/71 und durch den 1. Weltkrieg.

 

Das von Bismarck aufgebaute Bündnissystem war nach seiner Entlassung schnell verfallen. Nachdem Russland und Frankreich 1894 ein Bündnis geschlossen hatten, kam Frankreich aus seiner Isolierung heraus, das deutsche Reich hingegen in eine schwierige Mittellage zwischen Frankreich und Russland. Der Bau einer großen deutschen Kriegsflotte seit 1898 belastete das deutsch-englische Verhältnis. Ständige Krisen zeigten die zunehmende Gefahr eines kriegerischen Zusammenstosses. Als 1914 der österreichische  Thronfolger durch einen serbischen Nationalisten ermordet wurde, versicherte das Deutsche Reich Österreich seiner Bündnistreue, demzufolge Österreich Serbien den Krieg erklärte. Nachdem das Deutsche Reich Russland, das seine Truppen gegen Österreich mobilisiert hatte, vergeblich aufgefordert hatte, die Mobilmachung aufzuheben und von Frankreich vergeblich eine Neutralitätserklärung verlangt hatte, erklärte das Deutsche Reich im August 1914 Russland und Frankreich den Krieg. Nach ersten deutschen Erfolgen entwickelte sich der Krieg, nachdem auch England und die USA gegen die Verbündeten Deutschland/Österreich in den Krieg eingetreten waren, zu einem für alle Beteiligten äußerst verlustreichen Stellungskrieg, in dem „Materialschlachten“ die Entscheidung bringen sollten. Eine heute nicht mehr nachvollziehbare nationale Kriegsbegeisterung in allen beteiligten Nationen führte zu einem schrecklichen Elend, das mit dem Kriegsende 1918 sein militärisches Ende fand, das politische und wirtschaftliche Elend aber erst noch heraufziehen ließ mit der Revolution in Russland 1917, der Revolution in Deutschland 1918, der Entstehung des Kommunismus,  jedoch auch mit der ersten demokratischen Verfassung in Deutschland, der „Weimarer Verfassung“ 1919.

Auch die Brüder Heinrich, Franz, August, Alois und Josef Brunn von der Wienbeck wurden zum Kriegsdienst eingezogen.

Heinrich Brunn

 Franz Brunn

August Brunn

Aloys Brunn

Josef Brunn

 

Leid und Elend dieses Krieges in seinen „Vernichtungsschlachten“ hatten nicht nur zu materiellem, sondern auch unfassbaren seelischen Schäden bei  allen, die an der Front hatten kämpfen müssen, geführt. So war Alois Brunn u.a. Teilnehmer der Kämpfe um Verdun. Es wird erzählt, dass er nach seiner Rückkehr zur Wienbeck gesundheitlich, körperlich und seelisch, sehr angegriffen gewesen sei. Man habe dies, obwohl er nichts davon habe merken lassen wollen, daran gemerkt, dass er so getan habe, als lese er die Zeitung, habe diese aber falsch herum gehalten. Alle, die diesen Krieg erlebt haben, waren von dem Erlebten ihr Leben lang geprägt.

Der verlorene Krieg hatte zudem zu einem ungeheuren Geldbedarf geführt. Die entlassenen Soldaten sollten versorgt, Kriegsbeschädigte, Erwerbslose und Flüchtlinge unterstützt, die Kriegsanleihen (mehr als 100 Mill. Mark) verzinst und Reparationen an die Siegermächte bezahlt werden. Die Steuereinnahmen waren gering, denn die Wirtschaft lag danieder. Der Staat behalf sich mit dem Drucken von Papiergeld. Die Geldentwertung stieg rasant, die Ersparnisse wurden wertlos. Viele Familien gerieten in Not und verarmten bis zur Hungersnot. Die Verarmung wurde zum Nährboden für die Verbreitung nationalsozialistischer Parolen.

Die durch den „Börsenkrach“ in den USA 1929 ausgelöste Weltwirtschaftskrise verstärkte den Niedergang des Sozialgefüges hin in den Nationalsozialismus, der von vielen als der einzige Ausweg aus der Krise gesehen wurde.

Es wird erzählt, die Familie Brunn auf der Wienbeck sei bis zum 1. Weltkrieg sehr vermögend gewesen. August Brunn habe jedoch „–„wie es sich damals gehörte“ – in großem Umfange Kriegsanleihen gezeichnet.  „Gold gab ich für Eisen“ war der Wahlspruch. Ein eiserner „Dankesring“ befindet sich noch im Besitz der Familie.

Mit dem verlorenen Krieg und der ihm folgenden Geldentwertung waren diese Vermögenswerte verloren. Damit war die Familie sicher nicht „arm“ geworden im Vergleich zu vielen, die große Not litten. Aber „die guten Zeiten“ der Familie waren wohl vorbei.

Alle Bevölkerungsgruppen waren betroffen, auch die Landwirtschaft. Viele Höfe waren von der Zwangsversteigerung bedroht.

Als Beispiel, wie schwierig es war, ein Ein- und Auskommen zu finden, mag das Bemühen von Alois Brunn angeführt sein, einen Erwerb zu finden, nachdem er aus dem Krieg 1914/18 zurückgekommen war:

Über mehrere Jahre war er –notgedrungen- „Verwalter“ bei seinem Bruder Franz auf der Wienbeck und auf anderen Höfen im Münsterland. Diese „berufliche Tätigkeit“ konnte auf Dauer jedoch keinen Bestand haben. Alois Brunn entschied sich daher zum Studium der Landwirtschaft an der Universität in Bonn. Bezeichnend ist, dass dieses Studium ihm „aus dem Elternhaus“ nicht finanziert werden konnte, finanziert wurde es ihm durch seine Schwester Gertrud. Nach Abschluß des Studiums war sein Interesse weiterhin, „in der Praxis“ tätig zu bleiben. Er holte Rat ein bei dem Ministerialdirektor Dr. Böckenhoff (Verwandtschaft Böckenhoff) im Landwirtschaftsministerium in Berlin. Dr. Böckenhoff teilte ihm mit Schreiben vom 17.01.1929 u.a. mit:

 „Ich kenne das Schicksal von vielen vielen Leuten, die mit dem gleichen Optimismus wie Sie, diesen Weg nach dem Studium angetreten haben. Der Weg der Praxis war immer und ist heute in besonderem Maße dornenvoll. Tausende von akademischen Landwirten liegen auf der Straße und wären froh, wenn sie eine Schreiberstelle auf einem Gut bekämen. Mit einem Wort: Es herrscht ein ungeheures Überangebot, das verhindert, dass die tüchtigen und tüchtigsten Kräfte zu einer angemessenen Stellung und angemessenen Entlohnung kommen.“

Es dauerte bis 1932, bis Alois Brunn eine Stellung gefunden hatte, die es ihm erlaubte zu heiraten.

Dieses Beispiel des Vaters des Verfassers sei genannt um zu zeigen, dass es auch in früheren Zeit sehr große Probleme gegeben hat, „einen Arbeitsplatz“ zu bekommen; in einer Zeit, als es eine soziale Abfederung der Arbeitslosigkeit zudem praktisch noch nicht gab.

Pfarrer in Wulfen war von 1895 bis 1938 Gustav Conermann. In der Wulfener Chronik heißt er über ihn, dass er eine ausgesprochen feingliedrige und zierliche Persönlichkeit war. Beim ersten Anblick habe man ihm keine größeren körperlichen Anstrengungen zu trauen können. Er habe sich um das religiös-kirchlich Leben sehr verdient gemacht und sei als erster Einwohner der Gemeinde zum Ehrenbürger ernannt worden.

Marienlied aus dem Münster’schen Gesangbuch, Text aus dem Jahre 1891

 

Die Familie

 August Brunn führte als viertes Kind seiner Eltern Heinrich Brunn und dessen Ehefrau Petronella Josefine Elisabeth geborene Keuller die Abstammungslinie

auf der Wienbeck fort.

 Am 03.10.1876 heiratete er Franziska Böckenhoff aus Deuten.

Aus der Ehe gingen 11 Kinder hervor:

Josefine Franz Maria Heinrich
Cäcilia Anna Gertrud August
Agnes Alois Josef

 

Die Eltern:

August Brunn Franziska Böckenhoff

August Brunn

 

Franziska Böckenhoff

Wie bereits bemerkt war August Brunn in Straelen geboren und hatte seine schulische Ausbildung wie sein Bruder Joseph auf der Gaesdonck erhalten. Er schlug den Beruf des Uhrmachers und Goldschmieds ein, ebenso wie sein Bruder Franz. Beide übernahmen, weil dort kein Erbe vorhanden war, das Uhren- und Goldwarengeschäft aus der Familie van Boom/Keuller, der Eltern ihrer Mutter.

Gleichwohl  wurde August Erbe auf der Wienbeck , denn auch auf der Wienbeck waren die vorgesehenen Erben ausgefallen: Das einzige Kind Josef seines Onkels Franz und seiner Tante Caroline Reischel war im Alter von 17 Jahren am 03.08.1865 verstorben. Auch sein Onkel Eduard, Bruder seines Onkels Franz, der nach dem Tode von Josef als Erbe der Wienbeck gedacht war, verstarb als Soldat im deutsch-französischen Krieg am 01.10.1870  im Lazarett in Mannheim an den Folgen von Typhus.

August musste daher, da die für die Wienbeck vorgesehenen Erben ausgefallen waren, die Wienbeck übernehmen.

Als 1875  sein Onkel Franz Brunn auf der Wienbeck das Amt des Bürgermeisters aus Protest gegen die Angriffe Preußens gegen die Katholische Kirche aufgab, kam August im Alter von etwa 30 Jahren als Hofesnachfolger zur Wienbeck.

Am 03.10.1876 heiratete er Franziska Böckenhoff aus Deuten.

August Brunn

Franziska Böckenhoff

 

August Brunn war sicherlich kein „Bauer“ im üblichen Sinne. In Urkunden wird er häufig  „Oekonom“ genannt. Auf seinem Totenzettel heißt es „Gutsbesitzer“. Jedoch hat auch August Brunn den Grundbesitz –wie sein Onkel Franz- durch Zukauf weiterhin erheblich vergrößert.

Der Tradition der Familie  und dem Ansehen der Familie in der Gemeinde folgend war August Brunn  wiederum in vielen Ehrenämtern tätig: u.a. als Mitglied des Kreisausschusses, des Kuratoriums der Kreissparkasse, des Kirchenvorstandes, als Gemeindevorsteher.

August Brunn war Bürgermeister von Wulfen von 1887 bis 1900. Ihm folgte als Bürgermeister Johann Rößmann.

Wahrscheinlich hat auch August Brunn geodätische  Vermessungen vorgenommen. In den schon mehrfach genannten Grundakten des Archivs von Margit Brunn befindet sich ein auf den 21.06. (19)07 datierter Handzettel über die Messung der Leuschwiese. Verfasser kann eigentlich nur August Brunn sein.

 

Ergänzung dazu von Paul Schulze Balhorn: August Brunn war geodätisch tätig und hat die Eisenbahnstrecke von Coesfeld nach Oberhausen vermessen. Seine Haupteinnahme kam aus dieser Tätigkeit. Für die Vermessung erforderliche Hilfsmittel ( Lot und Spiegel) hat er an seinen Sohn August (vh. Schulze Balhorn) gegeben, der  sie an seinen Sohn Erich (Dipl. Geodät) weiter gab. Sie sind heute noch im Besitz dieser Familie.

Interessant ist auch ein in den Akten vorhandener „Auftrag“ von August Brunn – wohl an seinen Sohn Franz, der den Hof von ihm übernahm -  was Franz für sich selbst und seine Schwestern Josefine und Maria zu besorgen hatte:

Eine Besonderheit ist sicher auch diese Brosche. Es dürfte derjenige sein, die Franziska Böckenhoff trägt, wie auf den vorausgehenden Fotos zu sehen. Ob die Brosche aus der Familie Brunn, Keuller, Böckenhoff oder Schwarenbrock stammt, ist nicht zu sagen.

Die Familie verdankt August Brunn viele (Keuller’sche) Uhren und wohl auch Schmuck aus dem Uhren- und Goldwarengeschäft van Boom/Keuller in Venlo. Uhren und Schmuck werden in der Familie  in hohen Ehren gehalten.

Uhr und Uhrwerk wurden in der Familie immer selbst gereinigt. Die Daten der Reinigung wurden auf der Rückseite des Zifferblattes eingetragen. 1950 durfte auch ich (der Verfasser) erstmals mit Unterstützung meines Vaters die Uhr reinigen.

Eine nur noch unvollständige Spindel -Uhr wohl aus dem 18. Jhd.

Silberne Zylinder Taschenuhr (tägliche Uhr meines Vaters)

Eine goldene Taschenuhr, die mit der Uhrenkette, nach Fotos erkennbar, schon von August Brunn getragen wurde. Nach dem „Uhrenverständnis“ der Familie durfte aus einer Uhrkette nie ein Armband gemacht werden.

Ebenfalls eine „Keuller’sche“ Uhr

August Brunn baute im Jahr 1913 auf der dem Hof gegenüber liegenden Straßenseite ein neues Haus, die „Villa“.

Die „Villa“

Das Haus wurde gebaut, als sein Sohn Franz  1913 Catharina Zurbonsen heiratete und – so ist dies anzunehmen- die Bewirtschaftung des Hofes übernahm. Die Übertragung des Hofes auf Franz erfolgte jedoch erst 1917.

Während Franz Brunn und seine Familie das Wohnhaus der Hofesstellen bewohnten,  bezogen August Brunn und seine Frau Franziska Böckenhoff mit ihren noch nicht „ausgeheirateten“ Kindern Maria, Anna, August, Alois und Josef die „Villa“. Sie wurde Mittelpunkt der Familie auch für die nachfolgenden Generationen einschließlich der Nichten und Neffen. Es entwickelte sich für sie die auch postalische Bezeichnung „Villa Wienbeck“, heute Weseler Str. 128.

Ein Blick auf die Wienbeck „von oben“.

Im Vordergrund die Spitzen der Dächer der Wirtschaftsgebäude. Diesseitig der Straße das 1826 gebaute Wohnhaus, auf der gegenüber liegenden Straßenseite die 1913 gebaute „Villa“. Bei dem rechtsseitig an das 1826 gebaute Wohnhaus angesetzten Gebäudeteil dürfte es sich um die von Franz Brunn 1850 gebaute Brennerei handeln.

Die vielfachen Veränderungen in den früheren Generationen hatte (Amtmann) Franz Brunn in einer Handzeichnung nachgehalten. Die Darstellungen sind jedoch mit anderen Handzeichnungen und Bauanträgen für verschiedene Gebäude auf der Wienbeck nicht immer in Einklang zu bringen.

Zur Erläuterung:

  • links = der Wienbach
  • rechts  = die „Gosse“
  • oben = die alte Straße
  • unten die Chaussee (1812)
  • oben links die Lembecker Mühle (1596)
  • B = erstes Wohn/Hofhaus vor 1750
  • A = zweites Wohn/Hofhaus 1780
  • G = gestrichelt = (Nur-) 3. Wohnhaus 1826

 Es ist anzunehmen, dass die Gastwirtschaft von August Brunn nicht mehr betrieben wurde, denn nach der nachstehenden Zeichnung über den Bauzustand um 1892 war das alte Wohnhaus zu rein landwirtschaftlichen Zwecken umgewidmet, im neuen Wohnhaus befand sich ein Büro (das wahrscheinlich auch zur Verwaltung der Bürgermeisterei diente) aber keine Gaststube mehr.

Der Hof erfuhr in den Folgejahren wiederholte Umbauten und Erweiterungen:

Mit notariellem Vertrag vom 15.10.1917 übertrug August Brunn seinem Sohn Franz „das auf seinen Namen eingetragene Gut Deuten Nr. 1“ eingetragen im Grundbuch von Wulfen Band 10 Blatt 119 und die im Grundbuch von Wulfen Band 7 Blatt 39 Nr. 1 eingetragene Hälfte des Grundstückes Flur 8 Nr. 32/2 der Gemeinde Wulfen.

Ausgenommen von der Übertragung wurden jedoch die Parzellen der Gemeinde Wulfen Flur 6 Nr. 483/134 Hofr. mit dem Hause Nr. 3 in Wulfen, Flur 14 Nr. 720/7 Hofraum mit dem Hause Nr. 1 in Deuten und Flur 14 Nr. 922/8 Hofraum sowie die Grundstücke in der Gemeinde Straelen.

In dem Übertragsvertrag heißt es u.a.:

Sein Sohn wurde verpflichtet, seinem Vater lebenslänglich die zur Bestreitung des Haushalts erforderlichen Naturalien zu liefern und seine Geschwister, soweit sie nicht selbständig waren und nach dem Ableben des Vaters in Not geraten sollten, in allem Nötigen zu unterhalten und zu verpflegen gegen Mitarbeit nach Kräften.

Bei den nicht übertragenen oben genannten Grundstücken handelt es sich (nach Erinnerung des Verfassers)  wahrscheinlich um ein Haus „am Kirchplatz in Wulfen“, in dem auch ein Geschäft war, bei dem anderen wahrscheinlich um das Grundstück, auf dem sich die „Villa“ befindet.

.Die „Villa“ mit Umlandflächen wurde somit aus dem Hofesvermögen ausgegliedert und nicht mit dem Hof vererbt. Vielmehr entstand nach dem Tode von August Brunn an diesem Vermögen, an dem Haus in Wulfen, an der Villa und an den Grundstücken in Straelen eine Erbengemeinschaft, die in den 1960iger Jahren auseinandergesetzt wurde, wie noch zu berichten sein wird. Die von Franz Brunn im Wege der Zwangsversteigerung in Boke erworbenen Grundstücke werden nicht mehr erwähnt.

Mit Testament vom 24.07.1922 hat August Brunn sodann über das ihm so verbliebene Vermögen in der Weise verfügt, dass er seine noch nicht abgefundenen Kinder (die Kinder Josefine und Caecilia waren als Ordensschwestern 1918(?) bereits abgefunden worden) zu gleichen Teilen zu Erben einsetzte, jedoch mit der Maßgabe, dass Maria und Anna die Nutznießung  an  dem Grundvermögen der Villa und des Hauses in Wulfen haben sollten für ihre Lebzeit bzw. bis zu ihrer Verheiratung. Auch sollte das Mobiliar der „Villa“ Anna und Maria als Vorabfindung für ihre Betätigung in der Führung des Haushalts zu gleichen Teilen zufallen.

August Brunn starb am 02.02.1927 und wurde auf dem neuen Friedhof in Wulfen beigesetzt. Es war das erste Grab, das auf dem neuen Friedhof belegt wurde.

Nach seinem Tode fand eine Verteilung des aufzuteilenden Inventars dem Erzählen nach statt in der Weise, dass die Tochter Maria acht nach ihrer Auffassung gleichwertige Teilmengen bildete. Jedes der Geschwister zog dann ein Los, das einer dieser Teilmengen zugeordnet war. So verlief die Teilung beispielhaft unproblematisch.

Maria Elisabeth Franziska Böckenhoff stammte aus Deuten. Sie wurde geboren am 21.10.1854 als Tochter der Eheleute Franz Böckenhoff gt. Schwarzenbrock und seiner Ehefrau Franziska gb. Schulze-Tenderich.

Die Geschichte ihrer Familie ist unter dem Titel „Der Böckenhof“ in hervorragender Weise dargestellt von Dr.Wenzel Böckenhoff im Eigenverlag (2010).

Ihre Familie wird aus der Sicht des Stammbaums der Familie Brunn nochmals im Anhang unter   Stammtafel Böckenhoff behandelt.

Franziska Böckenhoff  starb am 26.05.1916 nach längerer Krankheit 11 Jahre vor ihrem Ehemann August.

Franziska Böckenhoff wurde noch auf dem alten Friedhof an der Kirche beigesetzt. Als ihr Mann August verstarb und auf dem neuen Friedhof beigesetzt wurde, wurde sie dorthin umgebettet.

Auf ihrem Totenzettel heißt es: Sie war der Mittelpunkt des überaus glücklichen Familienlebens während der fast 40 jährigen Ehe. Streng gegen sich selbst, liebevolle Fürsorge für andere, das war der Grundton ihres christlich-gläubigen Lebens.

Von ihr ist in der Familie (so bei dem Verfasser) wohl eine Allergie gegen Hühnereiweiß vererbt worden, denn es hieß, Großmutter habe schmecken können, ob in einer Tasse ein Ei geschlagen worden sei, selbst wenn die Tasse schon zweimal gespült war, und ich meine mich zu erinnern, dass mein Vetter Hubert Schulze Balhorn in Enniger die gleiche allergische Veranlagung hatte.

Nachdem die Mutter Franziska 1916  verstorben waren, betreute  die Tochter Maria den Haushalt – wie es in den Aufzeichnungen heißt: „mit mütterlicher Liebe für die Geschwister“ in der „Villa“ fort.

Als ihr Bruder Alois 1932 (mit Gertrud Debbelt) und ihre Schwester Anna (1935 mit Joseph van Boom in dessen 2. Ehe) ausheirateten, verblieben in der Villa sie selbst und ihr Bruder Josef. Ihre unverheiratete Schwester Gertrud (Lehrerin mit eigener Wohnung im nahen Sterkrade) blieb jedoch ebenfalls in der Villa „zuhause“.

Die Kinder:

  • Josefine Brunn

Josefine Brunn  wurde geboren  am 19.09.1877. 

Sie trat am 11.07.1899 in den Orden der Genossenschaft der Töchter vom Heiligen Kreuz in Lüttich ein und empfing am 27.09.1899 das Ordenskleid. Später war sie in den Klöstern des Ordens in Düsseldorf und Aachen. Im Laufe ihres Ordenslebens war sie im Unterricht und in der Erziehung der Jugend tätig. Nachdem sie sich ein langjähriges Leiden zugezogen hatte, widmete sie sich dem Gebet und der Handarbeit.

Es war ihr vergönnt,  am 27.09.1949 ihr goldenes Ordensjubiläum und am 27.09.1959 ihr 60 jähriges Ordensjubiläum zu erleben. Nach 62 Jahren des Ordenlebens starb sie am 19.03.1961 im Alter von 83 Jahren im Kloster Immerath.

Josefine trat im Verhältnis zu ihren Geschwistern wohl weniger nach Außen in Erscheinung.

In ihrer Zeit in Aachen erlebte sie die Schrecknisse und Wirren des 2. Weltkrieges. Sie hat darüber einen Bericht gefertigt, der nachstehend im Zusammenhang mit der Darstellung der Ereignisse aus der Zeit um 1945  wiedergegeben ist.

In der Zeit, als Josefine im Kloster war, unterlagen die Ordensschwestern noch einer strengen Ordensdisziplin. Dazu gehörte auch, dass sie nach Ablegung der ewigen Profess z.B. nicht mehr das Elternhaus besuchen durften; Verwandte durften die Ordensschwestern besuchen, trafen sie jedoch nur im Besuchszimmer, keinesfalls jedoch in der Klausur. Als Josefine in Immerath bereits krank zu Bett lag, gelang es ihrem Schwager Joseph van Boom aus Venlo, die Erlaubnis zu erlangen, dass Josefine – bettlägerig- in der Klausur besucht werden durfte. Es war für die damalige Zeit ein unerhörter Vorgang. Die Erlaubnis sprach sich schnell in der Familie herum, so dass Brüder und Schwestern die Gelegenheit wahrnahmen, Josefine noch einmal zu sehen. Ich (d.Verf.) erinnere mich, mit meinen Eltern ebenfalls bei ihr gewesen zu sein. Ich sehe Tante Josefine noch vor mir, wie sie (ich meine mit Schwesternhaube) im Bett lag in frisch gestärkten Laken.

Josefine

Josefine mit ihrer Schwester Caecilia

Josefine wurde  auf dem Friedhof des Irmgardis-Klosters des Ordens in Immerath beigesetzt.

  • Franz Brunn

Franz Brunn wurde geboren am 07.03.1879.

Mit ihm setzte sich die Stammeslinie auf der Wienbeck fort.

Am 27.08.1913 heiratete er Catharina Zurbonsen aus Warendorf. Aus ihrer Ehe gingen 7 Kinder hervor.

  • Maria Brunn

Maria Brunn wurde geboren am 23.11.1880.

Maria – links -mit ihrer Schwester Caecilia

Maria blieb unverheiratet  und übernahm, als die Mutter Franziska am 26.05.1916 verstorben war, die Betreuung der Familie „an Mutters statt“. Insbesondere stand sie ihrem Vater August zur Seite, der seine Frau – ihre Mutter – um 11 Jahre überlebte.

Maria hielt das Haus für ihre 10 Geschwister, deren Ehegatten und Kinder offen, sodass die Wienbeck ein wirklicher Mittelpunkt der Familie war und blieb. Ihre Brüder August, Alois und Josef  wie auch ihre  Schwestern Anna und Agnes waren, als die Mutter verstarb, noch nicht verheiratet.

Maria stand in der Familie in besonders hohem Ansehen. Ihr 50 jähriges Jubelfest wurde in der Familie gebührend gefeiert:

Menue- und Gästekarte (der Schrift nach geschrieben von Gerti Debbelt):

Gerti Debbelt, Dr. Alois Brunn, Hedwig Schulze Balhorn, Heinrich Brunn Schulte Wissing, Tine Brunn, Joseph van Boom, Maria (die Jubilarin), Franz (Brunn), Amalie (Brunn), ? , Gertrud Brunn, August Schulze Balhorn, Mieke Brunn Schulte Wissing, Friedel Brunn, Josef Brunn, Anna Brunn.

Maria starb am 24.12.1958 (Heiligabend) und wurde auf dem Familiengrab in Wulfen beigesetzt.

  • Heinrich Brunn

Heinrich Brunn wurde geboren am 05.01.1883. Heinrich war seit dem 09.08.1910 verheiratet mit Amalie Schulte Wissing aus Rheine-Bentlage.

Amalie war geboren am 05.06.1888 und war Erbin des elterlichen Hofes Bentlage inRheine.

Aus ihrer Ehe gingen vier Kinder hervor:  Josef,  Franz (vermisst in Russland seit August 1943), Maria (genannt Mieke) und  Hedwig,

Auch von  Heinrich Brunn haben wir noch als handschriftliches Zeugnis sein Glückwunschschreiben vom 11.11.1894 an seine Eltern zur Geburt seines Bruders Alois am 09.11.1894.

Heinrich Brunn war Bürgermeister in Meppen und in vielen Organisationen, so unter anderem als Mitglied des Hauptausschusses der Landwirtschaftskammer, führend tätig. Auf Grund seiner Verdienste wurde ihm das Bundesverdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland verliehen.

Amalie Brunn-Schulte-Wissing verstarb am 06.06.1944.

Heinrich Brunn verstarb am 12.12.1969.

 

Beide sind auf dem Friedhof in Rheine-Bentlage beigesetzt.

  • Caecilia Brunn

Caecilia Brunn wurde geboren am 11.10.1884. 

Schon mit 13 Jahren wurde Caecilia (Internats-) Schülerin auf Haus Aspel, wo sie auch das Abitur ablegte.

 

In Lüttich trat sie am 14.09.1905 in die Genossenschaft der Töchter vom Heiligen Kreuz ein und wurde am 13.12.1905 eingekleidet. Sie nahm –zur Unterscheidung von ihrer Tante Caecilia Maria- den Ordensnamen Maria Caecilia an.

Sie gehörte damit dem gleichen Orden an wie ihr ältere Schwester Josefine. An der Universität Münster studierte sie Mathematik und Naturwissenschaften und kehrte nach dem Staatsexamen als Lehrerin nach Aspel zurück.

Bis zu ihrer Pensionierung im Jahr 1952 leitete sie das Gymnasium in Aspel 26 Jahre lang und betreute zudem zusätzlich von 1930 bis 1933 das Lyzeum in Emmerich.

Caecilia war eine der herausragenden Persönlichkeiten der Familie. Sie gehört zu den ersten Frauen, die zum Universitätsstudium zugelassen wurden. Obwohl seinerzeit die Mathematik noch für eine ausschließliche Domäne der Männer gehalten wurde, wurde sie an der Universität Münster zum Studium der Mathematik zugelassen und legte dort im Jahre 1907 das Staatsexamen ab. Bei wichtigen Entscheidungen war ihr Rat gefragt. Sie gab in der Familie „die Richtung vor“. Sie genoß hohes Ansehen auch bei ihren Schülerinnen. Nach ihrer Pensionierung war sie zunächst im Irmgardis-Kloster in Köln Bayenthal, kehrte 1968 nach Aspel zurück und blieb tätig in der Bibliothek des Klosters.

Auch von Caecilia haben wir noch einen beeindruckenden Bericht über die Zeit der letzten Kriegsmonate in Essen. Er ist bei der Darstellung der 9. Generation wiedergegeben.

Caecilia verstarb im 71. Jahr ihres Ordenslebens am 08.07.1976  und wurde auf dem Klosterfriedhof in Aspel, ihrem Wunsch entsprechend, auf dem Grab ihrer Tante Caecilia Maria beigesetzt.

  • Anna Brunn

Anna Brunn wurde geboren am 09.11.1886.

Sie heiratete am 17.09.1935 Joseph van Boom aus Venlo in dessen zweiter Ehe. Aus der Ehe gingen keine Kinder hervor. In erster Ehe war Joseph van Boom verheiratet gewesen mit ihrer am 20.05.1928 verstorbenen Schwester Agnes.

Als ihre Schwester Agnes 1928 verstarb, war das älteste der fünf Kinder gerade 9 Jahre alt, das jüngste 1 Jahr. Anna hat in selbstloser Liebe an den Kindern  „Mutterstelle“ vertreten und war von ihnen geliebt und geachtet.

Sie musste als „Holländerin“ die Zeit des Nationalsozialismus (1933 bis 1945), den Überfall Deutschlands auf Holland, Deportationen und Verfolgungen, Hunger und Elend, Zerstörung ihres Hauses am van Rhynzingel in Venlo ertragen. Es ist sicher in erster Linie ihr und ihrem Mann Joseph van Boom zu verdanken, dass die vertrauensvolle Verwandtschaft zwischen den Familien van Boom und Brunn nicht zerbrach.

Von ihr haben wir ebenfalls beeindruckende Briefe als Zeitzeugnisse über die letzten Kriegswochen in Venlo. Ihre Berichte sind im Rahmen der Darstellung der  Zeitverhältnisse zu Ende des zweiten Weltkrieges wiedergegeben.

Anna Brunn starb am 14.06.1959.

Joseph van Boom, geboren am 08.07.1877,  starb am 16.05.1970.

Anna Brunn und Joseph van Boom sind auf dem Friedhof in Venlo beigesetzt.

  • Gertrud Brunn

Gertrud Brunn wurde geboren am 27.09.1888. 

 

Gertrud Brunn genannt: „Tante Traut“ war Lyzesaloberlehrerin  in Sterkrade (Oberhausen). Sie war von geradem, Brunn’schen Charakter. Es wird gesagt, sie habe sich, keine Gefahr scheuend, deutlich gegen den Nationalsozialismus ausgesprochen. Infolgedessen sei sie über die „Oberlehrerin hinaus“ auch nicht mehr befördert worden. Nach  ihrer Pensionierung lebte sie weiter in Sterkrade, ihr „Zuhause“  blieb jedoch die Wienbeck (Villa). Sie starb am 30.12.1965 und wurde auf dem Familiengrab auf dem Friedhof in Wulfen beigesetzt. Mit Testament vom 21.02.1959 bestimmte sie ihren Bruder Josef zum alleinigen Erben.

Tante Traut ist Patentante des Verfassers. Hier mit ihrem Patenkind auf dem Arm etwa 1935 auf der Wienbeck.

Gertrud Brunn starb am 30.12.1965 und wurde auf dem Familiengrab in Wulfen beigesezt.

Auf ihrem Totenzettel heißt es zu Recht:

Wie in ihrem Beruf, so wirkte sie auch segensreich im Stillen. Sie half, wo Not war, tat Gutes, wann immer sie Gelegenheit dazu fand und spendete Freude, Kraft und Trost.

Dies kann ich als ihr Patenkind nur bestätigen. R.i.P. liebe Tante Traut.

  • August Brunn

August Brunn wurde geboren am 17.03.1891. August Brunn heiratete am 01.07.1919 Hedwig Schulze Balhorn in Enniger. Hedwig Schulze Balhorn  war geboren am 21.09.1891.

Hedwig und August Schulze Balhorn-Brunn

Hedwig Schulze Balhorn war Erbin des Hofes Schulze Balhorn, der schon 900 Jahre ununterbrochen im Familienbesitz war. August Brunn nahm den Namen Schulze Balhorn  an.

Auch August Brunn war Soldat im ersten Weltkrieg.

Aus der Ehe von August Brunn und Hedwig Schulze Balhorn  gingen 6 Kinder hervor: Rudolf, Hildegard (gb. 1921vst.1925), Erich, Paul, Hubert und Hedwig (gen.Hete).

Auf dem Hof in Enniger 1948

Erich, Hete, Vater August, Mutter Hedwig, Paul, Hubert, Rudolf

Erstkommunion von Rudolf 1929

von links: Zitta Brunn (Meßmann), Paula Hülsmann, Gertrud Brunn, Rudolf, Maria Brunn, Mutter Hedwig, Irmgard Brunn (Frielinghausen), Alois Brunn, Maria Hülsmann, Gerti Debbelt (Brunn), Vater August mit Sohn Erich, Mathilde Schulze Fröhlich.

Korrigierte/ergänzte Fassung nach Paul Schulze Balhorn 

                Hedwig Schulze Balhorn starb am 27.01.1972.  Ihr Mann August am   10.06.1957. Beide sind auf dem Friedhof in Enniger beigesetzt.

 

  • Agnes Brunn

Agnes Franziska Huberta Brunn wurde geboren am 25.10.1892

Seit dem 25.06.1918 war sie verheiratet mit Joseph van Boom in Venlo in dessen 1. Ehe (siehe Anna Brunn).

Agnes Brunn und Joseph van Boom

 

Agnes Brunn

Joseph van Boom

Aus ihrer Ehe  gingen fünf Kinder hervorgegangen: Cilly, Else, Henri, Marie Therese und Gerta.

Joseph, Agnes und Cilly

 

Agnes Brunn sitzend

Agnes Brunn  mit Elisabeth Rößmann

Zu Joseph van Boom:

Joseph van Boom, geboren am 08.07.1877 in Venlo,  ist Ur-Enkel des Christian Josef van Boom (1774-1859), der 1787 in Venlo das Uhren- und Goldwarengeschäft gegründet hatte. Die Ehefrau von Josef van Boom war Cornelia Elisabeth Keuller (1773 – 1814). Deren Tochter Josephina Petronella Elisabeth (1809 – 1877) heiratete  Dr. med. Heinrich Brunn (1812 – 1891) in Straelen (siehe 7. Generation). Aus deren Ehe ging der Stammfolger auf der Wienbeck August Brunn (1846 – 1927) hervor.

Nach dem frühen Tod seiner Frau Agnes heiratete Joseph van Boom deren Schwester Anna (sie oben Anna Brunn).

Mit der Ehe Joseph van Boom/Agnes Brunn waren die Familien van Boom/Brunn somit zum dritten Mal verwandtschaftlich miteinander verbunden.

Agnes Brunn starb 20.05.1928.
Joseph van Boom am 16.05.1970.
Beide sind auf dem Friedhof in Venlo beigesetzt.

  • Alois Brunn

Alois Brunn (Vater des Verfassers) wurde geboren am 09.11.1894. Er war seit dem 17.05.1932 verheiratet mit Gertrudis (genannt Gerti) Debbelt.

Gerti Debbelt

 Alois Brunn

Nach dem Besuch des Gymnasiums in Dorsten (Kriegs-Notabitur) wurde Alois Brunn zum Kriegsdienst von 1914 bis 1918 einberufen. Er war als Batterieführer Soldat an der West- und Ostfront.

als Gutsverwalter in Litauen

Nach dem Krieg war er zunächst als Verwalter auf verschiedenen landwirtschaftlichen Betrieben des Münsterlandes tätig.

Von 1926 bis 1929 studierte er Landwirtschaft an der Universität Bonn und schloß das Studium mit der Diplomprüfung sowie einer Zusatzprüfung in Kulturtechnik ab.

1930 promovierte er mit der Dissertation „Die Meliorationen im Landkreise Recklinghausen“ zum Dr. agr.

Ab 1930 war er als Landwirtschaftslehrer an der Landwirtschaftsschule und Wirtschaftsberatungsstelle der Landwirtschaftskammer Westfalen Lippe in Brakel tätig, ab  1949 als deren Direktor.

Unterklasse 1949/1950 (1. Reihe Mitte)

Nach der Verlobung mit Gerti Debbelt

fand die Hochzeit am 17.05.1932 in Drensteinfurt statt.

 

Aus ihrer Ehe gingen vier Kinder hervor: Brigitte, Hubertus, Ludger und Gertrud.

Von links: Ludger, Brigitte, Mutter Gerti, Vater Alois, Gertrud, Hubertus

Alois Brunn in typischer Erinnerung (mit seiner geliebten Pfeife)

Alois Brunn verstarb am 14.09.1969 in Burlo bei Borken.

Gertrudis (Gerti) Debbelt erreichte in außergewöhnlicher geistiger und guter körperlicher Frische das seltene Lebensalter von 106 Jahren und starb hochgeachtet am 30.01.2007 in Borken. Beide sind auf dem Friedhof in Borken beigesetzt.

 

  • Josef Brunn

Josef Brunn wurde geboren am 10.09.1896. Er setzte die Stammeslinie auf der Villa der Wienbeck fort.

 Josef blieb in der „Villa“ wohnen. Er studierte Ingenieur-Wissenschaften in Darmstadt und wurde als Diplomingenieur Prokurist bei den Babcock Kesselwerken in Oberhausen. Am 04.10.1928 heiratete er Friedel Maria Wenderoth aus Darmstadt.

Psalm aus dem Münster’schen Gesangbuch in einer Neufassung 1957

 

Bilder aus der 8. Generation

Familie August Brunn und Franziska gb. Böckenhoff 1899
von links: Anna, Franz, Alois, Caecilia, August, Josef, Gertrud, Heinrich, Mutter Franziska, Josefine, Agnes, Vater August, Maria

Von links: Gertrud, August, Franz, Amalie, Agnes, Alois, Heinrich, Hedwig,  Mathilde (Tine)
Maria, Joseph, Caecilia, Mutter Franziska, Josefine, Vater August, Anna, Josef

August Brunn und Franziska gb. Böckenhoff mit Kindern Schwiegerkindern und Enkelkindern
Reihen von links:  Gertrud, August, Franz, Josef, Agnes, Heinrich, Anna
Irmgard, Joseph (mit Cilli), Amalie, Alois, Hedwig
Maria, Mutter (mit Hildegard), Vater (mit Franz), Tine (mit Cilli), Job
Rudolf, Mia, Anneliese, Zitta, August

Die Kinder von links: Franz (Rheine), Cilli, August, Irmgard, Else, Hete, Erich, Franz, Anneliese, Mieke, Mia, Rudolf,  Job, Zitta, Henri, Cilly

Josef, August, Alois
Heinrich, Joseph, Vater August, Franz

Alois, Gertrud, Anna, Vater August, Maria, Paula Zurbonsen

1.Hl. Kommunion von Alois Brunn
von links: Gertrud, Berta Keuller, Vater August, Mutter Franziska, Heinrich, Alois, Maria, Maria Keuller, August, Agnes, Anna

Vater August Brunn

Damals konnte man noch auf der Straßenseite des Wohngebäudes des Hofes gemütlich sitzen und Kaffe trinken.

von links: Alois, ??, Vater August, Mutter Franziska, ??, ??, ??, ??

Töchter//Cousinen (?) zu Pferd 1910/1912
hinten links die Mühle

 

Weihnachten 1912 auf dem Hof

 

1915 in Aspel
Von links: Clothilde Rößmann (Sr. Maria Vincentia), Caecilia Brunn (Sr. Caecilia Maria),
Caecilia Brunn (Sr. Maria Caecilia), Josefine Brunn (Sr. Josefine)

Von links: Cousinen
Therese Böckenhoff, Anna Brunn, Maria Prinz, Paula Prinz,  Agnes Böckenhoff, Josefine Böckenhoff, Maria Brunn, Maria Thüshaus

Agnes Brunn, Elisabeth Rößmann, Agnes Böckenhoff , Maria Thüshaus

Schwestern/Cousinen

Schwestern/Cousinen
von links: Maria Tüshaus (Schulze Lutum), Therese Böckenhoff, Maria Brunn,  Josefine Böckenhoff (Hollefeld), ??,  Anna Brunn, Paula Prinz, Agnes Böckenhoff (Körner)

von links: August, Heinrich, Alois ,Josef

von links:  Agnes, August, Maria, Heinrich, Anna, Gertrud, Josef


Gertrud und Maria

„Garten-Party“ mit Grammophon wohl in Rheine
von links: Mike, Josef (Job), Hete, Amalie, Heinrich, Alois, Gerti

 

3.9.0 Die 9. Generation: 

  • auf dem Hof: Franz Brunn & Catharina Zurbonsen
  • in der „Villa“: Josef Brunn & Friedel Wenderoth

 

Vorbemerkung

 Auch hier möchte der Verfasser den noch Lebenden aus den Generationen die nähere Darstellung der Zeit und der Familien überlassen.

 

 Zur Zeitgeschichte der 9. Generation
Ca. 1920 bis 1950

Kirchengeschichte Weltgeschichte Kulturgeschichte
1931 Quadragesimo anno 1924-1953 Stalin in Russland Literatur:
1933 Reichskonkordat 1933-1945 Hitler Reichskanzler Bergengrün
1937 Enzyklika gegen den Nationalsozialismus 1920 Weimarer Verfassung Le Fort G. von
1937 Enzyklika gegen den Kommunismus 1923 Inflation Mann Th.
1939-1958 Pius XII. 1929 Weltwirtschaftskrise Seidel I.
1943 Enzyklika Mystici corporis 1932-1945 Nationalsozialismus Wiechert E.
1943 Enzyklika Divino afflante spiritu 1939-1945 2.Weltkrieg Zweig St.
1943 Enzyklika Mediator Dei 1945-1952 Harry Truman Präsident der USA Böll H.
1950 Dogma von der Aufnahme Mariens in den Himmel 1948 Währungsreform Borchert W.
1950 Enzyklika Humanae generis 1949 Bundesrepublik Deutschland Grass G.
1958-1963 Johannes XXIII. 1949-1963 Konrad Adenauer Bundeskanzler Lenz S.
1949 Deutsche Demokratische Republik

Die Zeit war geprägt durch die erste demokratische Verfassung in Deutschland, die „Weimarer Zeit“, die Inflation 1923 und die Weltwirtschaftskrise 1929 , die Zeit des Nationalsozialismus und des 2. Weltkrieges.

Nach dem Ende des 1. Weltkrieges hatte die wirtschaftliche Entwicklung, vor allem in den USA einen ungeahnten Aufschwung genommen. Die Produktion an Bedarfsgütern erhöhte  sich enorm, die Aktienkurse stiegen, großzügig wurde über Kredite in neue Produktionsanlagen und insbesondere Aktien investiert. Weite Bevölkerungskreise  der USA waren der Auffassung, das Wirtschaftswachstum werde anhalten und verschuldeten sich in ungeahntem Ausmaß. Die Erwartung erfüllte sich jedoch nicht. Die Menge der Produkte war nicht abzusetzen. Die Produktion wurde gedrosselt.

1932 betrug sie nur noch 48 % derjenigen des Jahres 1929. Aus der Überproduktionskrise wurde eine Weltwirtschaftskrise. Die Geldgeber forderten ihr ausgeliehenes Geld zurück, große Mengen Aktien wurden an der Börse zum Verkauf angeboten. Am „schwarzen Freitag“ (25.10.1929) sank der Wert der Aktien um viele Milliarden Dollar. Aktionäre verloren ihre Vermögen, Firmen gingen Pleite, ebenso Banken, von denen Sparer vergeblich ihre Spareinlagen zurückforderten. Schließlich waren in den USA 12 Millionen Menschen arbeitslos.

Die Auswirkungen erfassten auch Deutschland mit gleichem Schicksal. Die Arbeitslosigkeit erhöhte sich von ca. 1,5 Mio im Jahr 1927 auf ca. 4,5 Mio im Jahr 1929 und über 6 Mio. im Jahr 1932.

Für heutige Begriffe unvorstellbar war die Not großer Teile des Volkes. Etwa jeder dritte Deutsche konnte seinen Hunger gar nicht oder nur notdürftig stillen. In den Schulen herrschten Zustände  wie in der Inflationszeit. Schulentlassene fanden keine Lehrstelle, Akademiker nach dem Studium keinen Arbeitsplatz, Bauern bangten vor der Zwangsversteigerung ihrer Höfe. Väter, die drei oder mehr Jahre arbeitslos waren, verzweifelten, wenn sie die Not ihrer Familie sahen und ihr doch nicht abhelfen konnten. Wer noch im Erwerbsleben stand, fürchtete täglich seine Entlassung. Familien, die ihre Miete nicht mehr aufbringen konnten, mussten sich eine Unterkunft in Baracken suchen. Zu tausenden standen die Unterstützungsempfänger vor den Arbeits- und Wohlfahrtsämtern. Schlägereien mit der Polizei und politischen Gegnern kamen täglich vor. Das Grau der abgetragenen Kleidung und die Abgestumpftheit der Gesichter, aus denen Hunger und Hoffnungslosigkeit sprachen, dazu bettelnde Männer, Frauen und Kinder  beherrschten das Bild der großen Städte. (aus: Zeiten und Menschen 4 Seite 68)

Die katastrophale wirtschaftliche Situation führte zu ständig wachsenden Spannungen, denen die „Weimarer Republik“ nicht gewachsen war. 1930 stellten im Reichstag die Nationalsozialisten mit 107 Abgeordneten (bisher 12) 18,6 % der Abgeordneten, die SPD 24,8 % und die KPD 13,3 %. Zentrum und BVP erreichten 15,1 %. Der Anteil der NSDAP wuchs im Juli 1932 auf 37,7 % und erreichte im November 1932 33,7 %.

Das nationale Bewusstsein, wie es sich aus dem 19. Jahrhundert und auch über den 1. Weltkrieg hinaus in großen Teilen der Bevölkerung erhalten hatte, die soziale Not, in der große Teile der Bevölkerung lebten, die den Problemen offenbar nicht gewachsene Politik der Weimarer Republik, die anscheinende Aussichtslosigkeit der Lage suchten nach einem Ausweg.

Diesen schien vielen die nationalsozialistische Partei Hitlers zu bieten, indem sie das Nationale und das Soziale im Nationalsozialismus zusammenführte. Mahnende Stimmen, die schon früh auf die Gefahren dieser Ideologie hinwiesen, wurden auf Grund der vermeintlichen Erfolge immer weniger gehört oder zunehmend verhindert.

Am 30.01.1933 war Adolf Hitler von Reichspräsident Hindenburg zum Reichskanzler ernannt worden.

Am 28.02.1933 wurde die „Verordnung zum Schutz von Volk und Staat“ verabschiedet. Mit ihr wurden Beschränkungen grundlegender Verfassungsrechte wie u.a. der persönlichen Freiheit, des Rechts der freien Meinungsäußerung, der Pressefreiheit, des Vereins- und Versammlungsrechts  für zulässig erklärt. Am 24.03.1933 folgte das „Ermächtigungsgesetz“. Damit lagen Legislative und Exekutive praktisch in einer Hand, der der Nationalsozialisten.

Mit Hilfe dieses Gesetzes hatte der Nationalsozialismus die gesetzliche Handhabe  „zum Schutz von Volk und Staat“ alle Meinungen, Bestrebungen, Tätigkeiten, Einrichtungen, Vereinigungen, Vereine ...... zu verbieten, zu unterdrücken und zu verfolgen, die nicht der nationalsozialistischen Ideologie entsprachen, d.h. Menschen zu verfolgen bis hin zu Freiheitsentzug, KZ und Todesstrafe.

Da der Nationalsozialismus in seiner Ideologie umfassend war, alle Lebensbereiche erfasste und erfassen sollte, blieb für die nicht- nationalsozialistischen Organisationen und Einrichtungen kein Freiheitsraum eigener Betätigung.

Bestehende Einrichtungen, Verbände, Vereine, Gewerkschaften, Parteien wurden entweder aufgelöst oder nach dem „Führerprinzip“ gleichgeschaltet und in nationalsozialistische Organisationen eingegliedert.

Auch die katholischen Vereinigungen und Vereine und insbesondere die katholischen Arbeitervereine, in ihrem Gedankengut und Handeln nicht vereinbar mit der nationalsozialistischen Ideologie, waren in ihrer Existenz bedroht.

Bereits im Mai 1933 wurde von der NSDAP die Deutsche Arbeitsfront (DAF) gegründet als „Organisation der schaffenden Deutschen der Stirn und der Faust“. Sicherlich begünstigt durch die hohe Arbeitslosigkeit gewann sie schnell Zuwachs (Arbeitsdienst, Arbeitsvermittlung, Schulungen usw.).

In einem von Ley (Chef der DAF) am 22.06.1933 unterzeichneten Erlass heißt es:

„Es ist der Wille des Führers, dass außer der Deutschen Arbeitsfront keinerlei Organisationen mehr, weder der Arbeitnehmer noch der Arbeitgeber, existieren   .....   auch so genannte katholische ..... Arbeitervereine sind als Staatsfeinde zu betrachten, weil sie den großen Aufbau hindern und hemmen. Deshalb gilt ihnen unser Kampf und es ist höchste Zeit, dass sie verschwinden“.

Zwar wurde der Ley’ sche  Erlaß nach Abschluss des Konkordates aufgehoben, an der Praxis der Verfolgung der Arbeitervereine änderte sich jedoch nichts.

Am 20.07.1933 wurde zwischen dem Vatikan unter Einbeziehung des deutschen Episkopats und der Reichsregierung ein Reichskonkordat abgeschlossen, das das Verhältnis zwischen Staat und Kirche regeln sollte.

In Artikel 31 des Konkordates ist das Verhältnis zu den katholischen Organisationen und Verbänden geregelt, und zwar einerseits zu solchen, die ausschließlich religiösen, rein kulturellen und karitativen Zwecken dienen und als solche der kirchlichen Behörde unterstellt sind, andererseits solchen die darüber hinaus sozialen oder berufsständischen Aufgaben dienen.

Erstere sollten in ihrer Tätigkeit ohne weitere Beschränkung geschützt sein, letztere (abgesehen von der Frage der Eingliederung in staatliche Organisationen) nur, wenn sie Gewähr dafür boten, ihre Tätigkeit außerhalb jeder politischen Partei zu entfalten.

Welche Organisationen und Verbände letzterer Art unter die Bestimmung fallen sollten, war einer Vereinbarung zwischen der Reichsregierung und dem Episkopat vorbehalten.

Zu einer solchen Vereinbarung kam es jedoch, aus welchen Gründen auch immer, nicht.

Die Meinungen in Kirche und Verbänden waren geteilt. Die einen glaubten, durch Artikel 31 des Konkordats sei der Schutz der Kirche und der kirchlichen Vereine gewährleistet, andere waren gegenteiliger Auffassung. Wie unsicher die rechtliche und tatsächliche Situation war, erhellt ein im Pfarrarchiv der Kirchengemeinde des Verfassers in Wewer erhaltenes (ohne Datum und Verfasser)  Merkblatt -Amtliche Verordnungen- , in dem Artikel 31 des Konkordates wiedergegeben ist mit Auslegungsgrundsätzen sowie Verordnungen, Erlassen, „Wort des Führers“, „Wort der Bischöfe“. Es lässt den Schluss zu, dass viele wohl der Meinung waren, es werde schon alles „nicht so schlimm kommen“, auch der nationalsozialistische Staat werde sich an das Konkordat, wie es von den „gut meinenden“ verstanden wurde, Recht und Gesetz, halten.

Es war jedoch nicht so. Der Nationalsozialismus führte Deutschland in den 2. Weltkrieg mit seinen Schrecken und seinem unendlichen Elend, er führte Deutschland in die Schuld von unglaublichen Verbrechen an Menschen und Völkern.

Auch aus der Familie Brunn wurden die Söhne eingezogen,

  • vom Hof:
    •       August und
    •       Franz (+ 21.04.1945 in Kurland)
  • aus dem Zweig Brunn Schulte-Wissing in Rheine:
    • Josef (Job) und
    • Franz (vermisst seit August 1943 in Russland)
  • aus dem Zweig Schulze Balhorn-Brunn in  Enniger:
    • Rudolf,
    • Erich,
    • Paul  und
    • Hubert (?)

Als Zeitzeugen mögen Sr. Josefine,  Sr. Caecilia, Anna und Joseph van Boom in Ausschnittsbildern über die letzten Monate des Krieges berichten. Ihre Berichte mögen auch verstanden werden als Zeugnisse des Mutes, der Zuversicht und des Vertrauens, der aus dem Glauben kommt:

Sr. Josefine Brunn, zur damaligen Zeit als Ordensschwester in Aachen, berichtet:

Die Nacht vom 13 .zum 14. Juli 1943. Terror Angriff auf Aachen. Bekämpfung der Brandbomben in St. Rafael.

Wir schreiben den 13. Juli 1943. Es sind heiße Sommertage und =Nächte, „die des Abendrots Verglimmen“ dazu Vollmond. Aber der ganze geheimnisvolle Zauber mit seinem Mondlicht hat einem anderen Lichte weichen müssen und statt Raunen und Blätterrauschen schrecken Alarmsirenen und Flakgeschütze die müden Schläfer aus ihren müden Träumen. Wir erleben das 4. des furchtbaren Völkerringens und stehen noch ganz unter dem Eindruck der Geschehnisse in den rheinischen Städten, denn mehr als 20 unserer Schwestern fanden in den letzten Tagen hier Unterkunft, nachdem sie von ihren bisherigen Wirkungsstätten in Köln und Düsseldorf durch die angloamerikanischen Terrorangriffe obdachlos geworden. Und hier in Aachen schwebt man zwischen Furcht und Hoffnung, welches Los der Kaiserstadt beschieden sein mag. Der Gedanke: wir stehen in Gottes Hand, gibt täglich Zuversicht und rüsten wir uns auch dieses Mal wieder als in der ersten Morgenfrühe des 14. Juli von allen Seiten die Sirenen den Feindflug melden. Alle Insassen des Hauses steigen herab in die Luftschutzräume. – Es bleibt ruhig, - Da – nach etwa einer halben Stunde kreist ein Flieger, die Flakgeschütze setzen ein, das Surren in der Luft wird stärker und mächtiger wird die Abwehr. Plötzlich meldet man: „Ein Geschwader im Tiefflug.“ Das ist die höchste Gefahr und fast im selben Augenblick fallen die Bomben. Das Licht versagt. Das Haus zittert. Türen springen auf. Staub wirbelt in die Kellerräume hinein. Fensterscheiben klirren von allen Seiten des Hauses. Man drängt sich möglichst in die Korridore, aber, Gott Dank, keine Panik. Die Brandwache, welche in Alarmbereitschaft stand, ist schnell am Werk. Zunächst scheint es, als ob die Bäckereianlage getroffen ist. Durch flinkes Zupacken werden Brot = und Mehlvorräte gesichert. Beim Öffnen der Außentür schlägt heller Feuerschein entgegen. Die draußen liegenden Brandbomben werden mit Sand und Wasser gelöscht und eilends geht es in geteilten Gruppen weiter zum Bekämpfen der Feuerherde, die von verschiedenen Seiten gesichtet werden.  Das Waschhaus wird zuerst erreicht;  es ist höchste Gefahr, aber durch beherztes Zugreifen kann auch hier das Feuer eingedämmt werden. Da ruft man um Hilfe vom Haupthaus her. Es brennt an verschiedenen Stellen. Mit Heldenmut, keine schwindende Höhe achtend, schwingt sich eine Schwester auf das Dach, stellt sich in den verbreiterten Rand der Dachrinne, nimmt mit gelassener Ruhe und fachkundiger Sicherheit den Brandschlauch und leitet den Strahl in die züngelnden Flammen. Mit vereinten Kräften gelingt die Feuerlöschung. – Der Kanister, welcher an anderer Stelle durch 2 Decken geschlagen, wird ebenfalls schadlos gemacht. Mächtige Rauchwolken füllen bereits den Raum, die Luft war erstickend, aber Not gibt männliche Kraft. Mit Axt und Beil werden Bretter aufgerissen, glühende Balken entfernt, brennendes Bettzeug zum Fenster hinausgeworfen, der Phosphor an den Wänden und auf den Fußböden durch Kalkwasser an der Weiterentzündung verhindert. – Das Werk gelingt.- Gleiche Kaltblütigkeit beweisen die tapferen Löscherinnen in einem Flügel des Klostergebäudes und in der Turnhalle, die als Lagerraum der Firma Prömper zur Verfügung steht. 40 Minuten etwa dauerte der Angriff, aber länger mussten die Löscherinnen auf dem Plane sein und als die Vertreter der Brandwache von draußen erscheinen, konnten sie nur bestätigen, dass hier volle Arbeit geleistet war.

…… Jugendlichen – sie haben die Schlacht des Nervenkrieges auch ruhmreich geschlagen und musterhaft Disziplin gehalten. Als nach Überwindung der Hauptgefahr einige zum Wassertragen herangeholt wurden, da waren sie stolz darauf, dass man auch ihre Kräfte beanspruchte. Das ganze Haus wurde inspiziert, denn dann erst kam die Befreiung aus den unterirdischen Räumen. Und welcher Augenblick bot sich da: Ringsum Brände von allen Höhen und Ortschaften. Der Himmel war in eine rote Glut getaucht, schwelende Luft und Phosphorgeruch drang herüber von der brennenden Stadt jenseits des Lonsbergs. Die Autos mit den Verletzten rollten bereits heran und hielten am Hauptportal. Der S.H.D. Dienst richtete sofort eine Hilfsstelle ein, wozu im Parterre drei Räume zur Verfügung gestellt wurden. Auch Obdachlosen wurde nach besten Kräften geholfen. Ein Glück, dass es Sommer war. Im Hause war es sehr luftig, da der Wind infolge der mehr als 750 zerbrochenen Fensterscheiben freies Spiel hatte. Zwei Schlafsaale konnten zunächst nicht in Benutzung genommen werden wegen der noch herrschenden Phosphorbrandgefahr und wie diese in Wirklichkeit gewesen, zeigt sich erst in den nächsten Stunden und Tagen beim Absuchen des Geländes. In der Nähe des Hauses in unseren Gärten, auf den angrenzenden Wiesen und Feldern lagen mehrere Sprengbomben, darunter auch die Führer Leuchtsprengbombe, die wohl nur deswegen als Blindgänger niedergingen, weil sie auf weiches Erdreich fielen, und auch von den ca. 250 Brandbomben zündeten nur wenige. Unwillkürlich kam uns da das Wort auf die Lippen, wodurch schon vor etwa 200 Jahren der oberste Schlachtenlenker nach glücklichem Sieg der Zoll der Anerkennung dargebracht wurde: „Nun danket alle Gott.“ Denn Du warst auch uns Schirmgott in Not und Gefahr und erhörtest unser flehentliches Rufen.

Ganz besonders hatte auch die Familie van Boom/Brunn in Venlo unter deutscher Okkupation und Drangsal zu leiden. Anna und Joseph berichten in zur Wienbeck geschmuggelten Briefen (Die schon etwas von der holländischen Sprache geprägten Briefe sollen im Original wiedergegeben werden):

V. den 14. Dezember 1944

Meine Lieben. Vorgestern schrieb ich Euch einige Zeilen. Voraussichtlich habe ich in diesen Tagen noch einmal Gelegenheit. Darum will ich heute schon einen Brief fertig machen; dann kann ich wenigstens etwas mehr schreiben. Wir hoffen, dass Ihr noch in bessere Umstände lebt als wir es augenblicklich erleben. Es sind für uns sehr schwere Zeiten, wie wir sie noch nicht erlebten. Wir können uns noch glücklich nennen, dass wir eine Kellerwohnung haben, denn sonst ist man nirgends sicher. Die ganze Stadt, von der Maas bis zum Oostzingel, sowie der Kaldenkerkerweg liegen in Trümmer. Was nicht durch Bomben beschädigt wurde, ist durch Granaten zertrümmert. Die anderen Stadtteile sind meist durch Granaten verwüstet. Wer nicht notwendig heraus muß bleibt im Keller, denn die Granatsplitter fliegen den ganzen Tag. Es sind schon viele Leute tot oder verwundet. Wer einen kleinen Garten am Hause hat, lässt seine Toten dort beerdigen. Nun ist am Sonntag die ganze Stadt enträumt worden. Ohne besondere Erlaubnis kommt man nicht mehr herein. Wohnen darf da niemand mehr. Die Folge ist, dass man mit 20 bis 30 Personen zusammen wohnt. Jul. Steph. u. Henri, die zu uns kommen sollten, sind nicht gekommen, sie waren schon anderweitig unter gekommen. Dafür kamen G unsere früheren Nachbarn. Der Bruder, der schon einige Monate bei uns wohnt ist auch noch immer hier und außerdem haben wir seit 2 Tagen einen Jesuitenpater bei uns wohnen. Wir sind darüber sehr froh, denn nun haben wir jeden Morgen eine Heilige Messe. Alle Kirchen sind hier zerstört und außerdem ist es auch zu gefährlich zur Kirche zugehen. Somit ist schon wochenlang kein Gottesdienst mehr. Die Priester gehen von Haus zu Haus und üben so ihre priesterliche Macht aus. Wir hatten am 8. Dezember in unserer Villa eine heilige Messe. Ein Hochamt woran 97 Personen teilnahmen. Unsere Villa war nämlich, da sie wegen Bombeneinschlägen sehr beschädigt war, freigegeben. Abends wurde das Haus mit Keller wieder beschlagnahmt. Am gleichen Tag mussten wir auch wieder räumen. Wir hatten ja nicht viel an Hausgerät. Mit Mühe hatten wir einen Raum gefunden, wo wir wohnen konnten. Am anderen Tag kam die Wohnung wieder frei und wir waren froh als wir wieder zurückkonnten. Das Zurückziehen war lebensgefährlich, denn ständig flogen die Granaten über die Straße. Nun bleiben wir den ganzen Tag im Keller und gehen nur heraus, wenn es unbedingt notwendig ist. Lebensmittel kann man nicht mehr kaufen. Seit 4 Tagen haben wir schon kein Brot mehr. Butter und Milch haben wir schon seit 2 Monaten nicht mehr bekommen. Die Hauptnahrung sind Kartoffeln und Gemüse, das man wieder mit Lebensgefahr holen muß. Nun ja wir wollen unser Los tragen, wenn nicht noch anderes schwereres Los von uns fernbliebe. Gestern ist nämlich bekannt geworden, dass der Teil von Limburg, der noch besetzt ist, nach Friesland evakuieren muß. Es sollen schon die notwendigen Maßnahmen getroffen werde.  Es wäre schrecklich Weihnachten zu Fuß nach Friesland über Deutschland. Morgen geht der Bürgermeister nach Düsseldorf zum schwedischen Konsul um zu versuchen es rückgängig zu machen. Hoffentlich hat er Erfolg. Hat er keinen Erfolg bleiben wir doch hier und warten ab, was es werden wird. Ob wir dann noch mit dem Leben davon kommen müssen wir abwarten. Ja, es ist tief traurig. Wir beten und alle Menschen beten um den Segen Gottes auf unsere Stadt herabzuflehen. Helft uns doch beten in unserer großen Bedrängnis. Ich schreibe bei einer Kerze, denn anderes Licht haben wir nicht. Wir müssen das Licht mit mehreren teilen, darum kann man die Zeilen oft nicht genau sehen. Das haben wir nie gedacht dass der Krieg für uns so schrecklich werden würde. Vorgestern bekamen wir einen Brief von Gertrud und Caecilia. Ich musste direkt antworten, deshalb konnte ich nur wenig schreiben. Wir hoffen, dass Ihr alle, jeder in seinem häuslichen Kreise, Weihnachten noch im christlichen Sinne feiern könnt. Inzwischen ist es Freitag geworden. Soeben waren Henri und Kees hier. Letzterer hatte einen Brief von seiner Mutter aus Utrecht. Gesundheitlich geht es ihnen noch gut. Die Lebensmittelversorgung ist dort auch sehr schwer. Man erzählt, dass hier die Lebensmittel in der Stadt noch 10 Tage reichen. Hoffen wir auf Gottes Beistand. Wenn die Not am größten ist Gottes Hilfe am nächsten. Über eins bin ich froh, dass alle Kinder zu Hause sind. Glücklich sind wir noch alle gesund. Letzteres hoffen wir auch von Euch. Von Gertrud hören wir, dass es den Jungens im Felde noch gut geht. Hoffen wir, dass Gott alle glücklich zurück führt. Von unserem Inventar haben wir noch nicht viel zurückbekommen. Alles liegt noch im Schutt, man darf nämlich nicht mehr aufräumen und man kann es auch wegen der Granaten nicht mehr. An Möbeln haben wir nur einen Sessel und einen kleinen Tisch heraus bekommen; dann etwas an Kleidern und Lebensmitteln. Leider liegen noch viele Lebensmittel unter dem Schutt. Unsere Villa sieht schrecklich aus. Hoffentlich ist sie noch wieder aufzubauen, aber es werden große Kosten sein. Unseren Garten, der uns immer viel Erträge brachte, vermissen wir sehr. Wir hatten nämlich reichlich Obst. Wir bekamen keine Erlaubnis um Obst zu pflücken. Mit Äpfeln hätten wir uns oft retten können. Gestohlen wird hier viel. Alle Räder hat man gestohlen. Wir hatten sie eingemauert und glaubten sie so sicher aufbewahrt zu haben. Unser Auto fanden wir eines Morgens in Trümmer geschlagen. Das Geschäft in der Vleestraße ist vollständig ruiniert. Wenn es wieder in Betrieb kommen soll muß es ganz neu aufgebaut werden. Das Haus von Mühlenbrock hat auch Volltreffer bekommen.

Aus diesen Zeilen seht Ihr, wie der Zustand hier ist. Wir wollen solange es geht den Mut nicht sinken lassen. Wir Karten öfter und die Kinder lesen viel. Für Handarbeiten, Flicken und Stopfen fehlt uns das Material und auch die Nähmaschine. Mit gleicher Post habe ich auch einen Brief an Gertrud geschrieben. Ich hoffe, dass sie denselben vor Weihnachten bekommt. Willst Du den Brief wohl an die anderen Geschwister durchgeben? Ich dachte, Euch zu schreiben, die Verbindung wäre nach unserer Ansicht noch am sichersten. Wie geht es Euren Jungens? Habt Ihr noch gute Nachrichten? Möge Gott die Jungens glücklich zurückkommen lassen.

Mit vielen herzlichen  Grüßen auch von den Kindern für Euch und die Kinder sowie an alle Geschwister

                                            Eure Euchliebende Anna

Es ist sehr fraglich, ob ich Euch vorläufig noch schreiben kann.

Auch von mir viele liebe Grüße und auch von uns allen viele liebe Grüße für Gerrit Wolters

Ein zweiter Brief von Anna und Joseph van Boom-Brunn:

Venlo, den 7. Januar 1945

Meine Lieben!

Inzwischen werdet Ihr meine Briefe wohl bekommen haben. Den letzten Brief habe ich einige Tage vor Neujahr zur Villa Wienbeck geschrieben. Hoffentlich sind unsere Neujahrswünsche gut angekommen. Von Euch haben wir lange nichts gehört. Die letzten Nachrichten war ein Brief von Gertrud ohne Datum, ein Brief von Cäcilia vom 14. November war beigelegt, dann ein Brief von August vom 5. Nov.. Wir hoffen, dass es Euch noch gut geht und Ihr noch unter normalen Verhältnissen leben könnt und auch wohnen könnt. Wir leben noch alle und  sind auch  mit der ganzen Familie hier. Wir wollen hoffen, dass wir weiter unter Gottes Schutz hier leben können. Tage mit Angst und Sorge haben wir wieder überstanden, aber auch Tage von schwerer Arbeit. Es ist mir nicht möglich, Euch alles zu erzählen, und wenn ich es zu Papier brächte, solltet Ihr noch nicht die Hälfte davon glauben. Wie ich Euch schon schrieb, ist hier die ganze Stadt gesperrt. Niemand darf mehr in die Stadt kommen. Die Menschen mussten alle binnen kurzer Zeit die Stadt verlassen, natürlich mussten sie alles im Stich lassen. Dafür durften nun in dieser Woche die Hausbewohner dort je einen Tag von morgens 10 bis nachmittags um 5 Uhr  noch was aus ihren Wohnungen holen. So waren die Kinder noch einen Tag in die Ruinen unseres Hauses gegangen und haben da noch Kohlen mitgebracht und versucht, noch etwas an Lebensmitteln zu finden. Einen Tag waren allen zum Geschäft. Josef hatte die Tränen in den Augen. Alles war geplündert und verwüstet. Ein blindes Pferd konnte nicht mehr beschädigen. Im Contor war alles aufgebrochen und zerrissen. Im Geschäft alle noch vorhandenen Vorräte durch den Laden gestreut und umgekippt. Dazu das ganze Haus zerstört. Es regnet bis ins Contor durch. Überall bekam man nasse Füße.  Der Keller stand ganz voll Wasser. Das Geschäft ist vollständig erledigt. – Vorgestern sind die Kinder in der Wohnung von Henri gewesen und haben sie aufräumen wollen. Natürlich kann man an einem Tage nicht alles herausholen, zumal, wenn man nur einen Handwagen hat . Mit vereinten Kräften haben wir dann alles nach hier gebracht. Es ist aber noch vieles stehen geblieben. Jules und Steph haben auch vieles stehen lassen müssen. Nun ist alles mit Draht abgeriegelt, und es darf niemand mehr dort kommen. Bei Henri regnet es auch schon durch bis in den Salon.  Es sieht traurig aus, wie die Leute das Letzte, was sie noch haben, auf Handwagen, Kinderwagen oder Schlitten fortbringen. Dazu kommt die große Knappheit an Lebensmitteln. Es ist kein Brotgetreide mehr vorrätig. Seit Weihanachten haben wir zwei kleine Brote gehabt und sonst an anderen Lebensmitteln absolut nichts. Man muß von den Vorräten leben und wenn nichts hinzukommt, geht alles schnell genug auf. Es sind schon viele Menschen, die es wagen, über die Grenze zu gehen, um sich dort etwas zu holen. Glücklich haben wir noch etwas Vorrat an Kartoffeln. Heute wird wieder erzählt, dass ein Teil der Bevölkerung evakuieren soll. Zuerst diejenigen, die freiwillig gehen wollen.  Nun wir wollen hoffen, dass die Zeit der Prüfungen verkürzt wird. Heute hatten wir Anbetung in verschiedenen  Privathäusern. Bei uns ging es nicht, da unserer Kellerräume als Küche und Wohnzimmer für alles dienen muß. Morgens räumen wir den Raum auf, und dann werden bei uns zwei hl. Messen gelesen, sonntags ist auch noch eine Predigt. Soeben waren Jules und Steph hier. Wenn man nicht notwendig hat, auf die Straße zu gehen, bleibt man hier zu Hause; denn es mach kein Pläsier über die Straße zu gehen.  Und nebenbei ist es noch lebensgefährlich. Augenblicklich fliegen nicht mehr so viele Granaten als vor 14 Tagen, aber täglich werden Menschen verwundet oder tödlich getroffen.

Wie geht es nun bei Euch? Ist noch jeder an seinem Platz? Habt Ihr von Josefine noch etwas gehört? Sind von den Jungens noch gute Nachrichten gekommen? Wie ist bei Euch die Lebensmittelversorgung? Wenn bei Euch noch etwas zu haben wäre, könnt Ihr da uns wohl ein Paket schicken? Wir wissen aber nicht, an welche Adresse. Hier bekommen Kinder bis 1 Jahr noch alle zwei Tage ein halbes Liter Milch. Dieselbe muß ein halbe Stunde außerhalb der Stadt geholt werden. Daraus könnt Ihr sehen, wie schwierig hier alles ist. In unserem Verwandtenkreis geht es bis jetzt noch allen gut. Bei unseren Bekannten sind schon viele Kriegsopfer. Cilly hat von Stams seit Anfang September nichts mehr gehört. Sie will jetzt versuchen durch das Rote Kreuz eine Nachricht zu senden. – Vor einigen Tagen ist bei einem Bombardement Frau W. mit Tochter und Sohn umgekommen.  Maria hat sie gut gekannt. Sie war mit Tante Bertha und Tante Pauline im Kranz. Lina R., die Tochter von Tante Anna, hat auch alles verloren; Haus mit Inventar, der Rest ist noch verbrannt. Edmond geht es ziemlich gut. Zur Zeit ist er im Krankenhaus, da seine Haushälterin krank ist. Der Ort hat viel gelitten, man sieht noch unbeschädigte Häuser. Inzwischen ist es Montagabend geworden. Über Nach hat es geschneit und fernerhin auch noch den ganzen Tag durch. Josef war heute morgen mit Cilly und Gerta aus. Sie hatten einen Korb voll getrocknete Erbsen und Kohl geholt. Den Kohl will ich einmachen. Das ist etwas, was ich bisher noch nicht getan hatte. Ich denke in einigen Tagen kommen die Tauben und das Wild dabei. Der Schnee lag heute schon ziemlich tief. Hoffentlich bleibt er nicht lange liegen. Soeben hören wir, dass am Donnerstag die ersten Freiwilligen evakuieren. Dieselben müssen in drei Tagen 72 Kilometer laufen bis nach Zevenaar. Die Kinder sind soeben alle schon zu Bett gegangen. Sie waren totmüde von der ungewohnten Arbeit. Wie ist es mit Heinz-Josef? Muß er sich auch schon stellen? Wie sieht es in Wulfen aus? Hat der Krieg in Eurer Umgebung auch soviel Schaden gemacht? Für heute abend will ich nur schließen. Das Licht ist so furchtbar schlecht. Ich sehe keine Zeile, dazu ist die Brille zu schwach, aber eine andere Brille ist nicht zu bekommen. Hoffentlich kommt nun auch von Euch ein Brief an.

Laßt es Euch allen weiter recht gut gehen. Bestellt am anderen Hause und auch den anderen Geschwistern viele Grüße. Mia wir wohl drock mit der Aussteuer beschäftigt sein. Will sie schon bald heiraten? Nochmals alles Gute und allerseits herzliche Grüße Eure Euchl.Anna.

Zusatz von Josef: Mittlerweise ist es Dienstag den 9. Januar geworden. Gegen 10 Uhr wsoll Gelegenheit sein, dass der Brief befördert werden kann. Was die Zukunft uns bringen mag? Ich vermute nicht viel Bestes. Wir sind jetzt schon bettel-arm. Allerdings haben wir noch etwa 900 kg Kartoffeln im Vorrat für 9 Personen. Viele Familien haben überhaupt keine mehr, und andere Lebensmittel gibt es keine. Selbst Brotgetreide ist alle. Viele Eltern beten schon, dass Gott ihre kleinen Kinder zu sich nehmen möge, weil alle Nahrung fehlt. Arzneimittel fehlen völlig und ganz, alle Apotheken sind ausbombardiert und die ganze Stadt ist ausgeplündert. Und dann wurde anfangs gesagt, man wollte uns in Schutz nehmen. Nun kommt oder soll kommen eine gezwungene Evakuierung; dabei hat kein Mensch mehr heiles Schuhwerk. Ob wir uns noch jemals hier auf Erden wieder sehen werden, das ist sehr fraglich.

Mit vielen Grüßen für Euch und alle und alles Gute

                          Euer Euch liebender Schwager Josef.

V. 9, Januar 1945

                                     Euer Euch liebender Schwager Josef

 

Sr. Schwester Caecilia, damals im St. Josef Krankenhaus in Essen-Werden berichtet:

Bericht über die Kriegsmonate März-April 1945.

Im Monat März trat der Krieg in eine neue Phase mit allen Anzeichen, dass das Ende des schweren Ringens bevorstehe.  Wir erlebten ein furchtbares Flüchtlingselend: Ununterbrochen zogen Gruppen von Heimatlosen die Velberter Straße herauf. Mütter mit Kindern, alte Leute, die kaum noch gehen konnten; ein kleiner Handkarren, ein Rucksack fasste die wenige Habe, manche hatten auch nur ein elendes Bündel und einen Becher oder noch weniger. Dazwischen fluteten Lastautos mit Soldaten, schwere Geschütze, Wagen mit Pferden als Anzeichen eines traurigen Rückzuges. Dazu eine Unmenge von Ausländern: Russen, Italiener, Holländer usw.. Ein nicht zu beschreibendes Elend. Man muß sich die schlimmsten Bilder des 30 jährigen Krieges oder des Napoleonischen Feldzuges nach Russland vorstellen, dann kommt man vielleicht etwas an die Wirklichkeit. Unser stolzes Deutschland liegt gänzlich am Boden!

Am Palmsonntag setzt in den Morgenstunden starker Fernbeschuß ein, nachdem in der Nacht bereits einige Einschläge mehrere Todesopfer gefordert hatten. Eine Hiobsbotschaft schlägt die andere: Evakuierung des Ruhrgebietes, Flugblätter, die in Mengen abgeworfen werden, fordern ebenfalls zur Räumung auf. Es werden keine Lebensmittel mehr verausgabt. Vollständige Einberufung des Volkssturmes. Die Ruhrbrücke wird unterminiert. In der Stadt werden Barrikaden errichtet. Ein neuer Erlaß: Zwangsevakuierung. Nur was sich P.G.  nannte, folgt den diversen Aufforderungen, die anderen bleiben und wollen lieber daheim sterben, als auf der Landstraße elendiglich zugrunde gehen. Unser Haus wird vom Obermedizinalrat als Restkrankenhaus bestimmt, wir wollen alle bleiben oder unser Leben opfern, wenn es so Gottes Wille ist. Die Ostertage verliefen verhältnismäßig ruhig, alle atmeten erleichtert auf. Dann berichtete man das Heranrücken des Feindes auf Essen zu. Wir die Stadt als Festzug erklärt oder nicht? Was heute bejaht wurde, wurde morgen dementiert. Die tollsten Gerüchte erregten die Gemüter, Zeitungen gab es schon seit Wochen nicht mehr. Im ganzen Verkehrs- und Geschäftsbetrieb glaubte man sich Jahrzehnte zurückversetzt. Briefe wurden überhaupt nicht mehr befördert, an der Bank und an der Sparkasse wurden nur noch kleine Beträge abgegeben. Die Geschäfte waren zum größten Teile geschlossen, Brot war in der ganzen Stadt nicht mehr zu haben. So lebten wir zwischen Furcht und Hoffnung bis zum Weißen Sonntag. Nachmittags stundenlang im Bunker: Großalarm. Um 20 Uhr Art.Beschuß, der mit kurzen Unterbrechungen bis zum Morgen dauert. Dann Ruhe, auch während des Tages. Man berichtet von dem kampflosen Besitzergreifen in Essen. So glaubten wir, auch gute Hoffnung haben zu dürfen. Um 22 Uhr eine fürchterliche Kanonade. Man flüchtet in den Keller, in den Bunker, keiner dachte mehr an Ruhe, trotzdem wir uns schon lange nur in den unteren ganz geschützten Räumen aufhielten.

Der Dienstag brachte Gerüchte aller Art. Die Lage wurde immer bedenklicher, am Abend bekam die Brücke einen Treffer. Und die Nacht? Sie war mit einem Worte furchtbar. Die Bomben flogen um das Haus u. trafen den Querflügel, andere fielen in den Garten. Die Nacht wurde taghell vom roten Feuerschein, das Haus schwankte, die Fenster klirrten, die Hölle schien los zu sein. Wäre es doch Morgen!

Der Morgen kam und brachte die Nachricht:“ Um 10 Uhr beginnt die Beschießung der Stadt. Der Feind steht in Essen-Süd.“ Es musste also das ganze Krankenhaus geräumt werden bis auf den letzten Schwerkranken und Körperbehinderten. Es war keine Minute zu verlieren. Auch das Notwendige für die Operationen etc. alles musste in den Bunker geschafft werden. Gott Dank waren die Sanitäter behilflich, so sorgte jeder für sein Ressort. Was würde uns bevorstehen? Ein Tag Bunkeraufenthalt wäre schon zu ertragen, aber niemand gab die Versicherung. Es wurde also alles eingerichtet: OP Zimmer, Säuglingsstation, Männer- Frauen und Priv. Station, damit die Kranken die gewohnte Pflege hatten. Die Küchenschwestern blieben im Hause und walteten mit Heldenmut ihres Amtes. Der Splittergraben leistete uns gute Dienste. In einer Pause konnten wir für die Mahlzeiten herüber gehen, allerdings mussten wir sie oft stehenden Fußes nehmen, immer gegenwärtig, dass ein Einschlag komme. In der Backstube, in der Hausarbeit halfen sich die Schwestern gegenseitig aus. Den Gottesdienst haben wir im Gang vor dem Speisezimmer. Zu beiden Seiten sind dicke Wände. Ein großes Kreuz vergegenwärtigt uns Golgotha, bei schwachem Lichtschein glauben wir in den Katakomben zu sein. Mögen uns die ersten Christen ihren Starkmut erbitten. Die Kirche hat mehrere Treffer, sie kann nicht benutzt werden. So haben wir täglich 2 Hl. Messen und erflehen für uns und die ganze leidende Menschheit den Segen, der vom Kreuze quillt.

Am ersten Abend wurden die feindlichen Spitzen vor der Ruhrbrücke gemeldet. Die Optimisten erwarten eine Übergabe, denn alle Vororte Essens sind kampflos dem Feind überlassen. Es werden schon Vorbereitungen getroffen, um die nutzlose Verteidigung anzuzeigen. Schwere Enttäuschung: Um 20 Uhr heißt es: „Verteidigung bis zum Äußersten“. Parlamentäre gehen hin und her. Alles vergebens! Die Höhen um Werden werden von schweren Geschützen beherrscht, und nun beginnt eine Kanonade, wie wir sie bisher noicht nicht erlebt. Ein Trommelfeuer bildet den Auftakt und dann schwerer Beschuß die ganze Nacht hindurch. Die Amerikaner schießen mit Phosphor-Granaten, die ganze Unterstadt steht in hellen Flammen. Löschen ist unmöglich, es ist auch keine Feuerwehr mehr in der Stadt. Die Menschen im Bunker sind voll Erwartung der Dinge, die über die Stadt kommen werden. Den ganzen Tag hindurch brachte man Verletzte, jetzt kommen Phoshor-Verbrannte, manche sind in den Hauskellern geblieben und sind nun Opfer des Angriffs. Die Bevölkerung bestürmt den Himmel, dass dieses Elend ein Ende nehmen möge, man schickt zu den leitenden Stellen, aber immer dieselbe Antwort: „Verteidigung bis zum letzten Mann“. Essen-Werden ist der Kampfzone Wuppertal zugeteilt, die Stellung soll gehalten werden. Alles ist eingesetzt: Werwölfe, die neue Form der H.J. als Angliederung der S.S., die Polizei, der B.d.M. Es sind bestimmt russische Zustände, so etwas hätten wir im deutschen Vaterland nicht erwartet. Die Granaten pfeifen hin und her von den Höhen. Wir liegen an allen Tagen ständig in der Kampflinie. Das Haus hat schon so viele Treffer, dass es aussieht wie am 29.11.44. Eine Brandbombe hat die Kapellenwand getroffen, eine liegt als Blindgänger oben im Turm am Aufzug, eine traf die Tür, welche vom OP.Z. nach draußen führt etc.. Auch das alte aus blieb nicht verschont. Die Wohnung von Dr. Glettenberg ist zerstört. Frl. Dr. Diener hat die ganze Einrichtung verloren. Im Garten sind mehrere Trichter, Obstbäume sind durchschlagen, man kann unmöglich den ganzen Schaden aufzählen. Wir hoffen nur, dass dieses Elend bald ein Ende nimmt, denn täglich wächst die Zahl der Opfer an Verwundeten und Toten.

Es ist Sonntag, das Fest des Hl. Ludgerus, des großen Patrons von Werden. Um ½ 10 Uhr Gottesdienst im Bunker. Im Geviert ist ein Altar aufgerichtet. Die Schwestern haben für alles gesorgt und es so festlich wie möglich gestaltet. Indem der Priester sein Introibo betet, singt die Gemeinde das allbekannte Ludg.Lied. Alle sind mitgerissen und wenden sich in flehentlichem Gebet an „ihren Vater und Beschützer“. Anknüpfend an das Ev. Vom Guten Hirten sprach Herr Dechant ermunternde Worte und forderte zu gemeinsamer Aufbau-Arbeit im christlichen Sinne auf, wenn der „Hirt seine Herde“ in diesen Schreckenstagen beschützen werde. Die Hl. Handlung nimmt ihren Fortgang, Gottes Sohn steigt hernieder – Stille im Bunker – ergreifender Augenblick. Wahrer Gott wir glauben Dir, Du bist mit Gottheit und Menschheit hier! Männerstimmen und Kinderstimmen. – Es schallt zum Domine, non sum dignus! Eine große Anzahl Gläubige treten zum Altar, die Kranken sitzen, soweit sie können, in ihren Betten. Auch von ihnen empfangen viele das Brot der Starken. Der Priester geht durch die Reihen von Bett zu Bett. So mag der Heiland tröstend durch Palästina gewandert sein oder heilend und segnend durch die weiten Hallen am Teiche von Bethesda , wo  die Kranken und Elenden auf ihren Tragbahren lagen. Als zum Schluß der Hl. Messe aus dankbarem und bittendem Herzen das „Großer Gott“ gesungen wurde, da blieb kein Auge trocken.

Der Gottesdienst war ein Erlebnis für alle, selbst Andersgläubige äußerten sich: „Wir beglückwünschen die Katholiken, welche eine solche Kraft aus ihrer Religion schöpfen“. Oft haben wir uns die Frage vorgelegt: „Warum schickt Gott den furchtbaren Krieg?“ Und oft finden wir die Antwort in den einzelnen Tagesgeschehnissen. Es ist ergreifend, wie im Laufe des Tages 1, 2, 3 Soldaten erscheinen, um sich für den letzten Kampf zu rüsten mit dem Freimut eines Bekenners, mit welcher Andacht sie vor dem Sanctuarium im Keller knien und dann aus des Priesters Hand die Hl. Kom. Empfangen. Glücklich diejenigen, die durch Nacht und Finsternis und Kampf und Streit ihren Glauben gerettet haben.

Die Kanadier sind als Spähtrupp in der Stadt. Aus den Häusern wird geschossen, regelrechte Straßenkämpfe, welch ein Gegensatz zur Sonntagsruhe. Am Abend Trommelfeuer als Auftakt zu einem Angriff unsererseits. Um 22 Uhr bringt man Verwundete in den Bunker, eine Tragbahre nach der anderen. Der Angriff ist nicht zustande gekommen, es wurde irrtümlicherweise in die eigenen Reihen geschossen. Die weiteren Nachtstunden verliefen verhältnismäßig ruhig. Am Sonntag waren Lebensmittelkarten ausgegeben worden. Da im allg. von 7-9 wenig zu fürchten war, suchten die Hausfrauen ihre Einkäufe zu tätigen. Wider Erwarten setzte der Beschuß eine Stunde früher ein und forderte viele Opfer. Es spielten sich herzzerreißende Szenen ab als Folgen dieses Unglücks. Die Not steigerte sich aufs Höchste. Den ganzen Tag hindurch Amputationen, Operationen. Die Zahl der Kranken war so groß, dass man sie nicht mehr zu lassen wusste, und die neuen Erdenbürger machten sich in ihrer vermehrten Zahl so bemerkbar, dass man Tag und Nacht keine Ruhe hatte. Inzwischen waren auch so manche aus dem Leben geschieden, dass kein Platz mehr vorhanden war für die Aufbahrung der Toten. Mehrere Leichen lagen schon im Garten auf dem Rasen. In der Pflege und Besorgung der Kranken mussten die Schwestern Höchstes leisten, dabei keine Ausspannung bei Tag und Nacht. Es folgte die 6. Nacht auf den Bänken im Bunker, wir bestürmen den Himmel: „Herr hilf uns, wir gehen zu Grunde!“. Ein erneuter Versuch der Übergabe wird abgewiesen. Der Art. Beschuß geht die ganze Nacht durch, jede halbe Stunde 9 schwere Schüsse. Um 6 ¼ Uhr beginnt die Hl. Messe. Wir bitten und flehen um Befreiung, gehen zur Hl. Kommunion. Die 2. Hl. Messe beginnt, eine Votiv-Messe zu Ehren des Hl. Geistes. „ Sende uns Deinen Geist und alles wird neu erschaffen“. Seit etwa 20 Minuten ist alles still, da hören wir in der Ferne das Rollen der Panzer. Nein, es ist keine Täuschung – schon meldet man das Hissen der weißen Fahne. Die Stunde der Erlösung aus der Todesnot ist da, nicht die Stunde der Befreiung, das wissen wir. Wir gehen neuen schweren Opfern entgegen, aber für den Sieg des Reiches Christi dürfen wir danken und daher beten wir verein ein „Te Deum. In te Domine speravi, non confundar in aeternum.“ Der Amerikaner hat sich Zeit genommen, über Velbert ist er in die Stadt eingedrungen. Am Montagmorgen stand der Pastoratsberg in hellen Flammen, heute hat uns der Herrgott strahlenden Sonnenschein gesandt, es ist der 17. April 1945. Wir können es zunächst noch nicht fassen, dass für uns das schlimmste Kriegselend ein Ende hat, alle Müdigkeit der letzten Woche wird nicht mehr geachtet, nach einer guten Morgenstärkung und einem kurzen Austausch und innerer Befreiung sind alle Hände fleißig an der Arbeit um die Kapelle, die Krankensäle und Zimmer wieder einigermaßen herzurichten. Man hört nur noch: “Deo gratias“ und „Guten Morgen“. Und ist auch vieles zerstört im Krankenhause, in der Stadt – Gottes Schutz war doch sichtbar bei uns.Am Mittag findet sich die Kommunität wieder zusammen, am Abend sind alle Kranken sorglich untergebracht, und während wir in den letzten Wochen uns allabendlich zu einer Bußandacht zusammen fanden und ein Miserere sangen vor ausgesetzten „Hochw.Gute“, stimmte Herr Pastor an diesem Abend einen Dankhymnus an. In dieser Nach brauchen wir keinen Alarm mehr zu fürchten und doch wissen wir auch, wenn ein Kreuz verschwunden ist wartet auf uns ein neues in anderer Form.

Es beginnt die Zeit der Besatzung. Die Amerikaner jagen mit ihren leichten Wagen durch die Stadt. Viele Bürger mussten die Wohnungen räumen. Der ganze Kirchplatz ist voll deutscher Soldaten. Als Gefangene stehen sie auf heimatlichem Boden und warten auf den Abtransport. Sie wussten, dass sie die Stellungen nicht halten konnten und wurden verpflichtet, in letzter Stunde das friedliche Städtchen Werden zu zerstören. Die Nacht verbringen sie im Bunker. Die Ausgänge werden bewacht. Am folgenden Morgen fahren die Lastwagen vor. Einzeln marschieren sie über die Trümmerstätte vor unserem Hause, Untersuchung in der Mitte des Platzes, Abgabe von Decken, Rucksäcken etc.etc.. Resigniert besteigen sie die Wagen, es werden Seile gespannt, ein Brot als Mundvorrat und dann fahren die, welche sich Jahre hindurch geopfert, in die Verbannung. Trauriges Los! Auch 400 Mann der Essener Polizei, darunter war beispielsweise ein 62 jähriger, der mit seinem Trupp in letzter Minute zur Verteidigung der Brücke eingesetzt war. Ob sie die Heimat noch einmal wiedersehen? Das Straßenbild beruhigt sich allmählich. Die Abtei – während der Kriegszeit Marineschule – ist zeitig geräumt, alles Zurückgebliebene wurde der Bevölkerung frei gegeben. Es war eine Geschäftigkeit sondergleichen, tagelang hat die Requirierungsaktion gedauert, die so schwer Betroffenen hatten Möglichkeiten, sich wieder häuslich einzurichten. Und unser Ludgerus-Dom! Er steht noch. Die Kirche hat von innen und außen manche Schäden, aber sie werden so zu beheben sein, dass uns ein würdiges Gotteshaus bleibt. Mit dem 21. April 1945 kann wieder der Gottesdienst gefeiert werden.

„Gott wir loben Dich
Gott wir preisen Dich!
O laß im Hause Dein
Uns all geborgen sein.“

Für allen Dank, der uns für die in den schweren Tagen geleistete Arbeit gezollt wurde, geben wir Gott die Ehre, denn „Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan!“

 

Zur Familie

Ca. 1920 bis 1950

Die Wienbeck als landwirtschaftlicher Betrieb war 1913/1917, wie bereits dargestellt, auf Franz Brunn übergegangen. Sein Vater August Brunn hatte, wie ebenfalls bereits dargestellt, 1913 die „Villa“ gebaut und war mit seiner Ehefrau Franziska und den noch zu Hause lebenden Kindern in die Villa gezogen, die, wie bereits ebenfalls ausgeführt, aus dem Hofesvermögen ausgegliedert und nicht auf  Franz übergegangen war.

 

Bei der Betrachtung der Geschichte der Familie „auf der Wienbeck“ sind daher im Folgenden die Entwicklung „auf dem Hof“ und die Entwicklung „in der Villa“ zu unterscheiden.

A.:  „auf dem Hof“

Franz Brunn führte als zweites Kind seiner Eltern August Brunn und seiner Ehefrau Franziska, geborene Böckenhoff, die Stammeslinie auf dem Hof der Wienbeck fort.

Am 22.03.1945 wurde Wulfen von einem amerikanischen Bomberverband bombardiert und schwer getroffen. Die Pfarrkirche und 15 Häuser wurden zerstört, das Bahnhofsviertel, der neue Friedhof und das Gelände „auf der Koppel“ getroffen. Die Matthäuskirche wurde alsbald wieder aufgebaut und konnte schon 1953 wieder eingeweiht werden.

Auch in der Nähe der Wienbeck gingen zahlreiche Bomben nieder, ohne dass jedoch die Wienbeck selbst getroffen wurde. Josef Brunn hat die Bombeneinschläge auf einer Karte festgehalten.

Bombeneinschläge siehe Ziffern 1 bis 6

Die Eltern:

Franz Brunn Catharina Zurbonsen

Franz Brunn wurde geboren am 07.03.1879.

Auch von ihm haben wir noch schriftliche Zeugnisse:

einen Brief vom 12. Dezember 1886 an seinen Großvater (Dr. Heinrich Brunn):

und einen Brief vom 15.07.1888, ebenfalls an seinen Großvater Heinrich:

Franz Brunn hat seine schulische Ausbildung ebenfalls auf der Gaesdonck erhalten.

So haben wir auch von ihm einen Brief, mit dem er aus dem Internat seinen Eltern zur Geburt seines Bruders Alois gratuliert.

Wie dargestellt, hatte August Brunn seinem Sohn Franz Brunn mit notariellem Vertrag vom 15.10.1917 sein im Grundbuch von Wulfen Band 10 Blatt 119 eingetragenes Gut Deuten Nr. 1 und die im Grundbuch von Wulfen Band 7 Blatt 39 Nr. 1 eingetragene Hälfte des Grundstückes Flur 8 Nr. 32/3 der Gemeinde Wulfen gegen übliche Altenteilsleistungen übertragen.

Welche Größe das übertragene Gut Deuten Nr. 1 im Jahre 1917 hatte, ist nicht bekannt, jedoch ergeben sich nach dem Landwirtschaftlichen Adressbuch für die Provinz Westfalen aus dem Jahr 1931  unter der Bezeichnung Haus Wienbeck Nr. 1 zu Franz Brunn nachfolgende Betriebsdaten:

Brunn, Franz  insg. 73 ha, dav. 45 ha Holz, 5 Pferde, 33 Stck Rindvieh,10 Schweine, Tel.Nr. 8

Damit ist auch in der Generation von Franz Brunn die Flächenausstattung des landwirtschaftlichen Betriebes vergrößert worden.

Interessant dürfte sein, ebenfalls nach dem vorgenannten Adressbuch, ein Vergleich mit den verwandten Betrieben:

Die Wienbeck hatte danach bezogen auf die landwirtschaftlichen Nutzflächen einen relativ hohen Pferde- und Rindvieh -Bestand. Das besondere Interesse des Vaters des Verfassers für die Rindviehzucht mag sich daher erklären.

Am 27.08.1913 heiratete Franz Brunn Catharina Zurbonsen aus Warendorf. Catharina Zurbonsen war geboren am 08.01.1886.

Aus ihrer Ehe gingen 7 Kinder hervor:

Irmgard Franziska (Zitta) August Maria
Anna-Elisabeth Franz Caecilia (Cilly)

Korrektur/Änderung nach Paul Schulze Balhorn

Franz Brunn und Tine Zurbonsen in späteren Jahren (Foto d. Verf.)    

Franz Brunn starb am 21.04.1955, Catharina Zurbonsen am 07.02.1960.

Beide sind auf dem Friedhof in Wulfen beigesetzt.

Die Kinder:

  • Irmgard Brunn

Irmgard Brunn wurde geboren am 15.05.1914.

Sie heiratete am 16.11.1937 den Domänen-Pächter Willi Frielinghausen in Bockum ü/ Meschede. Aus ihrer Ehe gingen hervor die Kinder Christa und Jutta.

  • Franziska Brunn

Franziska (gn. Zitta) Brunn wurde geboren am 03.06.1915.

Sie heiratete am 20.11.1937 den Gestüts-Besitzer Heinz Meßmann in Waltrop. Aus ihrer Ehe gingen hervor die Kinder Ingrid, Ursula, Helga, und Silvia. Zitta verstarb am 25.11.1991.

  • August Brunn

August Brunn wurde geboren am 14.09.1916.

Er wurde Erbe der Wienbeck. Mit ihm setzte sich die Stammeslinie auf der Wienbeck auf dem Hof) fort. Er war verheiratet seit dem 18.03.1920 mit Irmgard Möller aus Holsterhausen. Aus ihrer Ehe gingen vier Kinder hervor.

  • Maria Brunn

Maria (gn. Mia) Brunn wurde geboren am  24. 04.1918

Sie war seit dem  02.07.1947 verheiratet mit dem Landwirt Schulte Huxel in Lasthausen. Aus ihrer Ehe gingen hervor die Kinder Marianne, Franz Josef, Annegret, Paul und Friedrich. Mia verstarb am 20.02.1998.

  • Anna Elisabeth Brunn

Anna Elisabeth Brunn wurde geboren am 08.11.1919.

Sie war kinderlos verheiratet mit dem Versicherungsinspektor Heinz Nößler.

  • Franz Brunn

Franz Brunn wurde geboren am 13.04.1922.

Er starb als Soldat im II. Weltkrieg am 21.02.1945 in Kurland.

  • Caecilia Brunn

Caecilia (gn. Cilly) Brunn wurde geboren am 28.12.1923. Sie war seit dem 31.01.1956 verheiratet mit dem Bauern und Gastwirt Josef Jungmann in Hoetmar in dessen 2. Ehe. Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor: Klaus und Dieter.  Cilly verstarb am 13.10.1991.

B.: "in der Villa"

Josef Brunn wurde geboren am 10.09.1896. Er setzte die Stammeslinie auf der Villa der Wienbeck fort.

Josef Brunn studierte Ingenieurwissenschaften in Darmstadt und schloss seine Studien als Diplom-Ingenieuer ab.

In leitender Stellung als Prokurist und Mitglied des Vorstandes war bei den Bacock Kesselwerken in Oberhausen berufstätig.

Am 04.10.1928 heiratete er Friedel Maria Wenderoth aus Darmstadt, gb. am 11.03.1901.

von links: Gerti Debbelt, Alois Brunn, Friedel Wenderoth, Josef Brunn, ??  , ??

   Aus ihrer Ehe gingen 2 Kinder hervor: Heinz Josef und Gisela.

 

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